KRANKHEIT: «Ich schummle beim Gewicht»

Es gibt Menschen mit genetischer Veran­lagung zu Übergewicht. Dazu gehört Heinrich von Grünigen. Er hält nichts von krassen Diäten und sagt, warum er trotz seiner 170 Kilos kein Magenband will.

Interview Simone Hinnen
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Heinrich von Grünigen: «Ich kann mit allem leben, was vertretbar ist.» (Bild: PD)

Heinrich von Grünigen: «Ich kann mit allem leben, was vertretbar ist.» (Bild: PD)

Heinrich von Grünigen, schummeln Sie bei der Angabe Ihres Gewichts?

Heinrich von Grünigen*: Ja (lacht), ich schummle beim Gewicht, wenn auch unwesentlich. Ich gebe immer einen Durchschnittswert an und vermelde nicht jede geringfügige Änderung.

Wie schwer sind Sie aktuell?

von Grünigen: Wie bei den meisten von uns sind es nach den Feiertagen ein paar zusätzliche Kilos. Aktuell sind es 170.

Jeder zweite Schweizer ist gemäss Bundesamt für Gesundheit übergewichtig. Das scheint uns nicht wirklich zu beunruhigen. Warum nicht?

von Grünigen: Weil jede Skandalisierung ihre Abnützung zeigt. In der Tat ist dieser Prozentsatz aber beunruhigend, auch wenn er international noch nicht zu den Höchstwerten zählt.

Was halten Sie von staatlicher Regulierung, etwa indem die Krankenkassenprämie vom BMI abhängig gemacht wird?

von Grünigen: Ich persönlich wäre offen für ein Bonus-Malus-System. Doch widerspricht dies dem gelebten Solidaritätsprinzip. Zumal solche politischen Bestrebungen in diese Richtung bislang stets scheiterten. Beginnt man, Risikogruppen auszugrenzen, kommt eine ganze Lawine ins Rollen.

An Schulen wird vermehrt darauf hingewirkt, dass die Eltern auf eine ausgewogene Ernährung achten sollen. Müssen solche Bestrebungen noch verstärkt werden?

von Grünigen: Das ist sicher der richtige Ansatz. Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir immer länger am Pult sitzen, fernsehen und uns weniger bewegen.

Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass wir zu dick sind.

von Grünigen: Wir haben in der Tat viel mehr Lebensmittel zur Verfügung als Generationen vor uns. Unser Organismus ist darauf angelegt, sich das zu nehmen, was er finden kann, und bildet Reserven für schlechtere Zeiten. Wenn wir in den Regalen der Supermärkte Lebensmittel mit einem Kalorientotal von 5000 oder 6000 pro Kopf der Bevölkerung vorfinden, müssen wir uns nicht wundern, dass wir immer dicker werden. Aufgrund von alten Speisezetteln aus früheren Zeiten weiss man, dass die Menschen früher mit 1500 Kalorien am Tag überlebten, obschon sie sich viel mehr bewegten als wir heute. Uns reichen in jedem Fall 2000 Kalorien pro Tag.

Wenn wir vom Gewicht sprechen, ist der BMI das Mass aller Dinge. Zu Recht? Es gibt Kritiker, die der Auffassung sind, die Taillenmessung sei massgebender.

von Grünigen: Der BMI ist im Moment jener Wert, der von der WHO als verbindliche Norm deklariert wird. Der BMI kann relativ einfach berechnet werden, weil er bloss auf den beiden Angaben Grösse und Gewicht beruht. Die Messung des Bauchumfangs ist viel schwieriger. Denn wo liegt die Taille genau? Richtig ist sicher, dass der BMI nichts über die Zusammensetzung des Körpers aussagt. Da die Menschheit nicht ausschliesslich aus Bodybildern besteht, gibt es meiner Ansicht nach aber keine Veranlassung, etwas an der Messmethode zu ändern.

Sie sind Geschäftsführer von Adipositas Schweiz. Wie viele Menschen leiden unter Adipositas (BMI > 30)?

von Grünigen: Das sind in der Schweiz rund 10 Prozent, was immerhin beinahe einer Million Menschen entspricht. All diese Menschen können unter gesundheitlichen Schäden leiden.

Adipositas gilt als genetisch vererbbare Krankheit. Welche Methoden versprechen nachhaltige Heilung?

von Grünigen: Wichtig ist sicher eine Analyse, die Aufschluss darüber gibt, welche Faktoren für die Krankheit verantwortlich sind. In der Regel ist dies eine erbliche Vorbelastung; hinzu kommen meist die Lebensumstände oder ein Ereignis, das sich festmachen lässt. Bei den Frauen ist dies vielfach eine Schwangerschaft, bei den Männern ist es oft der Rauchstopp.

Ist es richtig, dass in der Regel nur eine Operation nachhaltig hilft?

von Grünigen: Eine Operation ist in der Tat das einzige probate Mittel, das hilft, bestehendem starkem Übergewicht nachhaltig beizukommen. Zur Auswahl stehen heute zwei Operationstypen: der Magenbypass sowie ein Schlauchmagen, wobei bei Letzterem die Langzeiterfahrungen noch fehlen. Die Komplikationsrisiken bei diesen Operationen liegen bei zwischen 2 und 10 Prozent. Dank der Schlüssellochchirurgie sind solche Eingriffe heute ambulant möglich, was vieles vereinfacht. Jährlich finden zwischen 2000 und 3000 Operationen statt.

Warum haben Sie sich nie zu einer Operation durchgerungen?

von Grünigen: Eine solche wurde mir vor 15 Jahren empfohlen. Damals war noch das Magenband der Standard. Ich hatte mit verschiedenen Operierten gesprochen. Sie haben berichtet, dass sie wegen des Bandes nur noch wenig essen können, lange kauen und vorsichtig schlucken müssen. Das behagte mir nicht. Ich wollte keine Mechanik, die mich für immer daran hindert, nach Belieben essen zu können. Ich wollte zum Beispiel in einem Walliser Bergrestaurant weiterhin à discrétion Raclette essen können …

Auf der anderen Seite haben wir ein extremes Modediktat. Mädchen wollen so dünn sein wie die Models – ein genauso grosses Problem?

von Grünigen: Das ist in der Tat verheerend. Durch die Medien und wegen all der technischen Möglichkeiten auf dem Computer werden Körperformen propagiert, die realistisch gar nicht erreicht werden können. Früher galt Formenfülle als absolutes Schönheitsideal, eine Frau mit einem gebärfreudigen Becken war erstrebenswert. Heute sind androgyne, knabenhafte Figuren das Mass aller Dinge. Jugendliche, die Diäten halten und nichts mehr essen, können zu Essstörungen tendieren und wegen des Jo-Jo-Effekts laufend an Gewicht zulegen statt umgekehrt. Sehr viele Personen mit einer klassischen Adipositas (BMI über 30) haben unter anderem wegen Extrem-Diäten dermassen zugenommen.

Sie wissen aus eigener Erfahrung, wovon Sie reden?

von Grünigen: So ist es. Ich habe vor vierzig Jahren Diäten versucht bis zum Gehtnichtmehr. Das Gewicht habe ich stets hinuntergebracht. Der Organismus wird einfach auf ein Sparprogramm gesetzt und muss mit weniger Ressourcen auskommen. Isst man danach wieder normal, nimmt man automatisch wieder die verlorenen Kilos zu und noch ein paar mehr. 20 Kilogramm waren verhältnismässig schnell weg. Danach habe ich wieder in die Vollen gehauen.

Warum sind Sie ein Gegner von Ex­trem-Diäten?

von Grünigen: Mit täglich 500 Kalorien weniger kann sich der Organismus anfreunden, ohne dass er auf den Sparmechanismus zurückgreift. Mehr liegt nicht drin. Insbesondere 1000-Kaloriendiäten sind fatal, weil der Körper in eine Paniksituation gerät.

Sie sind aber nicht generell gegen Diäten?

von Grünigen: Nein, solange man das Prinzip der 500 Kalorien einhalten kann und sich die Diät problemlos in den Alltag integrieren lässt. Wichtig ist im Übrigen, dass man die Ernährungsweise konsequent durchhalten kann.

Können Sie bestimmte Diäten besonders empfehlen?

von Grünigen: Nein. Das spielt auch gar keine Rolle. Ich kann mit allem leben, was vertretbar ist. Generell gilt: Je mehr Gemüse und Früchte man dabei essen darf, umso besser. Vegetarisches Essen ist sicher auch ein guter Ansatz.

Hinweis

* Heinrich von Grünigen (72) ist seit seiner Pensio­nierung als Journalist bei Radio DRS im Jahr 2001 Präsident und Geschäftsleiter der schweizerischen Adipositas-Stiftung. Als 20-Jähriger wog von Grünigen (1,86 Meter) 67 Kilogramm. Nach Unfall, Rauchstopp und verschie­denen Diäten erlangte er Jahre später ein immer höheres Gewicht. Unter ärztlicher Aufsicht nahm er in der Folge 35 Kilogramm ab, hielt das Gewicht acht Jahre lang, bevor es wegen gesundheitlicher Beschwerden wieder anstieg.