KÜCHE: Fingerfood: Maximales im Mini-Format

Es muss nicht immer mit der grossen Kelle aufgetragen werden. Viele Häppchen ersetzen den Hauptgang. Aber nur, wenn der Rahmen stimmt, findet unser Autor.

Hans Graber Hans Graber
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Ein Crostino mit Aubergine und Tomaten. (Bild: Keystone)

Ein Crostino mit Aubergine und Tomaten. (Bild: Keystone)

Seit Firmen und andere Institutionen – ob aus purer Not oder reiner Raffgier – knauserig geworden sind, wird als Abschluss zum Beispiel eines Journalistenauflaufs nicht mehr ein gediegenes Mittagsmahl serviert, sondern ein sogenannter Apéro riche. Riche heisst, dass es etwas mehr gibt als Chips und Nüsschen. Dieses «Etwas» ist relativ, aber selbst wenn es relativ viel gibt, ist mir ein Apéro riche zuwider.

Lieber als Hauptgang

Doch, doch, ich mag fast alle diese Häppchen ganz gut, wie ich überhaupt eine grosse Vorliebe habe für Antipasti-Plättchen oder einen gemischten Tapas-Teller und dergleichen. Eine Auswahl an Vorspeisen ziehe ich sowohl im Restaurant wie zu Hause häufig einem Hauptgang vor – sei es, weil ich bekanntlich nicht so entscheidungsfreudig bin, sei es, weil ich Lust auf alles und nicht auf etwas ganz Bestimmtes habe.

Das Schlimme am Apéro riche: Er wird im Stehen genossen – beziehungsweise eben nicht genossen. Geniessen im Stehen geht nun mal nicht (Ausnahme: St. Galler Bratwurst vom Grill). Apéro riche, das heisst fettige Finger und verkleckerte Kleider, Karton- oder Plastikteller, beengende Verhältnisse, fehlende Abstellflächen und strafverschärfend eine sehr zähe Kommunikation mit den Mitmenschen, die ebenfalls dumm rumstehen mit dem gefüllten Teller und irgendwo Halt suchen. Damit es nicht mich trifft, nehme ich gerne Reissaus, ehe der Spuk beginnt.

Das Ungemütliche und Unbehagliche solcher Stehpartys hat leider auch das dort servierte Essen etwas in Verruf gebracht, all die schönen kleinen Häppchen, auch Fingerfood genannt, also Speisen, die man von Hand essen kann. Kann, nicht muss. Je nachdem darf man zu bestimmtem Fingerfood schon auch richtiges Besteck reichen. Wichtiger: Man muss zumindest die Option haben, jederzeit sitzen zu können sowie Teller und Glas oder Fläschchen auf einer geräumigen und kippsicheren Unterlage zu deponieren. Dann bin ich dabei.

Erst recht, wenn der Einladende auch das preiswerte Rezeptbuch «Fingerfood» von Victoria Blashford-Snell und Eric Treuille studiert und aus den besten Vorschlägen ein prächtiges Buffet hergerichtet hat. Zwar meint auch Frau Blashford-Snell, dass Fingerfood vor allem dort geeignet sei, wo «Platz, Zeit und Ausstattung knapp bemessen sind», und «alles, was Ihre Gäste brauchen, sind ein Drink, eine Serviette und eine nette Atmosphäre». Das ist aber ein Widerspruch in sich. Wenn «Platz und Zeit» knapp bemessen sind, kann es niemals «nett» werden (wobei man «nett» immer auch ironisch auffassen kann). Schon Gerhard Polt hat ein für alle Mal festgehalten, dass es für das Herstellen einer Gemütlichkeit «Zeit, Bier und Geld» braucht.

Kulinarische Weltreise

Aber sehen wir das der Lady und ihrem Mitstreiter Treuille nach. Beide sind vorwiegend in England tätig, was bei den Rezepten da und dort durchschimmert (Haferplätzchen) und auch sprachlich spürbar ist. Vorgestellt werden im Buch über 200 Rezepte für zumeist pikante und auch ein paar süsse Happen. Bedient wird dabei jeder Geschmack, auch vegetarisch und vegan. Knabberzeugs, Suppen, Satay (Spiesschen), Wraps (gefüllte und gerollte Fladenbrötchen), Quesquedillas (Käse-Tortillas), Mini-Pizzen und -Sandwiches. Wir haben als Rezeptbeispiele die Crostini und ein paar Mini-Spiesse ausgewählt (siehe Hinweis am Schluss)

Das Buch ist gleichzeitig eine kleine kulinarische Weltreise: Es gibt Anleitungen für Koriander-Garnelen, Randen-Rösti-Plätzchen mit Forellen-Meerrettich-Mousse, für orientalische Hähnchen-Torteletts mit Pesto, asiatische Fleischplättchen mit Chili-Limetten-Dip, Schoko-Biscottini oder Mini-Eclairs. Gemacht wird natürlich alles von A bis Z selber, auch alle Teige für die Bödeli oder die Dips zum Tunken. Vieles lässt sich aber zeitig vor dem Eintreffen der Gäste vorbereiten.

Schritt-für-Schritt-Anleitungen

Neben den Rezepten gibt es im Buch detaillierte Schritt-für-Schritt-Anleitungen, samt ungefähr benötigten Mengen. Im Kapitel «Feste & Partys planen» sind unter anderem jahreszeitlich abgestimmte Fingerfood-Menüs zu finden.

Von mir aus kann es also losgehen – allerdings ehrlich gesagt immer noch lieber als Eingeladener denn als Einladender. Auch wenn es sich durchwegs um Kleinigkeiten handelt, darf man den Aufwand fürs grosse Ganze nicht unterschätzen. Das Buch erleichtert aber zweifellos den Schritt, sich auch selbst als Gastgeber zu versuchen. Vielleicht zunächst für den kleinen Kreis. Fingerfood, zu zweit für einen schönen Fernsehabend oder so.

Hinweis

Victoria Blashford-Snell, Eric Treuille: «Fingerfood – Crostini, Spiesse, Shots, Fritters, Wraps & Co.», Verlag Dorling Kindersley, 224 Seiten, Fr. 24.50.

Rezepte: Crostini und Spiesschen: www.luzernerzeitung.ch/bonus