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KONTROVERSE: Pro und Contra: 30 Grad im Schatten – Fluch oder Segen

Endlich richtig Sommer, endlich heiss! Die einen schwelgen, die andern leiden. Ist Sommer wirklich so toll?
Pascal Hollenstein
Zusammensein, Draussensein, ein kühler Drink: prächtiger Sommer!

Zusammensein, Draussensein, ein kühler Drink: prächtiger Sommer!

Pro

Das Hemd klebt am Rücken. Der Schweiss juckt unter der Kopfbedeckung. Die Füsse in den Flipflops sind zündrot – Sonnencreme vergessen. An rasches und entspanntes Einschlafen ist nicht zu denken, zu schwülwarm ist es im Zimmer. Und wann bitte soll ich joggen gehen, um zuverlässig den Hitzschlag zu vermeiden? Etwa morgens um sechs? Wahnsinnig, diese Affenhitze, oder?

Ja ja, das kennen wir alles. Na und? Sollen das etwa gewichtige Gründe dafür sein, den Sommer nicht zu mögen? Ihn gar ins Pfefferland zu wünschen? Liebe Schweizerinnen und Schweizer, damit das klar ist: Am Sommer gibt es nichts herumzumäkeln. Nada. Niente. Nothing. Wer schon nach zwei, drei heissen Tagen in den Klöhn-und-Stöhn-Modus verfällt, der soll sich in eine Tiefkühltruhe legen. Und Ruhe ist.

Gott sei Dank hält sich der Bundesrat mit regulatorischen Eingriffen gegen die Sommerhitze zurück. Man stelle sich vor, wie die übereifrige Berner Beamtenschaft nur zu gern magistral verordneten Plänen zur helvetischen Entsömmerung Folge leisten würde. Nach Einsetzung eines Krisenstabes würde dieser Bataillone von Soldaten ausrücken lassen, um mit Pumpen und Schläuchen künstlichen Niederschlag zu erzeugen. Per Verfügung würden sämtliche Betriebe mit Kühlräumen gezwungen, diese der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Mit der entsprechenden Durchführung im Schichtbetrieb würde der Zivilschutz beauftragt.

Wehret den Anfängen der Entsömmerung! Und überhaupt: Was wäre denn die jahreszeitliche Alternative zur grandiosen Sommerzeit? Etwa der Winter? Dieser unbefriedigende Zustand mit trüben, grau-gräusligen Tagen? Tsts. In unseren voralpinen Gefilden ist Winter nicht mehr als ein blutleerer, meteorologisch-theoretischer Begriff. Die paar wenigen Tage in Puderzuckerweiss mit Temperaturen bis maximal minus 3,5 Grad reichen ja höchstens für ein paar Blechschäden. Und wenn ich an den breiigen, schlammfarbigen Pflotsch auf Trottoirs und an Strassenrändern denke, dann lobe ich mir die vor lauter Hitze über den Cornethals auf die Finger tropfende Glace.

Laue Nächte unter bunten Lichtgirlanden und rundum Citronella-Kerzen. Gross- artige Schwimmerlebnisse in Seen, Flüssen, Bächen oder Weihern. Endlose Badetage. Eine eiskalte Dusche, möglichst mit Sprühnebelduschkopf. Ein herrlich kühles Pale Ale. Ein einwandfrei gemischter Apérol Spritz. Knusprig grillierte, exquisit marinierte Fleischstücke. In der freien Natur vom Pappteller essen. Eisgekühlte, süsse Melonenschnitze. Kunstvoll geflochtene, vom fliegenden Händler verkaufte Armbändeli. Luftige Röcke und bequeme Shorts. Barfusserlebnisse. Unter freiem Himmel schlafen. Musikkonzerte im Freien. Eine Partie Boule am Quai. Und die unwiderstehliche Geruchsmischung von Sonnencreme, Platzregen, Freiluftküche und Dolce far niente.

Sommer. Affenhitze. Grossartig.

Jérôme Martinu

Contra

Der Sommer ist ohne Zweifel die überflüssigste Jahreszeit. Meteorologisch gesehen handelt es sich bei ihm um eine Übergangsperiode zwischen Frühling und Herbst. In dieser Zwischensaison erreichen die Tempe­raturen oft Höhen, die ein würdevolles Zusammenleben verunmöglichen. Eine Flucht ist ausgeschlossen. In seiner tumben Arroganz kriecht der Sommer durch alle Ritzen. Nicht einmal vor dem Schlafzimmer schreckt er zurück.

Während man sich als Frau ein luftiges Sommerkleid überstreifen kann, ist der Mann zum Schwitzen verdammt. Sind wir ehrlich: Shorts, Sandalen und farbige T-Shirts sind eines einigermassen kultivierten Herren unwürdig und für die Mitmenschen eine optische Belastung. Umso brutaler ist es, wenn angesichts der Bruthitze die Wahl darauf hinausläuft: Den Hitzetod sterben oder sich in kurzen Hosen der Lächerlichkeit preisgeben. Was ist das für eine primitive Jahreszeit, die eine solche Entscheidung verlangt?

Einige Mitmenschen scheinen damit leider keine Mühe zu haben. Es fällt diesen Personen auch nicht auf, dass der Sommer zu einer generellen Infantilisierung des Zusammenlebens führt. Im Grunde achtenswerte Mitglieder unserer Gesellschaft zeigen sich in Badeanstalten plötzlich in viel zu engen Badehosen. Sie hantieren mit Wasserpistolen oder stellen sich auf dem See auf Brettchen, die sie mit einem Paddel fortbewegen. Kann man denn nicht auch bei Temperaturen über 25 Grad etwas Würde bewahren?

Unerklärlich ist auch der Hang dieser Sommermenschen, ihre Fleischvorräte auf dem Grill zu verkohlen. Das nimmt bisweilen groteske Ausmasse an. In der Badeanstalt meines Ver­trauens sind die öffentlichen Grill­stellen zwischen Mai und September durchgehend von brasilianischen Grossclans belagert. Unter erheblicher Rauch- und Lärmentwicklung verschlingen diese dort ganze Rinderherden, flankiert von reichlich Alkohol. Man kann nicht behaupten, dass diese Ausgangslage der Völker­verständigung dient.

Die Zivilisation ist ein dünner Firnis. Im Sommer ist er weg. Was bleibt, ist dumpfe Apathie. Dass der Mensch im Sommer verblödet, ist sogar staatlicherseits anerkannt. Warum sonst müsste der Bund dem Bürger bei jeder Gelegenheit väterlich zureden, er sollte nun viel trinken? Selbst einfachste Gedanken kann der homo estivalis offenkundig nicht mehr aus eigenem Antrieb fassen.

Das Übelste am Sommer freilich sind die Ferien. Millionen von hitzegeplagten Mitteleuropäern reisen dann Lemmingen gleich an Orte, an denen es noch heisser ist, um dortselbst Abkühlung zu suchen. Paradoxer können sich Wesen, die unter normalen Umständen als denkend bezeichnet werden dürfen, nicht verhalten. Und, Hand aufs Herz, so richtig schön sind Sommerferien erst in der Rückschau: Wenn man wieder zu Hause ist und es zu herbsteln beginnt. Das ist überhaupt das Einzige, das man dem Sommer zugute halten kann: Er geht recht schnell vorbei.

Pascal Hollenstein

Gluthitze, verschwitzte Hemden, ratternde Ventilatoren: nervenaufreibender Sommer! (Bilder: Getty)

Gluthitze, verschwitzte Hemden, ratternde Ventilatoren: nervenaufreibender Sommer! (Bilder: Getty)

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