Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

KRIMINALITÄT: Berlin Alexanderplatz – ein Platz der Gewalt

Deutschlands grösster Platz ist einer der gefährlichsten Orte in der Hauptstadt: Im Schnitt werden auf dem Berliner Alexanderplatz täglich 18 Straftaten verübt. Unterwegs mit einer Polizeistreife durch die Nacht.
Christoph Reichmuth, Berlin
Szenen einer Nacht am Berliner Alexanderplatz. Seit 2015 wurden in der Umgebung des Platzes rund 7500 Straftaten registriert. (Bilder: Rudi-Renoir Appoldt (Berlin, 27. Januar 2018))

Szenen einer Nacht am Berliner Alexanderplatz. Seit 2015 wurden in der Umgebung des Platzes rund 7500 Straftaten registriert. (Bilder: Rudi-Renoir Appoldt (Berlin, 27. Januar 2018))

Christoph Reichmuth, Berlin

Kommissar Jens Müller*, 28, Polizeimeisterin Andrea Fröbe*, 38, und Polizeimeister Özay Kaya*, 24, stärken sich mit einem Kaffee in der Wache am Alex. Der 70 Quadratmeter grosse Polizeiposten, mit schusssicherem Panzerglas und Videokameras ausgestattet, steht hier, mitten auf dem Alexanderplatz, erst seit dem vergangenen Dezember. Gleich geht es raus in diese unfreundliche Januarnacht. Es ist ein Samstagabend, kurz nach 19 Uhr. «Ich erwarte keine Hektik», sagt Jens Müller. «Noch ist es vielen zu kalt auf dem Alex.» Er soll sich täuschen.

Der Alex ist einer der Touristenmagneten in Berlin. 300 000 Personen überqueren täglich Deutschlands grössten Platz, der einst das Vorzeigezentrum Ostberlins war. Der 368 Meter hohe Fernsehturm ragt imposant in die Höhe, die umliegenden Gebäude versprühen den spröden Charme der untergegangenen DDR. Hinter den Fassaden hat freilich längst der Kapitalismus Einzug gehalten. Sparkasse, Shoppingcenter und hippe Cafés, in denen der Cappuccino so viel kostet wie an der Zürcher Bahnhofstrasse. Der Alexanderplatz und seine Umgebung gelten als Hotspot der Gewalt. In den letzten Monaten hat sich der «Abschnitt 32», wie er in Polizeikreisen heisst, zu einer der gefährlichsten Gegenden der 3,5-Millionen-Metropole entwickelt. Etwa 7500 Straftaten jährlich hat die Polizei seit 2015 auf dem Alex registriert. Im Schnitt geschehen hier täglich 18 Straftaten. Nicht selten kommt es auch zu Massenschlägereien, Messerstechereien und sexuellen Übergriffen. Unruhig ist es hier vor allem nachts.

«Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel», sagt die Polizistin

Vieles gehört für die drei Beamten bei ihrer Patrouille zur Routine. Ein Obdachloser wird gebeten, sich einen anderen Platz zu suchen – an dieser Stelle gab es erst vor zwei Tagen Tumulte zwischen Obdachlosen. Flaschen flogen, Scheiben klirrten. Es ist inzwischen kurz vor acht Uhr abends. Zwei Männer rumänischer Herkunft haben sich an den Rand eines Spielplatzes beim Alex gesetzt und trinken Hochprozentiges. Zigarettenstummel und leere Flaschen liegen neben ihnen auf dem Boden. Alkohol darf hier nicht konsumiert werden. Der Aufforderung der Beamten, den Müll zu entsorgen und den Platz zu verlassen, kommen die beiden Männer nur zögernd nach, sie wollen eine Grundsatzdebatte anstossen. Jetzt geht es plötzlich um die Deutschen und «die Roma». Murrend ziehen sie dann doch davon. «Die Rumänen arbeiten hart, damit es Deutschland gutgeht!», ruft nun einer der beiden den Beamten hinterher.

20.15 Uhr, U-Bahn-Station Alexanderplatz. An der Haltestelle der Linie U8 sitzt ein Mann auf einer Wartebank. Er ist den Beamten bestens bekannt. «Mehrfachstraftäter», sagt Jens Müller und geht auf den Mann zu. Der Mittzwanziger hat für den Alexanderplatz einen Platzverweis wegen mehrfacher sexueller Belästigung. Er darf sich hier nicht aufhalten. Der Mann muss den Ort verlassen. «Nächstes Mal nehmen wir Sie in Gewahrsam!», droht der Kommissar, während der Mann unbeeindruckt die Treppe hinaufläuft. Andrea Fröbe sagt: «Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Diese Leute kommen und kommen immer wieder.» Die Beamten hätten den Mann mit auf die Wache nehmen können, doch bis 22 Uhr müsste ein Richter darüber befinden, ob Betroffene über Nacht und maximal bis zum Ende des darauffolgenden Tages in Haft genommen werden sollen oder nicht, erst nach 22 Uhr sind die Polizisten in ihrer Entscheidung frei. Muss ein Richter hinzugezogen werden, dauert es meist lang, bis eine Entscheidung fällt. «Es ist demotivierend. Wir müssen die Straftäter wieder und wieder laufen lassen», sagt Polizeimeister Kaya.

Einstieg in die U-Bahn-Linie 8 in Richtung Kreuzberg. An der Jannowitzbrücke, der Station nach dem Alex, steigen die Beamten aus. Plötzlich wird es hektisch. «Stehen bleiben!», ruft Müller. Ein junger Mann rennt über den Bahnsteig die Treppe hoch, die Beamten hinterher. Nochmals: «Stehen bleiben!» Der Alexanderplatz ist nicht per se gefährlich. Die Gewalt entlädt sich vor allem unter alkoholisierten Jugendlichen, unter Obdachlosen, unter Menschen unterschiedlicher Herkunft. Vermehrt registriert die Stadt auch Gewaltexzesse unter jungen Flüchtlingen, die im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 nach Deutschland gereist sind. Berlin hat in dieser Zeit etwa 100 000 Flüchtlinge aufgenommen. Bei vielen von ihnen handelt es sich um allein ins Land gereiste Menschen, nicht wenige von ihnen ohne Perspektive und daher der Gefahr ausgesetzt, in kriminelle Strukturen zu geraten.

Zahl der Obdachlosen in Berlin wächst stetig

Hinzu kommen schätzungsweise 10 000 Obdachlose. Fast 70 Prozent von ihnen stammen aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien, Polen, Bulgarien oder der Slowakei. Und ihre Zahl wächst stetig – um etwa 1000 pro Jahr. Die an manchen Orten steigende Gewalt, Probleme mit Drogenhandel und Prostitution, Diebstählen und sexuellen Übergriffen setzen die von SPD, Linkspartei und Grünen geführte Landesregierung von Berlin der Kritik aus. Die oppositionelle CDU fordert die Regierung dazu auf, abgelehnte und kriminelle Flüchtlinge konsequenter abzuschieben.

Auch manche Bürger gehen auf die Barrikaden. Ein Bündnis sammelt Unterschriften für ein Volksbegehren für mehr Videoüberwachung auch auf dem Alexanderplatz. Das Bündnis will 50 kriminalitätsbelastete Orte mit 2500 Videokameras rund um die Uhr überwachen lassen. Datenschützer und Politiker indes warnen vor dieser Art der Verbrechensprävention.

90 Prozent der Verdächtigen sind der Polizei bekannt

Polizeimeister Kaya hat einen Verdächtigen am Ausgang der U-Bahn-Station Jannowitzbrücke gestoppt. Die Handschellen klicken, der junge Mann flucht, schreit, schimpft. Er wird von Kopf bis Fuss nach Drogen und Waffen abgetastet. «Ein bestens bekannter Mehrfachtäter», stellt Kommissar Müller trocken fest. Die Beamten finden nichts. «Warum bist du weggelaufen?», fragt Kaya. Der etwa 20-jährige Mann, der nur einen Schülerausweis bei sich trägt, bleibt beim Du und sagt: «Ich habe dieses Mal nichts dabei! Wirklich nicht!» Vielleicht ist der Mann davongerannt, weil auch er Platzverbot auf und rund um den Alexanderplatz hat und sich bei der Station Jannowitzbrücke gar nicht aufhalten dürfte. Es ist dasselbe Spiel wie zuvor. Polizeimeisterin Fröbe versucht, telefonisch einen Richter zu konsultieren, doch das Prozedere dauert lang. Die Richterin lehnt die vorübergehende Festnahme des Mannes ab. Beim erstmaligen Verstoss gegen den Platzverweis wäre es unverhältnismässig gewesen, den Mann in Gewahrsam zu nehmen, begründet die Richterin. Nach 40 Minuten lassen die Beamten den jungen Mann wieder laufen. «Dich sehe ich hier nicht mehr wieder», gibt ihm Kommissar Müller mit auf den Weg. Auch auf dem Rückweg zur Wache treffen die Polizisten auf bekannte Gesichter, eine Gruppe junger Männer, noch keine 20 Jahre alt. Es fallen neckische Sprüche, Polizist Kaya lächelt milde. «Wir kennen 90 Prozent der Menschen, mit denen wir zu tun haben», sagt er. «Manche schütten uns ihr Herz aus, Obdachlose erzählen ihre Geschichte, junge Syrer von ihrer Flucht. Manchmal hören wir auch einfach nur zu.» Natürlich kenne sie Mitgefühl, sagt Polizeimeisterin Fröbe. «Wir tragen manche Geschichten auch nach Dienstschluss mit uns herum.» Dennoch müsse die Polizei hart durchgreifen, bei Flüchtlingen und zugezogenen Obdachlosen gleichermassen wie bei deutschen Straftätern, bemerkt Kommissar Müller. «Wenn wir nicht konsequent sind, dann kippt die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung gegen Ausländer.»

22.30 Uhr. Fröbe, Kaya und Müller gönnen sich auf der Wache einen Tee. Noch den Schreibkram erledigen, dann ist Feierabend – und Schichtwechsel. Die Nacht ist noch jung. Wenn die Clubs gegen vier Uhr schliessen, kann es wieder hektisch werden. Kalt genug, als dass es draussen ruhig bleiben würde, scheint es heute nicht zu sein.

* Namen von der Redaktion geändert.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.