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KULTUR: (K)ein Osterhase im Iran

Die Grossverteiler werben mit Osterhasen, die Kirche schwelgt und trauert. Und 300 Millionen Menschen feiern derzeit das persische «Nowruz». Ostern im Iran? Beinahe.
Haymo Empl
Reicher Gabentisch: Die Schweizer Schoggi ist eher neu im Iran, gehört aber mittlerweile auch zum Nowruz, dem Frühlingsfest der Iraner. 300 Millionen feiern das «neue Jahr» – analog «Ostern» im christlichen Kalender, teilweise mit denselben Symbolen.

Reicher Gabentisch: Die Schweizer Schoggi ist eher neu im Iran, gehört aber mittlerweile auch zum Nowruz, dem Frühlingsfest der Iraner. 300 Millionen feiern das «neue Jahr» – analog «Ostern» im christlichen Kalender, teilweise mit denselben Symbolen.

Haymo Empl

redaktion@zugerzeitung.ch

Das deutsche»Ostern«haben wir vermutlich missionierenden ­iro-schottischen Mönchen zu ­verdanken, sie adaptierten das altgermanische Wort für Morgenröte von der angelsächsischen Lichtgöttin Ostara. Lichtsym­bolik einerseits also, andererseits ist Ostern für die Christen das höchste und wichtigste kirchliche Fest. Betrachtet man die Lichtsymbolik etwas genauer, stellt man fest, dass diese in fast ­allen Kulturen und Glaubens­richtungen zu finden ist. Im Iran beispielsweise feiert man Nowruz – und hier lohnt es sich, einmal etwas genauer hinzu­schauen. Rund 300 Millionen Menschen begehen weltweit den Frühlingsbeginn – für die Perser und Iraner, aber auch für Kurden ist dieser Tag ­zugleich der Beginn des neuen Jahres (now: neu / ruz: Tag).

Urs Gösken vom Orienta­lischen Seminar der Universität Zürich erklärt: «Beide Feste fallen zeitlich ins Frühjahr und ­weisen in ihrer Symbolik auf den Frühling hin. Auf den Gabentischen liegen unter anderem Frucht­barkeitssymbole. Der Unterschied zu Ostern ist natürlich, dass diese durch ihren Bezug zur Aufer­stehung Christi noch eine reli­giöse Bedeutung zugeschrieben bekommen hat, während Nowruz nie in den islamischen Festtagszyklus eingebunden worden ist.»

Iranische Ostern als Frühlingsfest

Gösken bringt mit dieser Aus­sage ein weiteres Stichwort: «eingebunden». Denn: Ostern setzt sich aus legendarischen, mythischen und theologischen Motiven zusammen. Berücksichtigt man Archäologie, Sozialgeschichte, Orientalistik und Judaistik, wird man auf ein anderes Datum kommen.

Die Iraner sind derzeit immer noch mitten in den Nowruz-­Festivitäten, das ganze Land mit seinen über 80 Millionen Einwohnern ist im kollektiven Festtagsrausch. Die Vereinigten Nationen stellten am 10. Mai fest: Nowruz ist ein Frühlingsfest, das von mehr als 300 Millionen Menschen seit mehr als 3000 Jahren auf der ­Balkanhalbinsel, in der Schwarzmeerregion, im Kau­kasus, in Zentralasien und im ­Nahen Osten gefeiert wird. In Iran versammeln sich pünktlich zum jeweils vom Meteoro­-lo­gischen Institut berechneten Eintritt der Sonne in das Tierkreiszeichen des Widders alle Familienmitglieder um den Gabentisch. Auf ihm liegen «Haft Sin»: sieben Dinge mit dem Anfangsbuch­staben S.

Schmutzli und Samichlaus im Iran

Vergleicht man Ostern und ­Nowruz, stolpert man über weitere Symbole, die in unserer Kultur nur allzu bekannt sind – allerdings eher in die Weihnachtszeit verortet werden. Der gute alte ­Samichlaus und der Schmutzli sind an Nowruz ebenfalls äusserst ­präsent. Der «Amu Nowruz» bringt am Vorabend der Frühjahrs-Tag- und-Nacht-Gleiche Kindergeschenke, ähnlich wie sein christlicher Amtskollege ­Nikolaus. Haji Firuz spielt Tamburin, tanzt und verlangt Geschenke, während Amu Nowruz der Geber ist. Haji Firuz ist also damit quasi das Pendant zum Schmutzli. Urs Gösken zum Verhältnis von Nowruz und Religion: «Wie losgelöst von der Religion die einzelnen Iraner dieses Fest begehen, ist individuell verschieden. Das Fest ist von keinem religiösen Establishment in der Geschichte zuweilen aktiv missbilligt worden.» Nowruz stehe aber eigentlich in eklatantem Widerspruch zur Religion. «Denn das Fest ist in den vorislamischen iranischen Reichen von Angehörigen ganz unterschiedlicher Religionen gefeiert worden.»

Osterfeuer zum ­Drüberspringen

Es lassen sich weitere Analogien finden: Bei uns wird ein Osterfeuer entzündet, als Sakrament zur Erinnerung an die Auferstehung Jesu beginnt die katholische Messe nach römischem Ritus mit einem Lichtfest. Ein offenes Feuer wird vom Priester gesegnet. Die Iraner machen dies ebenfalls: Am Vorabend des letzten Mittwochs vor Nowruz wird das Tschahar Schanbe Suri (Mittwochsfeuer) angezündet. Dieser zoroastrische Brauch gehört zu den wichtigsten Ritualen des persischen Neujahrfestes, diese kleinen Feuer finden sich überall – genau so wie die jungen Männer, die über dieses dann springen.

So unterschiedlich das Christentum und der Islam (in diesem Artikel in der schiitischen Version geschildert) wahrgenommen werden – vieles lässt sich auf altes Brauchtum zurückführen. Urs Gösken dazu: «Frühlingsfeste sind sehr alt und in verschiedenen voneinander unabhängigen Kulturen bezeugt.»

Vielleicht gelingt ja in der Zukunft eine Annäherung der Religionen über das gemeinsame Feiern und Kennenlernen unterschiedlicher Rituale.

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