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KLIMAWANDEL: Ein Ex-Präsident kämpft gegen den Untergang der Malediven

Die Malediven könnten gerettet werden. Davon ist der frühere Präsident Mohamed Nasheed überzeugt. Die grösste Gefahr für den vom Meeresspiegelanstieg bedrohten Inselarchipel gehe von der islamistisch-autokratischen Regierung aus.
Isabelle Daniel, Genf
Die trostlosen Seiten des Ferienparadieses: angeschwemmter Abfall an der maledivischen Küste. (Bild: Aishath Adam/Getty (Maafushi, 1. November 2016))

Die trostlosen Seiten des Ferienparadieses: angeschwemmter Abfall an der maledivischen Küste. (Bild: Aishath Adam/Getty (Maafushi, 1. November 2016))

Isabelle Daniel, Genf

Den Malediven läuft die Zeit davon. Noch 100 Jahre, schätzen Experten, dann könnte ein Grossteil der fast 1200 zum Land gehörenden Inseln teils oder komplett verschwunden sein, verschluckt vom Indischen Ozean. Schon jetzt liegen die Inseln im Durchschnitt nur 1,5 Meter über dem Meeresspiegel.

Was geschieht, wenn ein ganzes Land im Meer versinkt? «Es wäre das Ende unserer Kultur», sagt Mohamed Nasheed im Gespräch mit unserer Zeitung. «Unsere Zivilisation ist seit über 2000 Jahren nachgewiesen.» Nasheed war von 2008 bis 2012 Präsident der Malediven, seine Amtszeit ein demokratisches Intermezzo in einer Jahrzehnte währenden Autokratie.

Nasheed ist ein zierlicher Mann, dem es gelingt, den Raum, den er betritt, sofort für sich einzunehmen. Viele Hände hat Nasheed an diesem Tag, an dem ihm der Courage-Preis des diesjährigen Genfer Menschenrechtsgipfels verliehen wird, geschüttelt, unzählige Small Talks hat er mit jenen Fremden und Bekannten geführt, die ihm zu der Auszeichnung gratulieren. Nasheed ist ein Mensch, der viel lacht, der Nähe herstellt, indem er seinem Gegenüber auf die Schulter klopft. Als wolle er sagen: «Wir haben es geschafft.»

Eine angemessene Portion Dramatik

Geht es jedoch um sein Kernthema, den Klimawandel, weicht die Unbeschwertheit aus Nasheeds Gesichtsausdruck. Der steigende Meeresspiegel, sterbende Korallenriffe und grünes Wachstum: Es sind dies die Themen, die Nasheed in Leidenschaft versetzen – und mit denen er es geschafft hat, die internationale Aufmerksamkeit auf sein kleines Heimatland zu lenken.

Dass ihm der Umweltschutz ein ernsthaftes Anliegen ist, darauf weist die hohe Frequenz hin, in der sich seine Stimme nun bewegt. Doch Nasheed ist auch ein politischer Profi, der es versteht, seine klimapolitische Programmatik mit Forderungen an die internationale Gemeinschaft zu verknüpfen. Seinem Sachverständnis verpasst er die angemes­sene Portion Dramatik. Spürbar oft hat Nasheed in internationalen Foren für die ambitionierten Klimaprojekte geworben, von denen er sich Rettung für sein Land erhofft; ebenso oft hat er sich als derjenige präsentiert, der die Lösung für das schier unlösbare Problem kennt: Mohamed Nasheed, der Retter der Nation.

«Die sinnvollste Anpassungsmassnahme an den Klimawandel ist gute Regierungsführung», glaubt Nasheed heute noch. Schon früh hat der 49-Jährige den Klimawandel zum Thema gemacht. Im Wahlkampf 2008 provozierte der studierte Ozeanograf die Industrienationen, indem er den Folgen des Klimawandels Kontur verlieh. Die einzige Rettung für die Malediven sei die Umsiedlung der ganzen Gesellschaft – und dazu bräuchte es neues Land, etwa auf australischem oder indischem Territorium.

«Wir brauchen Massnahmen»

Von dieser Idee nahm Nasheed als Präsident Abstand. «Ich bin davon überzeugt, dass wir unsere Riffe durch ökologische Anpassungsmassnahmen bewahren können. Weite Teile der Weltbevölkerung befinden sich auf der Flucht vor dem Klimawandel. Wer denkt da noch an 400 000 Malediver? Wir brauchen Massnahmen, die es uns ermöglichen, zu Hause zu bleiben.» Als ehrgeiziger grüner Präsident machte Nasheed sich einen Namen. Zu seinen politischen Zielen gehörte es, die Malediven bis ins Jahr 2020 zum ersten kohlenstoffneutralen Staat der Erde zu machen – ein «Traum», dem der amtierende Umweltminister Thoriq Ibrahim vergangene Woche eine Absage erteilte.

Dass seine Hoffnungen – wie diejenigen internationaler Umweltaktivisten – zerstreut wurden, bremste Nasheeds Zuversicht nicht. Tatsächlich ist er, der zu Beginn seiner Präsidentschaft noch davon überzeugt gewesen war, der buchstäbliche Untergang seines Landes sei unaufhaltsam, optimistischer geworden.

Haft für den Demokraten, Freiheit für Islamisten

2012 zwang ein Putsch, an dessen Spitze der derzeitige Präsident Abdulla Yameen stand, Nasheed aus dem Amt – und ins Gefängnis. Der Vorwurf lautete auf Terrorismus, Nasheed wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt. Ein «Hohn auf die Gerechtigkeit», echauffierte sich die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Ein Hohn war der Tatvorwurf an Nasheed auch deshalb, weil seine Verurteilung mit der Freilassung von maledivischen Gefangenen zusammenfiel, die für den Islamischen Staat in Syrien und im Irak gekämpft hatten.

Nasheed ist eine Ausnahmeerscheinung in der politischen Kaste der Malediven, die von familiären Seilschaften dominiert ist. Der aktuelle Präsident Yameen ist ein Halbbruder des einstigen Langzeitherrschers Maumoon Abdul Gayoom, den Nasheed in der Wahl von 2008 besiegte. Yameen verficht die Todesstrafe; eine seiner ersten Amtshandlungen war die Aufnahme der Ölförderung. Nasheed hingegen steht für Modernisierung, nicht nur in wirtschafts- und umweltpolitischer Hinsicht, sondern auch in kultureller. Der sunnitische Muslim gilt als religiös moderat. Als Präsident rief er seine Landsleute dazu auf, sich gegen religiösen Extremismus zu engagieren. «Sollen wir die Genitalverstümmelung von Mädchen dulden? Sollten wir die Kinderehe erlauben?», fragte er seine Landsleute bei einer Kundgebung, um darauf selbst die Antwort zu geben: «Wir kommen in unserer Entwicklung nicht voran, wenn wir in die Steinzeit zurückkehren.» Im Dezember 2011 war das, nur knapp zwei Monate vor dem erzwungenen Ende seiner Präsidentschaft.

Vergangenes Jahr gestattete das maledivische Regime Nasheed die Ausreise, um sich in London einer Rückenoperation zu unterziehen. Seither lebt Nasheed in Grossbritannien, wo ihm politisches Asyl gewährt wird. Er werde aber in sein Heimatland zurückkehren, «noch vor der nächsten Wahl», sagt Nasheed, der, ähnlich den aus dem Amt geschiedenen US-Präsidenten, auf der internationalen Bühne auch heute noch mit «Mister President» angesprochen wird.

«Sie werden mich wieder ins Gefängnis stecken»

«Sie werden mich wahrscheinlich wieder ins Gefängnis stecken. Ich vertraue aber darauf, dass die Malediver ihr Bestes geben werden, damit ihr Wunschkandidat zur Wahl zugelassen wird.» Auch vom Ausland erhofft sich Nasheed Hilfe. «Wir bitten um gezielte Sanktionen gegen führende Teile des Regimes.»

Das «Wir», das ist die Maledivische Demokratische Partei (MDP), zu deren Gründungsmitgliedern Nasheed 2005 zählte. Zu diesem Zeitpunkt war der ehemalige Journalist bereits ein international bekannter Menschenrechtler – und für das Regime in Malé ein Staatsfeind. Seit 1989 wurde Nasheed mehr als 20 Mal verhaftet, 13 Mal sass er im Gefängnis, zwei Mal wurde er gefoltert. Wenn er davon berichtet, wird Nasheed emotional; wie ein gebrochener Mann wirkt er nicht. Seine Ziele verfolgt der Ex-Präsident auch von seinem Exil aus. Mit einem Unterschied: Heute will er nicht nur die Malediver retten, sondern die Malediven insgesamt. Dieser Plan gleicht einem Wettlauf gegen die Zeit. Vergangene Woche hat die Regierung von Präsident Yameen eine neue Entwicklungsstrategie bekannt gegeben, die den ökologischen Ansatz Nasheeds endgültig zu begraben droht. Nach Informationen des «Guardian» plant Präsident Yameen, das Faafu-Atoll mit 19 Inseln und Dutzenden Riffen an die Familie des saudischen Königs Salman bin Abdulaziz zu verkaufen, der die Malediven in der kommenden Woche mit einer 1000-köpfigen Delegation besucht. Laut «Guardian» soll das Atoll zu einem riesigen Ferienresort umgebaut, die mehr als 3000 Bewohner umgesiedelt werden. Pläne der Regierung sähen vor, dass der jährliche Tourismus, der derzeit bei 1,3 Millionen Besuchern liegt, in den nächsten zehn Jahren auf 7 Millionen Besucher wachsen soll. Ein solcher Massentourismus würde den Malediven jedoch den Todesstoss versetzen, glaubt Nasheed. «Wir verkaufen unsere Natur an Touristen. Gerade wegen unserer Abhängigkeit vom Tourismus sollten wir unsere Riffe schützen und umweltfreundlicher sein.»

In Genf gibt sich Nasheed siegessicher – in Bezug auf den Kampf gegen den Klimawandel und eine demokratische Erneuerung der Malediven unter seiner Führung. «Dafür brauchen wir natürlich auch die Hilfe unserer internationalen Freunde», sagt Nasheed augenzwinkernd. Andernfalls könnte es sein, dass der erste demokratische Präsident der Malediven seinem Land beim Untergang zusehen muss – vom Exil aus.

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