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KONZENTRATION: Beim Abtauchen kommt der «Flow»

Seit Jahrzehnten erforscht Mihaly Csikszentmihalyi den Zustand, wenn Menschen ganz in einer Tätigkeit versunken sind und sich dabei selbst vergessen. Wer sein Konzept des «Flow» nur unter Lifestyle abbucht, tut dem ungarischen Psychologen unrecht.
Ümit Yoker
Puzzleteil um Puzzleteil zum Ziel – Spiele und Sport sind der Köngisweg zum sorgenlosen Gefühl der Selbstvergessenheit. (Bild: Getty)

Puzzleteil um Puzzleteil zum Ziel – Spiele und Sport sind der Köngisweg zum sorgenlosen Gefühl der Selbstvergessenheit. (Bild: Getty)

Ümit Yoker

Gerade sei es ganz schwierig, ­einen Gesprächstermin mit ihm auszumachen, schreibt Judit, die die Facebookseite von Mihaly Csikszentmihalyi betreut. Der Professor befinde sich ausser Landes und kehre erst in einigen Tagen von seinen Vorträgen zurück. «Vor Weihnachten ist er kaum mehr zu erreichen», schreibt ein paar Wochen später Sherry, seine Assistentin an der Claremont Graduate Universität in Kalifornien. «Versuchen Sie es doch im Januar wieder.» Das neue Jahr bestätigt, was man bereits im alten ahnte: Dieser Mann hat sein Leben auch mit 83 Jahren noch immer ganz der Frage verschrieben, mit der vor einem halben Jahrhundert seine Forschung begann: Was macht uns glücklich im Alltag? Viel Platz für Interviews bleibt da nicht übrig.

Der ungarische Psychologe hat Tausende von Menschen ­gefragt, wie sich diese Momente anfühlen, in denen sie am zufriedensten sind, und was sie zu diesem Zeitpunkt gerade tun. Damit er sich jeweils ein möglichst genaues Bild machen konnte, gab er seinen Probanden einen Pager mit; der forderte sie zehn Mal am Tag mit einem Surren auf, den jeweiligen Augenblick zu beschreiben. Die Antworten reichten von Kreuzworträtsel lösen über Komponieren und Diskutieren bis hin zu Bergsteigen. So unterschiedlich die Aktivitäten ausfielen, so ähnlich schilderten die Befragten ihre Gefühle: Man vergesse sich in diesem Augenblick ganz, fühle sich eingebettet in etwas, das grösser sei als man selbst; mühelos scheine auf einmal alles von der Hand zu gehen, die Alltagssorgen seien ganz weit weg. So oft fiel in diesen Gesprächen der Begriff des Fliegens und des Flusses, dass Csikszentmihalyi beschloss, diesen Zustand genau so zu nennen: Flow.

Ein Büstenhalter verhindert, den Verstand zu verlieren

Auch wenn es vielleicht so klingt: Flow hat wenig damit zu tun, sich treiben zu lassen. Im Gegenteil, selten wird sich dieser Zustand einstellen, wenn man am Fernsehen zwischen Dschungelcamp und Bachelor hin und her zappt oder sich durch irgendwelche ­Timelines scrollt. Er entsteht erst, wenn uns etwas grosse Konzentration abverlangt und unsere Fähigkeiten herausfordert, wenn wir ganz vertieft sind in das, was wir gerade tun – sei es die Suche nach dem richtigen Puzzleteil oder ein Eingriff am offenen Herzen. Vielleicht fühlt sich die Tätigkeit nicht einmal besonders angenehm an, während wir sie gerade ausüben; erst im Nachhinein wird uns bewusst, wie wir daran gewachsen sind. Sport und Spiele sind der Königsweg zu ­diesem Gefühl der Selbstvergessenheit. All die Voraussetzungen, die dem Flow vorausgehen, liegen in ihrer Natur: Ein klares, erreichbares Ziel und eindeutige Regeln, die festlegen, was an Fähigkeiten eingebracht und erweitert werden muss; unmittelbare Rückmeldungen über Fortschritte und Misserfolge; die Möglichkeit, das Ziel den eigenen Fähigkeiten so anzupassen, dass man sich weder langweilt noch überfordert.

Trotzdem geht es dem Wissenschafter, der einst an der Universität Chicago promoviert und dort lange das Psychologische ­Institut geleitet hatte, mit seinem Konzept um Grundlegenderes als Freizeitgestaltung oder Fitness: das Leben an sich und die Frage, wie Menschen sich Selbstbestimmung und Zufriedenheit selbst unter widrigsten Umständen bewahren. In seinem Buch «Flow – The Psychology of Optimal Experience» beschreibt er etwa, wie sich die Industriedesignerin Eva Zeisel davor bewahrte, den Verstand zu verlieren, als sie in einem Moskauer Gefängnis festgehalten wurde: Sie sinnierte darüber nach, wie sie aus den ihr verfügbaren Materialien einen Büstenhalter basteln könnte. Und der ungarische Dichter Tibor ­Tollas, wie viele Intellektuelle während des kommunistischen Regimes mehrere Jahre in Einzelhaft, startete mit anderen Häftlingen einen Wettbewerb, wem wohl die beste Übersetzung eines Gedichts gelänge. Alleine die Entscheidung, um welches Gedicht es dabei gehen sollte, dauerte Monate, musste die Auswahl doch irgendwie von Zelle zu Zelle weitergereicht werden.

Der Geist ist frei, allen Umständen zum Trotz

Csikszentmihalyi erzählt in seinem Buch aber auch vom Fabrikarbeiter Joe Kramer, den er einst für eine Studie interviewt hatte. Kramer war damals bereits über sechzig Jahre alt und arbeitete seit Jahrzehnten als Schweisser in einer Fertigungsanlage für Zugwaggons in Chicago – und freute sich jeden Tag auf seine Arbeit. Seit seiner Kindheit hatten technische Geräte aller Art eine Faszination auf ihn ausgeübt. In den vielen Jahren in seinem Betrieb hatte er nun jede Maschine bis ins Detail kennen gelernt und wusste sie nicht nur alle zu bedienen, sondern auch zu reparieren, wenn es nötig war.

Das ist es, worum es Csikszentmihalyi geht: Unser Leben ist voller Unwägbarkeiten, es bringt mit grosser Wahrscheinlichkeit für jeden Windungen mit sich, die sich unserer Kontrolle entziehen. Doch über unseren Geist entscheiden nur wir allein. Wir bestimmen, worauf wir unsere Energie richten und wohin wir unsere Aufmerksamkeit wenden. Und das ist Freiheit.

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