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KOMMUNIKATION: Die Profis des Smalltalks verraten ihre Tricks

Smalltalk wird unterschätzt. Dabei kann man sich souverän zum Erfolg plaudern. Wir haben die Profis des kleinen Gesprächs nach ihren Tricks gefragt: Coiffeusen, Messeleiter und Gastgeber.
Melissa Müller
Eine goldene Regel für die Cocktailparty: Lass dir niemals ansehen, wenn dich dein Gegenüber langweilt. Halte nicht über seine Schulter hinweg Ausschau nach anderen. (Bild: CSA Images/Snapstock)

Eine goldene Regel für die Cocktailparty: Lass dir niemals ansehen, wenn dich dein Gegenüber langweilt. Halte nicht über seine Schulter hinweg Ausschau nach anderen. (Bild: CSA Images/Snapstock)

Melissa Müller

Schweizer Politiker und Wirtschafts­vertreter plaudern auf dem internationalen Parkett gern über Roger Federer. Das Tennisgenie ist ein unverfängliches Thema – jeder kennt ihn, jeder findet ihn sympathisch. So schaffen die Politiker eine positive Stimmung vor einer Verhandlung.

Ein scheinbar belangloses Gespräch kann Türen öffnen. Dabei ist kein tiefgründiges Philosophieren angezeigt. «Leute, die einen mit ihrer Klugheit und Bildung quälen, sind lästig», schreibt Alexander von Schönburg in seinem Ratgeber «Smalltalk – die Kunst des stilvollen Mitredens». Einen wertvollen Tipp habe er an einer Party in Hollywood von It-Girl Paris Hilton bekommen: «Be cheeky. And don’t try too hard!» – Frech sein und sich ja nicht bemühen, alles richtig zu machen.

Smalltalk ist nicht zwingend oberflächlich. Mit ein bisschen Geschick kann man einiges über einen Menschen erfahren. Eine Frage, die ein Gespräch in Gang bringen kann, ist etwa: «Welches Buch hast du zuletzt gelesen?» Ob jemand esoterisch Angehauchtes von Paolo Coelho, schwedische Krimis oder französische Existenzialisten liest, sagt etwas aus über Geisteshaltung, Kunstgeschmack, Weltbild und Charakter der Leserin oder des Lesers. Ähnlich verhält es sich mit Ferien. Ob jemand in der Wildnis campiert, All-Inclusive-Ferien in Mallorca bucht oder die schönsten Tage im Jahr auf Balkonien verbringt, verrät etwas über Vorlieben.

Angst, sich lächerlich zu machen

«Smalltalk wird oft abschätzig be- trachtet», sagt die St. Galler Arbeits­psychologin Marlen Bolliger. Zu Unrecht, denn es erfordere soziale Kompetenz. «Jeder muss hin und wieder in einer Gruppe, die er nicht gut kennt, ein Gespräch beginnen.» Sei es im Lift, beim Schlangestehen an der Kasse oder an einem Apéro. Oft ist man um Worte verlegen – man will sich ja nicht lächerlich machen.

Dass Smalltalk keinen guten Ruf hat, merkten wir auch bei der Recherche für diesen Artikel. Mehrere Coiffeusen lehnten unsere Anfrage ab, über die Kunst des kleinen Gesprächs zu reden. Bis auf Ana Vasquez von der Haarstube in Baar. «Wenn Frauen nasse Haare haben, fühlen sie sich nackt und beginnen zu erzählen. Sobald sie geföhnt sind, ist das Gespräch schon fast wieder vergessen», sagt sie. Die meisten Kunden kämen wegen des Haareschneidens zu ihr, nicht um zu reden. Sie geniessen es, in einer Zeitschrift zu blättern und sich ohne Worte zu entspannen. Ana Vasquez respektiert dieses Bedürfnis. «Ich finde es nicht gut, wenn Coiffeusen ihre Kunden vollquasseln.» Wenn eine Kundin ins Erzählen kommt, lässt die Coiffeuse sie reden. Auf Ratschläge verzichtet sie; diese seien meistens nicht erwünscht. «Die meisten wollen einfach nur etwas loswerden.»

Ferien statt Floskeln

Coiffeusen und Bartender sind Meister des unverfänglichen Gesprächs. Sie vermitteln Menschen, die sie kaum kennen, ein gutes Gefühl. Auch Verkäufer an Messen sind geübt darin, Leute mit einer gekonnten Unterhaltung für sich einzunehmen. «Man muss die Menschen mögen», sagt Nicolo Paganini, Direktor der Olma. Das Gegenüber spüre, wenn das Interesse nur vorgeheuchelt ist. An Grossanlässen besteht zudem die Gefahr, dass man seinem Vis-à-vis während des Gesprächs über die Schulter schaut, um nach anderen Ausschau zu halten. Ein No-Go: Der Netzwerker konzentriert sich darauf, Augenkontakt zu halten. Allgemeinplätze und Floskeln vermeidet er. Über das Wetter zu plaudern, sei ihm zu einfältig. Um einem Gespräch eine persönliche Note zu geben, nutzt Paganini auch Facebook. Dort sieht er etwa, wer wo in den Ferien war. «Wie waren die Trüffel im Piemont?», fragt er dann etwa einen Geschäftsmann an einem Apéro, oder: «Wie gross war der Lachs, den du in Kanada aus dem Fluss gezogen hast?»

Zu Intimes klammert er aus. «Ich würde nie sagen: Ich habe gehört, deine Frau sei kürzlich ausgezogen?» Wenn aber einer von sich aus über eine Scheidung oder eine Erkrankung klagt, erzählt Paganini ebenfalls etwas Persönliches. Es solle nicht der Eindruck entstehen, dass man das Gegenüber aushorcht. «Man sollte auch etwas von sich preisgeben.»

Mit 50 haben viele schon eine Scheidung hinter sich, sie haben Kinder aufgezogen, die Stelle gewechselt. «Da hat man die eine oder andere Kerbe im Lebenslauf», sagt Paganini. Lebensreife mache einen zum interessanteren Gesprächspartner, ist er überzeugt. Doch auch die Regionalzeitung sei eine Fundgrube für Gesprächsstoff: von der Bundesratswahl oder dem Bergsturz bis zum Parkplatzproblem bietet sich vieles an. Wer sich nur für Modelleisenbahnen begeistert, wird nur schwer Anschluss finden. Je breiter die Interessen, desto besser. Der Olma-Chef steht gern im Rampenlicht, was nicht immer so war. In der Jugend sei er eher scheu gewesen. Das änderte sich mit 25, als er an an einer Fernsehshow teilnahm.

Extrovertierten Menschen fällt das Bad in der Menge leichter. Schüchterne wollen sich an Grossanlässen am liebsten verkriechen. Das ist kein Grund zur Verzweiflung: Smalltalk kann man bis zu einem gewissen Grad trainieren. Arbeitspsychologin Marlen Bolliger empfiehlt, vor einer Tagung die Teilnehmerliste zu studieren. «Ich überlege mir: Mit welchen drei, vier Leuten will ich reden?» Es lohne sich, den Personenkreis einzuschränken, um sich nicht zu verzetteln.

Sich positiv einstimmen

Wer missmutig an einen Anlass geht, strahlt dies auch aus. Darum stimmt sich sich Marlen Bolliger positiv auf die Begegnungen ein, die da kommen mögen. Eine Frage der Haltung, die man bewusst steuern kann. Auch fragt sie sich vorgängig: «Was habe ich Positives gehört von dieser Person, auf das ich Bezug nehmen könnte? Ist diese Person politisch tätig, mit welchen Themen befasst sie sich? Und was könnte diese Person an mir interessant finden? Schliesslich will ich ja nicht übers Wetter reden, sondern mich fachlich austauschen.»

Nicht alle empfinden es als oberflächlich, übers Wetter zu reden. «So lapidar es klingt, so ist das Wetter immer noch Thema Nummer eins», sagt Christian Dangel, Direktor des Restaurants Kronenhalle in Zürich, der Gäste mit Namen anspricht. Auch das Begrüssen in der Landessprache sei oft ein Eisbrecher. «Die erste Minute ist entscheidend.»

Der Zürcher Baguette-Bäcker Seri Wada hat ebenfalls keine Hemmungen, übers Wetter zu plaudern. «Niemand kann etwas dafür, und wir sind dem Wetter alle ausgeliefert.» Er nutzt die Kommunikation bewusst, um sich im Haifischbecken Zürich mit seiner kleinen Firma bekannter zu machen. Der Uzwiler, der früher als Kellner und in der Finanzbranche tätig war, weiss um die Gefahr, einen öden Standardfragenkatalog abzuspulen, wie: Und was machst du so beruflich? «Das wirkt schnell schablonenhaft.» Seri Wada hakt dann nach und fragt etwa: War es schon immer dein Traum, Ärztin zu werden? «Indem man Menschen nach ihren Träumen fragt, kann man mehr aus ihnen herausholen.»

Grundsätzlich versuche er, «die Leute da abzuholen, wo sie sind. So, dass schnell ein Wir-Gefühl entsteht.» Er weiss um den Impuls, von sich selber zu erzählen, wenn jemand etwa von seinen Ferien in Italien erzählt. Statt «Ich auch» zu sagen, fügt Seri Wada an: «Dann haben wir ja etwas Gemeinsames!» So fördere er die gemeinsame Wellenlänge. Seri Wada setzt auch auf die nonverbale Kommunikation. «Ich beobachte und imitiere oft die Körperhaltung meines Gegenübers.» Das falle nicht auf und stelle Empathie her.

Gute Gesprächspartner haben Sinn für Humor und bringen die Plauderei auf eine unkonventionelle Schiene. Vor allem hören sie gut zu. «Wenn jemand nur auf Stichworte wartet, um von sich zu reden, verliert man schnell das Interesse», sagt Psychologin Marlen Bolliger. Jeder empfinde es als angenehm und schmeichelhaft, wenn er spüre, dass ihm aufrichtiges Interesse entgegenkommt.

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