KNIGGE: «Lieber mal was falsch machen»

Wo darf man rülpsen, wo schmatzen, und wo sollte man auf keinen Fall die schönen Möbel der Gastgeber loben? Die Luzernerin Mignon Fuchs kennt die Benimmregeln von fast jedem Land der Welt. Sie selbst nimmt es allerdings locker mit den Knigge-Regeln.

Interview Robert Bossart
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Mignon Fuchs hat einen schönen Teil ihres Lebens in Flugzeugen verbracht, darum trafen wir sie fürs Fotoshooting an einem passenden Ort: im Verkehrshaus Luzern. (Bild Corinne Glanzmann)

Mignon Fuchs hat einen schönen Teil ihres Lebens in Flugzeugen verbracht, darum trafen wir sie fürs Fotoshooting an einem passenden Ort: im Verkehrshaus Luzern. (Bild Corinne Glanzmann)

Sie haben ein Buch über Knigge-Regeln in 55 Ländern geschrieben und kennen sich aus. Nun stehe ich vor Ihnen und bin leicht nervös – mache ich kniggemässig alles richtig?

Mignon Fuchs: Wenn Sie tatsächlich nervös sind, wäre das ganz schlecht.

Ich fragte mich schon, ob ich nun passend gekleidet bin und ob ich in keine Fettnäpfchen trete – indem ich zum Beispiel vor Ihnen durch die Tür ins Kaffee gehe oder Ähnliches.

Fuchs: Erstens sind Sie super gekleidet für diesen Anlass, und zweitens soll es so eben überhaupt nicht sein. Es geht nicht darum, dass man sich immer und überall dauernd überlegt, ob man alles nach Regeln macht oder nicht.

Für viele Menschen haben Knigge-Regeln etwas Steifes, Verkrampftes.

Fuchs: Genau das sollte es aber nicht sein. Wenn man aber die Regeln in einer Kultur kennt, kann man sich lockerer und freier bewegen, weil man ja weiss, was sich gehört und was nicht. Insofern sind Benimm-Regeln hilfreich, es erleichtert das Zusammenleben unter Menschen, aber es soll nicht steif und kompliziert sein. Lieber mal etwas falsch machen und darüber herzhaft lachen als die ganze Zeit still und befangen dasitzen.

Was ist die schlimmste Stilsünde, die Sie je erlebt haben?

Fuchs: Es gibt schon Fettnäpfchen. Ich war mal an einem noblen Anlass im KKL, da habe ich Frauen gesehen mit kurzen Söckchen oder Kniestrümpfen unter dem Abendkleid – schrecklich. Und dazu noch eine Freitag-Tasche. Ich möchte jedoch betonen, dass ich Letztere toll finde, aber es sollte entsprechend zum Anlass passen. Das sind absolute Kleider-Stilsünden.

Und sonst?

Fuchs: Vom Benehmen her gibt es immer wieder grobe Verfehlungen. Wenn sich zum Beispiel jemand herablassend oder entwürdigend über sein Gegenüber äussert. Ein Mensch, der eine gewisse Klasse besitzt, tut das nicht. Dabei geht es auch um eine innere Haltung, um Respekt dem anderen gegenüber.

Über welche Knigge-Verfehlungen lachen Sie?

Fuchs: Mir ist selber mal ein grässlich-komischer Fauxpas passiert: Ich habe eine Kollegin von mir, die ein Bäuchlein hatte, angesprochen und gefragt, ob sie bald ein Kind bekomme. Sie antwortete, dass sie eben eins bekommen habe. Und wissen Sie, was das Schlimmste ist? Das ist mir zwei Jahre später bei der gleichen Person nochmal rausgerutscht! Sie hat einfach ihren Bauch nicht wegbekommen. Das war sehr, sehr peinlich.

Was haben Sie daraus gelernt?

Fuchs: Dass spontane, offene Menschen – zu dieser Sorte gehöre auch ich – besser zuerst denken, bevor sie sprechen (lacht).

Wie rettet man sich aus so einer Situation?

Fusch: Ehrlich sein und nichts beschönigen, sich entschuldigen, lächeln und basta. Nachher lange darüber sprechen und es schönreden – das macht es nur noch schlimmer.

Kennen Sie das Gefühl, dass man vor lauter Peinlichkeit im Erdboden versinken möchte?

Fuchs: Ja. Als ich als Stewardess bei der Swissair angefangen habe und ich in der ersten Klasse bedienen musste. Es war ein 40-minütiger Flug nach Paris, und die meisten Passagiere gehörten einer bekannten Hardrockgruppe an. Es war sehr stressig wegen der kurzen Flugzeit – und dummerweise habe ich den Hebel für das Aufwärmen der Mahlzeiten nicht betätigt. Und so blieb das Essen kalt. Am liebsten wäre ich zum Flieger rausgesprungen. Stattdessen stellte ich mich vor die Passagiere und beichtete den Fehler. Die nahmen es glücklicherweise cool: Gib uns ein paar Bier, das geht auch, meinten die Rocker.

Unter Knigge verstehen viele, dass man um jeden Preis höflich ist, Ehrlichkeit muss da hinten anstehen. Stimmt das?

Fuchs: Nein, das ist nicht so, gutes Benehmen ist nicht nur Fassade. Natürlich ist der Punkt mit der Ehrlichkeit nicht überall gleich. In Asien muss man vieles hinter einem Lächeln verstecken, weil Nein sagen einfach verpönt ist.

Welches der 55 Länder, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, ist kniggemässig am schwierigsten?

Fuchs: Japan. Ein Land mit 1000 Regeln. Vieles ist Fassade, niemand darf sich in den Vordergrund stellen. Sie lächeln, auch wenn es nichts zu lächeln gibt, ein Nein gibt es nicht, sonst verliert man sein Gesicht.

Wenn ich eine Japanerin frage: Liebst du mich? Was tut sie dann?

Fuchs: Sie würde vielleicht sagen, dass Sie eine liebevolle Person sind. Aber eine klare Abweisung bekommen Sie nicht. Dennoch ist Japan ein wundervolles Land. Es gibt auch andere Kulturen, in denen es kompliziert werden kann. In arabischen Ländern zum Beispiel sollte man sich, wenn man privat eingeladen ist, beim Loben von Gegenständen in der Wohnung zurückhalten – sonst kann es passieren, dass sich die Gastgeber verpflichtet fühlen, einem das Stück zu schenken.

Soll man alle Sitten und Bräuche mitmachen? Rülpsen, schlürfen und schmatzen Sie auch, wenn Sie in China zum Essen eingeladen sind?

Fuchs: Alles nicht, es gibt zum Beispiel Benimmregeln, die klar frauenfeindlich sind. Aber was die Tischsitten in China angeht: Wir bleiben lieber so, wie wir sind, sonst kann das wiederum falsch rauskommen. Ein bisschen anpassen ist wünschenswert, aber sich nicht um jeden Preis verdrehen. Authentizität ist besser.

Welches Land ist kniggemässig Ihr Favorit?

Fuchs: Die Schweiz ist nicht schlecht, aber es hat noch Entwicklungspotenzial. Wir Schweizer könnten noch etwas offener und spontaner werden.

Wer spontan ist, verletzt je nachdem eine Knigge-Regel nach der anderen, weil er nicht mehr daran denkt, wie er sich benehmen müsste – sondern eben spontan ist.

Fuchs: Das sehe ich anders. Mit spontan meine ich auch Charme und Herzlichkeit. Punkto Knigge sind zum Beispiel die Amerikaner topp, da könnten wir uns eine Scheibe abschneiden. Wenn ich in einem überfüllten Bus stehe und sich jemand mürrisch an mir vorbeidrängt, dann denke ich manchmal schon, ob es nicht mit etwas Freundlichkeit besser ginge.

In Luzern gibt es seit kurzem Gastfreundlichkeits-Workshops, wo man lernt, freundlich zu sein. Funktioniert das?

Fuchs: Nur bedingt. Es geht um eine innere Haltung. Wer den Glauben ans Gute nicht verliert, neugierig bleibt und das Leben so, wie es ist, geniesst, der wirkt charmant und hat vielleicht sogar Charisma. Das ist nicht einfach lernbar, aber man kann Menschen darauf sensibilisieren, dass sie ihr Gespür schulen und achtsam werden.

Welches Land ist ein Vorzeigebeispiel punkto Benehmen?

Fuchs: England, die Menschen dort haben Stil, sie haben etwas Leichtes – und Humor.

Wie sind die Innerschweizer?

Fuchs: Grösstenteils sind das sehr liebenswürdige, umgängliche Menschen. Ich wäre wohl längst «ausgewandert», wenn ich mich nicht rundum wohlfühlen würde in der Innerschweiz.

Und im Gegensatz zu Zürich?

Fuchs: Ich empfinde die Luzerner als natürlicher, etwas weniger weltmännisch vielleicht. Aber die kleine Stadt hat den Vorteil, dass man miteinander spricht und sich nicht so stark abgrenzt. In Zürich herrscht halt das Business vor.

Was ärgert Sie am meisten, wenn Sie Touristen in fremden Ländern erleben?

Fuchs: Wenn sie genau das Gleiche wie zu Hause erwarten. In dem Fall sollte man lieber zu Hause bleiben. Was mich ebenfalls stört, ist unpassende Kleidung, etwa, wenn Touristen in Shorts am Abend in einem gepflegten Restaurant essen.

Aber das ist doch weit verbreitet?

Fuchs: Ich weiss, dennoch finde ich es falsch. Es geht auch um Respekt. In einem schönen Restaurant, wo das Personal gepflegt daherkommt, erwartet man das auch von den Gästen. Aber solches gilt auch für das KKL: An ein klassisches Konzert geht man nicht in Jeans und Turnschuhen.

Ist das nicht elitär? Nicht alle können sich teure Kleider leisten.

Fuchs: Es muss nicht teuer sein, man kann auch bei H & M einen Anzug kaufen.

Sie sind eine Verfechterin des Small Talks. Ist das nicht zu oberflächlich?

Fuchs: Es geht dabei nicht um tiefgründige Gespräche. Es geht darum, möglichst schnell einen gemeinsamen Konsens zu finden. Aus solchen Begegnungen können sich dann in einer nächsten Phase auch Freundschaften entwickeln, die tiefgründiger sein können.

Hierzulande mögen viele Small Talk nicht so, man hat es lieber direkt und geradlinig.

Fuchs: Unter Freunden mag das gut sein. Aber gerade im Geschäftsleben kommt das an vielen Orten auf der Welt schlecht an. Ein Beispiel: Eine Schweizer Delegation wollte im Oman ein Geschäft machen. Sie wurden empfangen und zum Essen eingeladen. Kaum war man fertig, klatschte ein Schweizer in die Hände und sagte: Lets talk about business – damit war das Geschäft geplatzt. Das geht einfach nicht, in den meisten Ländern will man mit «Freunden» geschäften, da ist das gegenseitige Beschnuppern sehr wichtig.

Sie sind seit 30 Jahren als Flugbegleiterin tätig. Leben Sie aus dem Koffer heraus?

Fuchs: Nein, das Erste, was ich mache, wenn ich nach Hause komme, ist, den Koffer auszupacken. So fühle ich mich sofort wieder zu Hause.

Wie lebt eine Weltenbummlerin ihr Privatleben?

Fuchs: Puh, was soll ich sagen. Ich war einmal verheiratet, hatte langjährige Beziehungen, darunter auch zwei Fernbeziehungen. Im Moment bin ich ungebunden, aber ein einsamer Mensch bin ich nicht, im Gegenteil. Ich schätze den Kontakt zu Freunden und Bekannten sehr. Mein Freundeskreis ist riesig. Aber am wichtigsten sind mir die Handvoll meiner wahren, treuen Freunde. Oberflächlichkeit liegt mir nicht.

Ist die Beziehungspflege nicht schwierig, wenn man so viel unterwegs ist?

Fuchs: Man sagt mir nach, dass ich die Fähigkeit habe, Menschen zusammenzubringen. Ich bin gesellig und habe Menschen gern.

Was machen Sie in der Freizeit?

Fuchs: Ich lese und backe leidenschaftlich gern, treibe viel Sport und bin gerne in der Natur, dort schöpfe ich Ruhe und Kraft. Zudem mache ich seit zwanzig Jahren orientalischen Tanz.

Wenn Sie wählen könnten: Welches wäre Ihre Traumheimat?

Fuchs: Australien, dort herrscht eine ansteckende Lockerheit. Das Land verströmt ein Gefühl von Freiheit. Auch Südafrika ist wunderbar oder Bali. Aber ich liebe Luzern. Wenn man irgendwo auf der Welt sagt, dass man hier wohnt, heisst es immer: You are so lucky.

Als Maître de Cabine arbeiten Sie an Bord vor allem in der Business Class. Haben Sie noch nie einem Promi das Essen über die Hosen geschüttet?

Fuchs: Einer Kollegin ist so etwas passiert mit Richard Gere. Sie bediente ihn zusammen mit einer Kollegin, und beide waren unheimlich nervös. Die eine hat ihm das Essen geschöpft und die Hälfte daneben geschüttet. Meine Kollegin war so fasziniert von seinen Augen, dass sie ihm das Bier über die Hosen statt ins Glas geleert hat. Gere nahms gelassen und hat einfach nur gelacht.

Und Ihnen?

Fuchs: Einen Geschäftsherrn hatte ich vor Jahren einmal mit einer vollen Flasche Tomatensaft von oben bis unten überschüttet. Sein anfänglicher Charme mir gegenüber hat sich danach leider urplötzlich verflüchtigt (lacht).

Und welche Berühmtheiten hatten Sie schon im Flieger?

Fuchs: Alain Delon, den Prinzen von Dänemark, Placido Domingo, den König von Saudi-Arabien, Kofi Annan und viele mehr. Sogar Greta Garbo habe ich noch erlebt.

30 Jahre in der Luft

Mignon Fuchs, 1960 in Basel geboren, wuchs in Luzern auf, wo sie auch heute noch wohnt. Fuchs absolvierte zuerst die Ausbildung zur Dental-Assistentin. Vor 30 Jahren begann ihre fliegerische Laufbahn zuerst als Flight Attendant bei der Swissair, später als Maître de Cabine. Heute fliegt Mignon Fuchs Teilzeit für die Swiss. Daneben liess sie sich zur Kosmetikerin, Farb- und Stilberaterin und Trainerin ausbilden. Fuchs arbeitet für die Swiss, für Swiss-Aviation-Training sowie selbstständig zusätzlich als Trainerin im Bereich Umgangsformen, Körpersprache und Erscheinungsbild. Ausserdem gibt sie Seminare und Kurse rund um das Thema Umgangsformen und «Knigge International». Weitere Infos: www.mannersandmore.ch