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LAMPENFIEBER: Kein Ton ohne Doping

Viele Berufsmusiker leiden unter Bühnenangst. Jeder Dritte hat deshalb schon zu Betablockern gegriffen – zu Medikamenten, die im Sport auf der Dopingliste stehen.
Anna Kardos/Annika Bangerter
Schatten über der Klassik. Viele Musiker halten dem Druck nur mit Doping stand. (Bild: Christian Beutler/KEY)

Schatten über der Klassik. Viele Musiker halten dem Druck nur mit Doping stand. (Bild: Christian Beutler/KEY)

Anna Kardos/Annika Bangerter

Die Angst setzte bereits Stunden vor dem Konzert ein. Unaufhaltsam. Im entscheidenden Augenblick übernahm sie, liess den Geigenbogen zittern. Solche Situationen seien furchtbar gewesen, sagt ein pensionierter Musiker des renommierten Zürcher Tonhalle Orchesters. «Ich dachte, jeder könne es hören. Und ich fühlte, dass ich auf dem Instrument nicht ausdrücken konnte, was ich wollte.» Applaudierten die Zuschauer am Ende des Konzerts minutenlang, kämpfte der Geiger noch stundenlang mit sich selber. «Extrem unzufrieden» sei er dann jeweils mit seinem Spiel gewesen. Das Hadern wurde schon bald von der Angst vor dem nächsten Auftritt abgelöst. Ein Teufelskreis. «Die Musik trat in den Hintergrund. Das Lampenfieber erschien mir wie ein Schicksalsschlag», sagt er. Bis ihm ein Kollege im Orchester von Betablockern erzählte.

Obwohl im Ruhestand, will der Geiger seinen Namen in der Zeitung nicht lesen. Er ist nicht der Einzige. Die meisten Musikerinnen und Musiker lehnten es ab, im Rahmen dieses Artikels über den Tablettenkonsum zu sprechen, der in klassischen Orchestern verbreitet ist. Das Tabu ist riesig. Obschon Experten schätzen, dass rund 30 Prozent der Orchestermusiker bereits zu Betablockern gegriffen haben, wenn das Lampenfieber zu gross, die Bühnenangst zu schrecklich wurde.

Jeder Dritte hat Angst auf der Bühne

In Deutschland gaben bei einer breiten Erhebung mehr als 90 Prozent der Berufsmusiker an, Lampenfieber zu haben. In Lausanne haben Forscher des Instituts für Gesundheit und Arbeit dazu 194 angehende Berufsmusiker befragt. Dabei zeigt sich: Für jeden Dritten sind Angstgefühle auf der Bühne sogar ein ernsthaftes Problem.

An der Studie beteiligt war Horst Hildebrandt, Leiter Musikphysiologie an der Zürcher Hochschule der Künste und an den Musikhochschulen Basel. Er sagt: «Beim übermässigen Lampenfieber handelt es sich vorwiegend um ein erlerntes Phänomen. Genetische Veranlagungen spielen nur eine geringe Rolle.» Es gebe Menschen, die im privaten Umfeld höchst ängstlich seien, die Bühne aber problemlos beträten. Umgekehrt könnten privat mutige Personen enorm leiden, wenn der nächste Auftritt bevorstehe.

Mitunter kann sich die Angst so stark auswirken, dass perfekt eingeübte Melodien und Phrasen zunichtegemacht werden durch zitternde Hände, schweissnasse Finger oder einen trockenen Mund. Dies, weil Stresshormone wie Adrenalin oder Kortisol den Körper fluten. Damit der Körper der Kunst kein Schnippchen schlägt, greifen Berufsmusiker nicht selten zu Alkohol – oder Tabletten. Betablocker, mit vollem Namen Betarezeptorenblocker, hemmen die Wirkung der Stresshormone und unterbinden die körperlichen Symptome von Nervosität. Die Medikamente sind rezeptpflichtig und werden bei Herzkrankheiten oder Bluthochdruck verschrieben.

Daneben haben Betablocker eine glänzende Zweitkarriere gemacht – auf den grossen Konzertbühnen der Welt. Der einstige Tonhalle-Musiker weiss warum: «Das Medikament verhinderte das Zittern und befreite mich von diesem Angstzustand. So konnte ich mich wieder auf die künstlerischen Aufgaben fokussieren. Es war wie eine Erlösung .»

Betablocker sind nicht ohne Risiko

Doch was sind die Folgen dieses Konsums? Ist er schädlich? ­Gemäss Kardiologin Isabella ­Sudano vom Universitätsspital Zürich berge ein «falscher Einsatz» von Betablockern gewisse Risiken. Weil einige dieser Medikamente vermeiden, dass ein tiefer Zuckerspiegel spürbar ist, dürften etwa Diabetiker sie nicht nehmen.

Gefährlich können sie auch für Asthmatiker oder Personen mit tiefem Blutdruck sein. Sudano sagt, sie rate grundsätzlich davon ab, wegen Stress zu Betablockern zu greifen: «Zentral ist aber, von einem Arzt überwacht zu werden.» Da die Tabletten allerdings mit ein paar Klicks im Internet bestellt werden können, entfällt diese Kontrolle häufig.

Körperlich machen Betablocker nicht süchtig. Psychisch können sie allerdings abhängig machen, sagt Udo Rauchfleisch, emeritierter Basler Psychologieprofessor. Er berät in seiner Praxis Berufsmusiker, die unter Bühnenangst leiden. «Die Medikamente verfestigen den Eindruck, dass Auftritte ohne sie nicht mehr möglich sind. Die Angst wird dadurch grösser», sagt er. Nicht mehr der eigene Körper, sondern die Betablocker scheinen ver­lässlich.

Von Patienten höre er nicht selten, dass vor einem wichtigen Auftritt der Hochschullehrer seinen Studenten zu einem Betablocker raten würde. «Das ist problematisch», sagt Rauchfleisch. Es fehle ein Umgang mit der Anspannung. Dabei müsse nicht jede Aufregung vor dem Auftritt gedämpft werden. «Einen gewissen Level braucht es für die kreative Leistung.»

Hunderte von Stunden trainiert – doch nur ein paar Sekunden entscheiden über den Erfolg. Musiker und Sportler befinden sich in einer ähnlichen Situation. Der Unterschied: Betablocker stehen bei Sportarten, die Präzision fordern, auf der Dopingliste. Etwa im Schiesssport, Golf oder Billard. An den Olympischen Spielen 1988 musste der chinesische Pistolenschütze Kim Jong-Su seine Goldmedaille abgeben. Da Betablocker zudem Angstzustände dämpfen, sind sie im Skispringen oder Motorsport ebenfalls verboten. Anders im Bereich der Musik. An der Messlatte des Sports gemessen, würde rund ein Drittel der Instrumentalisten als Dopingfälle gelten. Ein Vergleich, den Musiker nicht gerne hören. Eine Geigerin der Philharmonia Zürich, die ebenfalls anonym bleiben möchte, sagt: «Mein ruhiger Bogen, meine schnellen Finger sind nie das, worum es in der Musik geht. Das ist nur Mittel zum Zweck. Was zählt, ist der künstlerische Ausdruck und diesen bestmöglich präsentieren zu können.»

Medikamente sind Helfer, nicht Doping

Die perfekte Darbietung: Für sie rücken Körper, Psyche und Moral in den Hintergrund. Medikamente gelten als Helfer, nicht als Doping. Der pensionierte Tonhalle-Musiker sagt: «Viele meiner Orchester-Kollegen konnten nur mit Spritzen gegen Schulterschmerzen spielen. Und ich nahm eben ein Medikament gegen das Händezittern.»

Es gibt Alternativen zur Tablette, sind sich die Fachleute einig. Autogenes Training, Entspannungs- und Atemtechniken oder ein individuelles Bühnen-Coaching können helfen, die Ängste zu zähmen. Die Physiotherapeutin Johanna Gutzwiller hat sich auf die Gesundheit von Musikern spezialisiert. Sie führt ihre eigene Praxis und unterrichtet an der Zürcher Hochschule der Künste. Neben körperlichen und mentalen Entspannungstechniken brauche es ein Umdenken, sagt sie. «Die Musiker müssen sich von der Idee verabschieden, stets fehlerfrei auftreten zu wollen. Sie müssen Methoden lernen, wie sie im Moment und im Nachhinein mit Fehlern konstruktiv umgehen können.» Die musikalische Darbietung als Ganzes müsse in den Mittelpunkt rücken, nicht der Anspruch nach Perfektion.

Wie weitreichend die Konsequenzen sein können, zeigt sich bei einer Geigerin. Sie erzählt: «Weil Lampenfieber bei meinem Lehrer nie Thema war, dachte ich, ich sei als Einzige davon betroffen.» Auch sie nahm während des Studiums Betablocker. Mit der Zeit habe sich das Gefühl eingestellt, nicht ohne Medikament auftreten zu können. Die diplomierte Geigerin hat ihr Instrument an den Nagel gehängt: «Ich wollte einen Beruf, den ich ohne Medikamente meistern kann.»

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