KONFLIKTE: «Ein Streit ist wie ein Gewitter»

Streiten ist destruktiv und zermürbend. Das muss nicht sein, findet der Kommunikationsexperte Werner Troxler. Und erklärt in einem Buch, welche Chancen im Beziehungsknatsch ­stecken.

Interview Annette Wirthlin
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Wenn zwei sich streiten, hat das viel mit Bewertungen zu tun. Und mit der Angst davor, bewertet zu werden. (Bild: Getty)

Wenn zwei sich streiten, hat das viel mit Bewertungen zu tun. Und mit der Angst davor, bewertet zu werden. (Bild: Getty)

Was halten Sie davon, wenn ein Ehepaar sagt, «wir haben nie Streit»?

Werner Troxler: Ich freue mich für dieses Paar – auch wenn ich es nicht wirklich glaube. In solchen Fällen hat einer seine eigenen Bedürfnisse dem andern untergeordnet und sich und seine Position wahrscheinlich aufgegeben.

Plädieren Sie etwa fürs Streiten in der Beziehung?

Troxler: Nun, auch ich finde Streiten per se nichts Schönes. Aber es ist hilfreich, wenn man es kann, denn nur so kann man sich entwickeln.

Die meisten Menschen würden sagen: Harmonie ist gut, Streit ist schlecht.

Troxler: Klar. Harmonie ist wunderbar, wir alle möchten möglichst viel davon. Aber leider ist dies ein frommer Wunsch. Da jeder Mensch seine eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse hat, sind sie nicht immer deckungsgleich mit denjenigen des Partners. Fühlt sich der eine benachteiligt, führt das zu Spannungen. Ein Streit ist dann wie ein Gewitter. Die Frustration kann sich entladen und ein neues Gleichgewicht schaffen.

Wieso streiten Menschen überhaupt?

Troxler: Vereinfacht ausgedrückt: Wir streiten, weil wir bewerten. Jeder Mensch baut im Laufe seines Lebens aufgrund seiner Erfahrungen sein ganz persönliches Wertesystem auf. Was ist richtig? Was ist falsch? Was will ich vermeiden? Es ist ein Glücksfall, wenn eine Situation von zwei Menschen genau gleich gesehen und bewertet wird. Gerade in Beziehungen erkennt man jedoch früher oder später, dass der Partner in vielen Bereichen ganz andere Vorstellungen hat, die mit den eigenen nicht übereinstimmen. Da wir dazu neigen, an unseren Bewertungen festzuhalten, sind im besseren Fall Diskussionen, im schlechteren Fall Streit vorprogrammiert.

Können Sie ein Beispiel geben für solche Bewertungen?

Troxler: Es können völlig triviale Dinge sein, wie etwa der Kleiderstil. Denken Sie nur mal an die typische Bemerkung: «Aber so kannst du doch nicht rumlaufen!» Wenn mein Partner, mit welcher Aussage oder Haltung auch immer, mein eigenes Wertesystem, meine Art, die Dinge zu sehen, in Frage stellt, fühle ich mich im wahrsten Sinne des Wortes ent-wertet und reagiere, je nach Temperament, mit Rückzug oder Gegenangriff.

In Ihrem Buch zeigen Sie in einer Grafik schematisch auf, wie sich ein Konflikt aufheizt. Es gibt zwei Achsen, die sogenannte «Befürchtungs-Energie» und die «Differenz der Bewertungen». Dazwischen ist die Konfliktintensität als eine exponentiell ansteigende Kurve dargestellt. Das müssen Sie erklären.

Troxler: Was kompliziert klingt, will nur den folgenden Sachverhalt aufzeigen: Je grösser die Befürchtungen auf beiden Seiten sind und je unterschiedlicher wir die Dinge bewerten – also je ausgeprägter die Meinungsverschiedenheit –, desto stärker wird die Energie, die einen Konflikt antreibt. Oder anders herum: Solange wir unterschiedliche Auffassungen nicht als Bedrohung, Ärgernis, Beleidigung usw. empfinden, sind sie für uns – besonders in Diskussionen – kein Problem, sondern «interessant», «originell».

Erklärt dies auch die Tatsache, dass es uns selten schwer fällt, wenn irgend eine beliebige Kollegin eine andere Meinung vertritt als die unsere?

Troxler: Ja. Wenn diese Kollegin für unser Leben nicht besonders relevant ist, sind ihre Äusserungen für uns auch keine Bewertungen, die unser Leben tangieren. Sie bedrohen uns nicht. Der Lebenspartner hingegen teilt unser Leben, und wenn er mit unseren Vorstellungen nicht einverstanden ist, erwartet er, dass wir unsere Vorstellungen ändern. Da alles, was wir denken und fühlen, mit unseren Erfahrungen gekoppelt ist, fällt uns dies aber schwer.

Ginge es in der Beziehung darum, mehr Meinungsverschiedenheiten aushalten zu können – und eben nicht in einen Machtkampf abzudriften?

Troxler: Ja. Meinungsverschiedenheiten verlangen keine Änderung unseres Denkens, Fühlens und Handelns. Sie sind Anregungen, die wir annehmen oder auch verwerfen können. Darum bedrohen sie unser Sein in keiner Art und Weise. Ein bisschen wie an einer Kunstausstellung: Da hören Sie fünf verschiedene Meinungen über ein modernes Bild. Na und? Wer hat jetzt recht? Ist doch eigentlich völlig egal. Viel zu oft fahren wir gleich unser Verteidigungssystem hoch und stellen die ganze Beziehung in Frage, nur weil wir zum Beispiel gekocht haben und der Partner beim Öffnen des Pfannendeckels bemerkt: «Ich mag keine Erbsen.»

Streit kann manchmal von einer Sekunde auf die andere ausbrechen. Ein falsches Wort oder die falsche Mimik können genügen.

Troxler: Genau. Ich spreche dabei von «Tretminen» beziehungsweise «Alarmknöpfen». Erstere stehen für Situationen, in denen das Gegenüber unwissentlich eine Tabuzone von uns betritt, damit einen wunden Punkt in uns berührt und sofort eine starke Emotion auslöst. Auch «Alarmknöpfe» sind solche Punkte, diese werden jedoch durch den Partner mit voller Absicht aktiviert.

In einer langjährigen Partnerschaft sollte man doch die wunden Punkte des Partners langsam kennen. Wieso können wir es nicht sein lassen, beim anderen die Alarmknöpfe zu drücken?

Troxler: Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens Verletzungen erlebt und möchte den damit verbundenen Schmerz vermeiden. Diese Vermeidung ist unsere Schwachstelle, und der Partner hat seine eigenen. Wir erliegen in einem Konflikt gerne der Versuchung, unsere Dominanz über das Gegenüber durch die Aktivierung seiner Alarmknöpfe zu demonstrieren.

Und warum lassen wir uns immer wieder provozieren und gehen ab wie eine Rakete, sobald der andere nur schon das eine Wort erwähnt?

Troxler: Das hat einerseits mit einem angeschlagenen Selbstwertgefühl, andererseits mit unausgeheilten Verletzungen zu tun, die wir seit der Kindheit mit uns herumtragen. Als Erwachsener kann man sich Mühe geben, Verletzungen wegzustecken, aber es tut halt doch weh! Ehrlich mit sich selber zu sein, zu sagen: «Ja, es tut mir weh», scheint mir ein fundamental wichtiger Schlüssel zu sein. Aber natürlich gehört es zu einem liebevollen Umgang in der Partnerschaft, möglichst nicht in den Wunden des Partners herumzustochern.

«Konflikte sind Chancen», behaupten Sie. Jemand, der gerade von einem wilden Streit zermürbt ist, wird Ihnen das vielleicht ungern glauben.

Troxler: Klar, man hört das ungern, denn man gesteht nicht gerne ein, dass man selber auch Fehler macht. Konflikte sind Chancen, weil sie mir helfen, Selbsterkenntnis zu gewinnen. Erst wenn es weh tut, beginnen wir nämlich, wirklich etwas zu lernen. Konflikte helfen, die echten Probleme «dahinter» aufzudecken, die wir bis anhin unter den Teppich gekehrt haben.

Viele Paare, die oft und intensiv streiten, erleben auch immer wieder die wunderbarsten Versöhnungen. Manche Paare heiraten sich sogar nach einer Scheidung ein zweites Mal. Wie erklärt sich das?

Troxler: Meine Beobachtungen gehen da hin, dass solche Paare eben begriffen haben, dass der Lernprozess in ihrer Beziehung liegt. Ein neuer Partner, eine neue Partnerin bringt keine Er-Lösung. Sie haben begriffen, dass sie sich an den 20 Prozent, die nicht gut waren, aufgerieben und damit verpasst haben, sich an den positiven 80 Prozent zu freuen.

Bei vielen Paaren hingegen wird Streit unter dem Deckel gehalten, und es brodelt darunter, wie ein Vulkan, der nie richtig zum Ausbruch kommt.

Troxler: Konfliktpotenzial, das brodelt, aber nicht sichtbar aufsteigt, führt zu verdeckten Angriffen, Nörgeleien und Lieblosigkeiten, was letztlich eine Beziehung belastet, lähmt und freudlos macht. Das sind diese älteren Ehepaare, bei denen stets eine belastete Stimmung spürbar ist.

Sie sagen, eine positive Streitkultur wirke kittend auf eine Beziehung. Was verstehen Sie darunter?

Troxler: Eine positive Streitkultur lässt Gespräche zu, die Ehrlichkeit in den Aussagen, Klärung in der Situation und Standfestigkeit bei der Suche nach der besten Lösung ermöglichen. Ja, es braucht Mut, Unbequemes anzusprechen. Der Lohn dafür ist gegenseitiges Vertrauen, Offenheit und Verständnis.

Was kann ich tun, um für meinen Teil «konfliktfähiger» zu werden?

Troxler: Ich rate: Lernen Sie Ihre eigenen Befürchtungen kennen. Wovor genau fürchten Sie sich, wenn Sie eine Konfliktsituation mit Ihrem Partner als destruktiv empfinden? Nur wenn Sie sich dessen bewusst sind, können Sie es sachlich formulieren und müssen nicht immer gleich emotional reagieren. Des Weiteren sollte man sich in Empathie üben, also sich dafür interessieren lernen, weshalb und worüber genau sich das Gegenüber ärgert, wie es denkt und fühlt. Empathiefähigkeit ist die Voraussetzung dafür, die Gründe für die Entstehung eines Konflikts verstehen zu können. Und drittens: Trainieren Sie Ihr Selbstbewusstsein!

Was hat das Selbstbewusstsein für einen Einfluss darauf, wie wir streiten?

Troxler: Ein schwaches Selbstbewusstsein wagt nicht, seine ureigenen Bedürfnisse zu kommunizieren. Konflikte werden darum entweder vermieden oder taktisch geführt, indem gejammert, gedroht, beschuldigt oder zerknirscht aufgetreten wird. Je nachdem, auf was der Partner am besten anspricht. Minderwertigkeitsgefühle sind ein gedeihlicher Nährboden für Streit, denn sie machen uns kleinkariert und empfindlich.

Streit ist immer ein Machtkampf. Beide finden: Der andere soll einsehen, dass ich Recht habe. Wie kommt man aus diesem Teufelskreis hinaus?

Troxler: Das Wesentliche ist, dass wir uns das Folgende verinnerlichen: Kein Mensch kann gezwungen werden, sich zu ändern. Je weniger wir streiten, um Recht zu haben, umso mehr öffnen wir die Türe für einen gemeinsamen Lernprozess. Es gibt eine wichtige Voraussetzung für ein beidseitig positives Ergebnis. Es ist die Tatsache, dass man sich wirklich in den Standpunkt des anderen einfühlen kann und will. Allein schon die Frage «Was genau macht dich wütend?» wirkt sehr oft Wunder.

Mit dem einfachen Wörtchen «Entschuldigung» wäre mancher Streit schnell beigelegt. Wieso ist es so schwer zu sagen?

Troxler: Wir möchten von unserem Partner geliebt und bewundert werden. Einen Fehler einzugestehen bedeutet darum oft, nicht so liebenswert und grossartig zu sein, wie wir gerne wären. Wir verteidigen unser schwaches Selbstwertgefühl. Wer einen Fehler zugeben kann, ist jedoch nicht weniger liebenswert. Im Gegenteil. Er zeigt, dass er lernfähig ist, und setzt damit ein Zeichen innerer Stärke.

Ihr Buch endet mit einer Danksagung an Ihre Frau, weil Sie dank ihr eine «40-jährige Lektion in Sachen Streiten» erhielten ... Und trotzdem sind Sie noch zusammen?

Troxler: Ja. Stellen Sie sich vor, wir hätten in all der Zeit nie wirklich Kämpfe ausgetragen. Wie hätte ich dieses Buch schreiben können? Durch meine Frau habe ich gelernt, dass es andere Ansichten gibt, die genauso «richtig» sind wie meine. Und ich habe durch sie gelernt, meine Bedürfnisse und Ängste offen und fair zu äussern.

Hinweis

Werner Troxler (geboren 1946 in Zürich) ist Unter­nehmensberater, Coach von Führungskräften und Leiter von Partnerschaftsseminaren.

Das Buch: «Schrei mich nicht an. Warum wir streiten. Konflikte konstruktiv austragen», Hirschi und Troxler Verlag, 2015,

22 Franken.