KÖRPERKULT: Junge lassen die Muskeln spielen

Ein Sixpack alleine genügt nicht. Junge Frauen und Männer stählen ihren Körper. Und achten kleinlich auf ihre Ernährung. Nur einmal in der Woche nicht – und dies ganz bewusst.

Edith Arnold
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Anja Zeidler (22): «Vorher war ich 365 Tage auf Diät.» (Bild: PD)

Anja Zeidler (22): «Vorher war ich 365 Tage auf Diät.» (Bild: PD)

Edith Arnold

Hier Magersucht, dort Fettleibigkeit, Natural Bodybuilding in der Mitte? Erklären wir die Disziplin zum Sport der Zeit. Aus eigener Kraft den Körper zu designen, ist eine schöne Vorstellung. Und um äussere Potenz geht es ja heute fast überall. Oder, wo sind die inneren Werte von Business und Social Media?

Immer mehr Menschen machen Bilder, die irgendwo erscheinen. Bei aller Dichte nimmt nun auch die individuelle Körpermasse zu. Allerdings ganz gezielt, wohlproportioniert, definiert: Jugendliche betreiben im Fitnesszentrum zunehmend Natural Bodybuilding – einen umfassenden Lifestyle.

Florian Hess: 90 kg bei 1,80 m

«30 Prozent ist Training, 70 Prozent Ernährung», sagt Florian Hess (21), Fitnessinstruktor bei Lifefitness 24 in Horw. «Viele gehen bei uns Rückenprobleme an. Gut aussehen wollen alle. Mit Natural Bodybuilding können sie beides kombinieren.» Das Fitnesscenter befindet sich in einem unscheinbaren Gebäude beim Bahnhof. Der Besitzer, Ivan Bucher, weilt gerade in Miami, wo er an Wettkämpfen teilnimmt. Bald kehrt er mit einem weiteren «Mister Universum»-Titel zurück. Sechsmal pro Woche trainiert auch Florian Hess 1,5 Stunden. Seine Bizeps und Trizeps scheinen bereits wohldefiniert. Man sei nie ganz zufrieden mit dem, was man habe, findet er. Potenzial sehe er im Latissimus-Bereich (Rücken). Nebst dem Training folgt er einem Ernährungsplan. Ein Appetizer:

  • Frühstück: grosses Birchermüesli mit 50 g Proteinpulver und 1 Stück Schwarzbrot
  • Znüni: 1 Packung Reiswaffeln und 200 g Pouletfleisch
  • Mittagessen: viel Gemüse oder Salat mit einer grossen Portion Reis oder Kartoffeln und 300 g Entrecôte
  • Zvieri: 150 g Poulet mit etwas Reis und ein «Schächteli» Himbeeren
  • Abendessen: Broccoli nach Lust und Laune und 300 g Entrecôte oder Pangasius
  • Vor dem Schlafengehen: zurzeit einen grossen Becher selbst gemachte Protein­glace

Zudem gebe es dreimal 10 g Aminosäuren und 3 Fischölkapseln, vielleicht 1 Pre-Workout-Booster, sagt der gelernte Maurer. Ganz wichtig seien 3 Liter ungesüsster Tee oder leeres Wasser. Ein Kollege stoppt gerade an der Theke. Hier arbeite man mit einem Ziel vor ­Augen, lacht dieser. Wellness komme erst nach dem Training. In der Sauna würde kein Bizeps wachsen. Entspannung fänden die Muskeln im Schlaf. Sieben bis acht Stunden täglich seien schön.

Am gelegentlichen Cheat Day, dem trainingsfreien Schummeltag, erlaubt man sich einiges: Pizza, Burger, Würste. «Solcher Güsel ist wichtig für den Stoffwechsel», finden die starken Männer. Dazu könne man sogar etwas Alkohol einbauen. Wobei dieser die Eiweisse zerstöre. Wenn schon, dann isotonisches Bier.

Wo sie ihre Muskeln zeigen? Ab und zu in der Seebadi, zuverlässiger auf Instagram oder Facebook. Ins Nachtleben stürzen sie sich selten. Als Ort der Begegnung bietet sich das Fitnesscenter an. Mitglieder können 24 Stunden trainieren. Vor ein paar Monaten nutzte Anja Zeidler um 5 Uhr die Möglichkeit des Clubs. Das Video des Fitnessmodels wartet auf Youtube.

Florian Hess (21): «30 Prozent ist Training, 70 Prozent Ernährung.» (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Florian Hess (21): «30 Prozent ist Training, 70 Prozent Ernährung.» (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Anja Zeidler: 70/72 kg bei 1,76 m

Inzwischen stählt Anja Zeidler (22), ihre Muskeln im Spartakus Fitness in Emmenbrücke. Sie sei momentan zwar nicht in Fotoshootingform, aber das sei ihr egal, behauptet die Luzernerin via Skype aus Los Angeles. «Vorher war ich 365 Tage auf Diät, jedes Müseli gut definiert, ständig im Kaloriendefizit.» Während ihrer Auszeit, zu verfolgen auf Social-Media-Kanälen, geniesst sie neben Mango-Daiquirís noch anderes: Gestern sei sie zuerst Sushi essen gegangen, dann habe sie sich von zwei Freunden zu einer Homeparty in einer Villa in Hollywood überreden lassen. Jeder sei ein Schauspieler gewesen, jeder ein Model oder ein Regisseur, so das Fitnessmodell oder die Fitness-Youtubistin.

Auf leancurves.de bietet sie Coachings für Frauen an. Diese können zwischen «Modellook» oder «Fitnessschick» wählen. Allen rät sie, sich nicht an Vorbildern zu orientieren, schon gar nicht an solchen auf Hochglanztiteln, denn so sei man auf Dauer unzufrieden. Man müsse an die eigene Kraft glauben und den eigenen Arsch stemmen. Ob Anja Zeidler als Natural Bodybuilderin eigentlich ganz natural ist? Bis auf die Brüste schon, sagt sie. Auch bei Krankheiten wolle sie möglichst ohne Chemie auskommen. Ein Körper könne sich selber heilen. In Küstenstädten wie Los Angeles oder New York beobachtet Anja Zeidler mehr durchtrainierte Frauen als in der Schweiz. Zuweilen begegnet sie im Supermarkt 20 Kraftprotzinnen auf einen Schlag. «Ich erkenne Muskeln durch alle Kleider hindurch», sagt die gelernte Friseurin vom L. A.-Bett aus, mit Decke und Haaren bekleidet.

Danko, 90 kg bei 1,90 m

Wenn mehr Schweizerinnen neben Ausdauer auch Muskeln trimmen würden, dann etablierte sich wohl dieser Trend schneller: Erbsen-, Soya- und Reisproteine statt Fleisch- und Molkenproteine. Bei pflanzlichen Proteinen blieben Muskeln erbsengross, mokieren stramme Bodybuilder, welche in den Augen anderer wiederum wie Hulks aussehen mögen. Ob es im Powerfood-Laden in der Nähe des Sportzentrums Allmend biologische oder vegane Produkte gibt? In den Regalen macht sich Kraftfutter in riesigen Plastikbehältern breit. Eine Packung «100 Prozent Natural Vegan Protein» findet sich auf der untersten Regalhöhe.

So in diesem Supplement Store stehend, inmitten all des Powerfoods in Kapsel- oder Pulverform, fühlt man sich in eine mögliche Zukunft katapultiert: notwendige Vitamine und Kalorien werden industriell hergestellt. Sie stecken in appetitlichen Verpackungen wie im Bioladen. Mit entsprechendem Marketing bringt man jetzt auch Insekten, diese Eiweissbomben, an den Mann.

Hier und jetzt sind die Muskeln des Verkäufers leicht definiert. Während der Wirtschaftsmittelschule begann Danko Lakic (21), im Laden zu jobben. «Vor zwei Jahren hat der Boom angefangen. Über Social Media wird der Fitness-Lifestyle, das Natural Bodybuilding, immer attraktiver», sagt er. Inzwischen absolviert Lakic ein Praktikum als Kundenberater bei einer Grossbank. Zudem trainiert er sechsmal pro Woche 1,5 Stunden. Sein Körperziel: «Für das nächste Jahr mit weniger als 10 Prozent Körperfett 95 Kilogramm erreichen!» Der Weg dazu: Brust/Rücken, Bizeps/Trizeps/Schultern, Beine – in dieser Folge zweimal pro Woche. Sein Menüplan:

  • Frühstück: Proteinshake mit Kohlenhydraten, 2 oder 3 Rühr- oder Spiegeleier und 1 Scheibe Vollkornbrot
  • Znüni: Reis und 150 g Poulet
  • Mittags: Poulet-Curry mit Reis vom Chinesen
  • Nachmittags: Hüttenkäse oder Magerquark und echte Früchte, am liebsten Ananas und Pfirsich
  • Nachtessen: 250 g Fisch oder Fleisch mit Kartoffeln
  • Nach dem Training: Proteinshake mit Kohlenhydraten
  • Über den Tag: 15 g Aminosäuren und 15 g Creatine

Wie viel er monatlich fürs Essen ausgibt? «800 Franken für Lebensmittel und 200 Franken für Supplemente», sagt Danko Lakic. Ob es auch ohne Nahrungsergänzung ginge? «Für den Muskelaufbau braucht es Proteine. Ob man diese durch Lebensmittel oder Shakes zu sich führt, bleibt nebensächlich.» Zu viele Supplemente schaden dem Körper, oder? «Alles braucht ein gesundes Mass.» Weshalb er Natural Bodybuilding betreibt? «Dadurch kann ich den Körper wie ein Kunstwerk formen.» Als Startkapital hat er schon mal ein Sixpack bekommen.