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KULTURTRIP: Rubens und die neue Welt in Wien

Zwei Grossereignisse locken an die Donau: das neu eröffnete Weltmuseum und die Rubens-Schau.
Ingrid Schindler
Eröffnungsfeier des neuen Weltmuseums in Wien. (Bild: Ingrid Schindler)

Eröffnungsfeier des neuen Weltmuseums in Wien. (Bild: Ingrid Schindler)

«Heute ist ein guter Tag für den Heldenplatz, ein Tag der Freude!», verkündet André Heller auf der Eröffnungsfeier des Weltmuseums am 25. Oktober. Der Universalkünstler kuratiert die Bühnenshow und setzt just einen Tag vor dem Nationalfeiertag mit einem «Konzert der Vielstimmigkeit» ein Zeichen für respektvolles Miteinander und gegen Xenophobie. Künstler aus Australien, Afrika, Asien, Amerika und Europa (u. a. der Schweizer Christian Zehnder) treten auf, wie es sich für ein Weltmuseum gehört. André Heller zitiert Karl Valentin: «Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.» Ein solches Haus sei per se ein Ort, um die Angst vor dem Fremden zu vertreiben, so Museumsdirektor Steven Engelman. Die Sammlungen des Wiener Völkerkundemuseums reichen zurück bis ins 16. Jahrhundert. Felix Austria besass zwar keine Kolonien, dennoch aber bisweilen ausgeprägte imperiale Attitüden. Exotikfieber, Sammelwut und die Lust, Museen zu füllen, nahmen im 19. Jahrhundert solche Ausmasse an, dass Thronfolger Franz Ferdinand an sich selbst diagnostizierte: «Ich leide an Museomanie.»

Ein Museum erfindet sich neu

In die moderne Kulturlandschaft passt eine solche Haltung nicht mehr. Deshalb 2014 die Schliessung des alten Völkerkundemuseums. Umbau, Neukonzept, Namenswechsel, Rückgabe einiger Objekte, neue Einvernahmen. Mancher kostbare Schatz bleibt in Wien, wie der altmexikanische Federschmuck «Penacho» aus der Zeit, als Maximilian von Habsburg Kaiser von Mexiko war. «Die Mexikaner hätten ihn so gern zurück, aber er würde den Transport nicht überstehen», sagt Engelman.

Wie früher ist die Welt in der Hofburg zu Hause. Jetzt heisst das Kind Weltmuseum. Es lässt einen zeitgemässen Blick auf die alten Sammlungen zu, will die Weltsicht verändern und zum Dialog einladen. Die neu konzipierte Schausammlung bildet mit über 3000 Objekten und Fotografien das Herzstück des Museums. Diese werden kritisch hinterfragt, in einen neuen Kontext gesetzt und erzählen in 14 Sälen Geschichten über oft überraschende Verbindungen zwischen Österreich und der Welt. Zum Beispiel über Expeditionen in Brasilien im Rahmen habsburgischer Heiratspolitik oder eben über die «Museomanie» dreier junger Erzherzöge. Daneben werfen fünf Sonderausstellungen zeitgenössischer Künstler jeweils einen eigenen Blick auf Ethno-Themen.

Quasi eine Haustür weiter widmet sich das Kunsthistorische Museum (KHM) vom 18. Oktober 2017 bis 21. Januar 2018 dem grossen Star der flämischen Barockmalerei: Peter Paul Rubens. Höchst erfolgreicher Künstler, Netzwerker, Intellektueller, Architekt und Diplomat. Ja, der, der Götter, Liebesgöttinnen, Heilige, Putten, Schönheiten so fleischig und lustvoll gemalt hat. Vorlieben hin oder her, eines muss man den üppigen Rubens-Figuren lassen, «sie fühlen sich wohl in ihrer Haut». Letzteres kommt von Gerlinde Gruber, die weiss, was eine Rubens-Haut so lebendig macht – sie hat mit Stefan Weppelmann, beide KHM, und Jochen Sander, Städel Museum Frankfurt, die 127 Exponate (Gemälde, Grafik, Skulpturen und Gebrauchsobjekte) umfassende Ausstellung kuratiert.

Die reine Lust: Stein zu Fleisch

Die grosse Schau mit dem Titel «Kraft der Verwandlung» stellt die enorme Kreativität Rubens’ ins Zentrum und geht seiner Kunst auf den Grund. Beinahe kriminalistisch. Genau darin liegt ihr Reiz. Auch für Rubens-Laien ist es vergnüglich wie aufschlussreich, die Inspirationsquellen unterschiedlicher Epochen in den Werken wiederzuentdecken. Sie stehen im gleichen Raum oder hängen nebeneinander: antike Skulpturen, Werke von Tintoretto, Tizian, Raffael, flämischen, holländischen Künstlern u. a.

Zum Beispiel «Ecce Homo» – «Seht den Menschen»: ein Christus mit Dornenkrone und zur Schau gestelltem, nacktem Oberkörper. Doch, man hat ihn schon gesehen. In anderem Zusammenhang, leicht veränderter Pose. Der Blick des Betrachters fällt automatisch auf die Quelle. Es ist der Torso eines Kentauren, den Rubens im Palazzo Borghese in seinem Skizzenbuch festgehalten hat: Der schmerzensreiche Christ, der den Betrachter direkt anblickt und ihm seinen perfekt ausgeleuchteten, athletisch-männlichen Oberkörper präsentiert, als Zitat eines lüsternen, animalischen Mischwesens aus Pferd und Mann, im antiken Vorbild von einem Cupido gezügelt! Das löst Mitleid und zugleich Begierde aus, ist ein Hingucker, auch heute noch. «Die ikonografische Neuaufladung eines antiken Motivs», nennt es die Fachfrau. Wie auch im Falle eines «Prometheus», bei dem sich Bezüge zu Coxcie, Michelangelo und zur Laokoongruppe herstellen lassen, eines «Christophorus», der auf eine Herkules-Skulptur verweist, oder einer frierenden Venus, «Venus Frigida», die auf die antike «Kauernde Venus» zurückgeht. Dabei inszeniert Rubens die Torsi neu, «er geht sehr frei mit seinen Quellen um», so Gruber, dreht, spiegelt, kippt sie, leuchtet sie in barocker Theatralik dramatisch aus, lädt sie emotional und erotisch auf und «verwandelt», wie es die Kuratorin formuliert, «Stein in Fleisch». Wer hinschaut, dem fällt ins Auge, worin die Faszination der Werke liegt. Rubens kopiert, zitiert, modifiziert, variiert und erfindet das neu, was er selber liebt.

Ingrid Schindler

www.khm.at, Katalog zur Ausstellung: «Rubens. Kraft der Verwandlung», 39.90 Euro (Museumsausgabe), 60.90 CHF, Hirmer 2017 www.weltmuseumwien.at, www.wien.info

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