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KOLUMNE UNKOMMOD: Freundlich ist das neue Cool

Bianca Imboden, Schriftstellerin (Bild: PD)

Bianca Imboden, Schriftstellerin (Bild: PD)

Ich habe grosse Ohren. Damit höre ich zu, lausche ich, folge ich gerne auch Gesprächen von Fremden, in der Bergbahn, im Zug, am Nebentisch im Restaurant. Natürlich habe ich auch grosse Augen. Ich be­obachte und schaue. Das sind wichtige Werkzeuge einer Schriftstellerin. (Keine Ahnung, womit ich meinen grossen Hintern rechtfertigen könnte...)

Neulich sass ich in einem Restaurant, ein junges Paar ganz in meiner Nähe. Die Frau warf ihrem Begleiter gerade vor, dass er zu wenig auf seine Wortwahl achte: «Mir sind Worte halt wichtig. Dir nicht. Darum verletzt Du mich so oft.» So- fort hatten sie meine volle Aufmerksamkeit. Sie diskutierten hitzig darüber, ob man, wenn man etwas behaupte, auf etwas bestehe, von dem man genau wisse, dass es falsch sei, oder ob man behaupte, wenn man einfach überzeugt sei, im Recht zu sein.

Ein sehr anstrengendes Gespräch. Ich machte mir Notizen. Die Frau referierte engagiert. Der Mann wurde immer stiller. Man sagt ja, Paare würden zu wenig miteinander reden. Dieses redete viel und legte dabei jedes Wort auf die Goldwaage. Ob die beiden jemals goldene Hochzeit feiern werden? Oder ist diese extreme Achtsamkeit in der Wortwahl der Schlüssel zum Glück?

Ich arbeite jetzt als Bähnlerin bei der Stanserhorn-Bahn. Dort achtet man auch sehr auf die Wahl der Worte. Wir danken nicht für das Verständnis, wir bitten um Verständnis. Wir entschuldigen uns nicht, wir bitten um Entschuldigung. Und wir versuchen natürlich Situationen zu vermeiden, für die wir solche Sätze benötigen. Positiv denken, positiv reden, lächeln. Das freut die Gäste. Sie kommen wieder.

Freundlich ist das neue Cool? In ganzseitigen Zeitungsartikeln ruft man neuerdings dazu auf, nett zu sein, propagiert man Freundlichkeit, erklärt die Wirkung davon, beruft sich auf komplizierte Studien. Ist das wirklich nötig? Im Internet fand ich einen Artikel, der in einem 8-Punkte-Plan erklärte, wie man nett werden könne. Höflichkeit zahle sich finanziell und gesundheitlich aus. Bald gibt es wohl Kurse dazu. Ist nett wieder in, bloss weil es rentiert? Auf Erziehung und Kinderstube kann man heute wohl nicht mehr setzen.

Es gibt eine Sprache ohne Worte,die schnell kommuniziert: Die Körpersprache. Bei der Stanserhorn-Bahn tragen wir eine imaginäre Goldmedaille auf unserer Brust. Diese wollen wir stolz präsentieren, daher haben wir eine aufrechte, offene Körperhaltung, die Kontaktbereitschaft und entgegenkommende Freundlichkeit signalisiert. Das finden Sie merkwürdig? Probieren Sie es aus! Ich leihe Ihnen gerne meine Medaille für den heutigen Sonntag. Tragen Sie diese mit Stolz und einem Lächeln und beobachten Sie, was passiert. Das Experiment startet JETZT.

Blanca Imboden

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