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KREBSMEDIZIN: Immuntherapie rettet Leben

James P. Allison und Robert D. Schreier haben den Balzan-Preise erhalten, weil sie eine hoffnungsvolle Krebstherapie entwickelt haben. Unser Immunsystem sei aber immer noch zu unbekannt.
Rolf App
Gegen sie wirkt die Immuntherapie heute am besten: Hautkrebszelle unter dem Rasterelektronenmikroskop. (Bild: Getty)

Gegen sie wirkt die Immuntherapie heute am besten: Hautkrebszelle unter dem Rasterelektronenmikroskop. (Bild: Getty)

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Im Jahr 2006 lernt James P. Alli­son Sharon kennen, eine 24-jährige Patientin, die gerade ihr College beendet und geheiratet hat. Sie leidet unter einem bösartigen schwarzen Hautkrebs, der bereits Ableger im Gehirn, in der Lunge und in der Leber gebildet hat. Ihr Zustand ist derart besorgniserregend, dass die Ärzte ihr nur noch ein paar Monate zu leben geben.

Keine Therapie hat das Wachstum des Krebses aufzuhalten vermocht. Bis die von Allison entwickelte Immuntherapie, die sich noch im Versuchsstadium befindet, die Geschwülste innert kurzer Zeit zum Verschwinden bringt. «Sharon und ich sind gute Freunde geworden, sie hat seit elf Jahren keinen Rückfall gehabt und in dieser Zeit zwei Kinder zur Welt gebracht», erzählt Allison. Ihr Überleben ist für ihn «der schönste Beweis, was Grundlagenforschung bewirken kann».

Warum Allison mit Preisen überhäuft wird

Seit Allisons Arbeit Früchte trägt und erste Medikamente auf dem Markt sind, wird der 69-jährige Amerikaner mit Preisen überhäuft – und auch sehr hoch für einen Nobelpreis gehandelt. Letzte Woche hat er in Bern den mit 750000 Franken dotierten Balzan-Wissenschaftspreis entgegengenommen, der ihm zusammen mit seinem alten Freund und Forschungspartner Robert D. Schreiber zugesprochen worden ist. Zusammen haben sie der Krebsmedizin eine neue Therapie hinzugefügt, die, wie Sharons Beispiel zeigt, bereits Leben zu retten vermag. «Mein Vater war Chemiker», erzählt der 71-jährige, im Gespräch in seinem Forschereifer geradezu jugendlich wirkende Schreiber. «Deshalb hat mich die Biochemie auch früh gefesselt.»

Über sie ist er auch immer wieder in Kontakt gekommen mit James Allison, der aus Texas stammt und heute in Houston forscht. Auf die Frage, was sie denn eigentlich tun, holt Schreiber zuerst einmal aus und erklärt, was unser Immunsystem leistet. «Seine Aufgabe ist es, ‹eigen› und ‹fremd› zu unterscheiden und dann das Fremde zu bekämpfen, also beispielsweise Bakterien und Viren», sagt er. «Und weil Krebszellen ja aus unserem Organismus wachsen, hat die Medizin lange geglaubt, dass das Immunsystem Krebs­zellen gar nicht erkennen kann.»

Dank Schreibers und Allisons Forschungen weiss man, dass diese Annahme falsch war. Dass also unser Immunsystem anhand der kleinen strukturellen Veränderungen an ihrer Oberfläche zu beurteilen vermag, ob eine Zelle normal oder ob sie zur Krebszelle entartet ist, die sich fortan unablässig teilen und alles andere verdrängen wird. Das Immunsystem handelt auch durchaus. Immer wieder beseitigt es solche entartete Zellen und bringt Zellwucherungen zum Verschwinden. Nur leider können sich Krebszellen auch gut verstecken.

Eine führende Rolle in diesem Abwehrprozess spielen jene T-Zellen, denen Allisons Aufmerksamkeit seit Jahrzehnten gilt. Zwar hat er sich ihnen nicht deshalb zugewandt, weil er sehr früh die Mutter durch Krebs verloren hat. Und er hat auch noch nichts davon gewusst, dass er ­selber einmal Krebs bekommen würde. Aber als ein Hintergrundmotiv war der Kampf gegen Krebs bei diesem Sohn eines Arztes durchaus vorhanden.

Wo ist der Zündschlüssel, wer steht auf der Bremse?

Am Anfang eines langen Wegs voller Misserfolge und weniger, aber bedeutender Erfolge steht die Frage: Wie wird das Immunsystem in Gang gesetzt? Oder, um es mit Allisons Worten zu sagen: «Wo ist der Zündschlüssel?» Man habe über die T-Zellen, die überall im Körper kursieren, nur wenig gewusst, als er in den Siebzigerjahren angefangen habe. Sein Labor habe dann als Erstes jenen Rezeptor ausfindig gemacht, an den die T-Zellen andocken, um eine Zelle danach als Fremdkörper zu vernichten. «Wir schienen an einem Ziel angelangt», erzählt er. «Dann aber zeigte sich, dass dies nicht genügt, um eine Reaktion nicht nur auszulösen, sondern auch in Gang zu halten.»

Wieder benutzt er einen ­Vergleich aus der Autoindustrie: Zwar wusste man nun, wo der Zündschlüssel steckt. Aber es gibt noch eine Bremse. Das heisst: Einen Mechanismus, der die Immunreaktion wieder abbremst und so verhindert, dass sie im Organismus Schaden anrichtet – wie dies etwa bei Autoimmunerkrankungen der Fall ist. «Das war einer der wenigen Aha-Momente, die ich erlebt habe.»

Mitte der Neunzigerjahre beschrieb Allison die bis dahin unbekannte Funktion eines Moleküls auf den T-Zellen, das CTLA-4 heisst und die Angriffslust der T-Zellen hemmt. Im Laufe einer Immunantwort erscheinen immer mehr dieser Moleküle, was dazu führt, dass die Reaktion abklingt. Ein von Allison entwickelter Antikörper blockiert das CTLA-4-Molekül, wobei man mittlerweile weiss, dass es neben dem CTLA-4 noch andere solcher Checkpoints gibt, die eine Immunantwort kanalisieren.

Nur ein Teil der Patienten spricht auf die Therapie an

Die ersten Anwendungen der auf Allisons und Schreibers Grundlagen entwickelten Therapien stimmen hoffnungsfroh. Denn, sagt Allison, «weil diese Therapien das Immunsystem behandeln und nicht eine bestimmte Krebsart, können sie auch umfassend angewendet werden». Zumindest theoretisch. In der Praxis stellen sich viele Fragen. Am besten reagieren zwar Patienten mit Haut- und Lungenkrebs. Doch ob ein Patient auf eine Immun­therapie mit einem der heute vier ­zugelassenen Checkpoint-Inhibitoren anspricht, ist auch hier schwer vorherzusagen. Bei Lungenkrebs liegt der Anteil bei nur zwanzig Prozent. In manchen Fällen treten auch Nebenwirkungen auf, weil das Immunsystem überschiesst. Schliesslich sind da noch die Kosten: Eine Immun-Checkpoint-Behandlung kostet über 100000 Franken pro Jahr.

So sehen James P. Allison und Robert D. Schreiber ihre Arbeit denn auch nur als einen Anfang. «Es bleibt viel zu tun», sagt Alli­son denn auch. «Wir kennen das Immunsystem noch nicht gut ­genug.»

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