LANDLEBEN: Schluss mit der Bauern-Idylle

Die Schwiegereltern im Nacken, der Existenzkampf, der zermürbt: Wenn in einer Bauernehe der Wurm drin ist, kracht gleich das ganze Kartenhaus zusammen. Einfach wegzugehen, ist zudem oft nicht so einfach.

Robert Bossartrobert Bossart
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Kurz und schmerzlos: Die periodische Messung des Augeninnendrucks ist ab 40 Jahren empfohlen. (Bild: Getty)

Kurz und schmerzlos: Die periodische Messung des Augeninnendrucks ist ab 40 Jahren empfohlen. (Bild: Getty)

«Mein grösster Wunsch wäre es, endlich mal einen Gartensitzplatz zu haben.» Darauf antwortet ihr Mann entsetzt: «Oh nein, das geht nicht! Das würde meiner Mutter gar nicht passen.» Dieser Dialog zwischen einer Bäuerin und ihrem Mann fand in einer Mediation statt, in der es darum ging, die Konflikte des Bauernpaars, das seit 20 Jahren verheiratet ist, anzuschauen. Und sie bringt exemplarisch auf den Punkt, was auf Bauernhöfen das Eheleben so schwierig macht: der Generationenkonflikt, der wohl nirgends so stark ausgeprägt ist wie auf Landwirtschaftsbetrieben. Die Eltern beziehungsweise Schwiegereltern gehören oftmals zu einem Betrieb wie der Stall und die Kühe und sind nicht wegzudenken. Nicht selten können sie für die Bauernfamilie zum Albtraum werden.

Nörgelnde Schwiegermutter

So hat es auch Andrea Müller* erlebt, deren Geschichte zwar schon ein paar Jahre zurückliegt. Das Grundproblem ihres Falls hat aber an Aktualität nichts eingebüsst. Die gebürtige Polin heiratete einen Bauern aus einer Luzerner Landgemeinde. «Alles war zunächst tipptopp und schön», erzählt sie. Ihr Mann hatte einen stattlichen Hof mit Kühen, Schweinen und einer grossen Erdbeerplantage. Bald schon bekam das Paar einen Buben, später folgte ein zweiter. Mit der Idylle war es ziemlich rasch vorbei. Die Probleme mit der Schwiegermutter begannen schon kurz nach der Geburt des ersten Kindes. «Immer hat sie gejammert, wie streng sie es früher mit ihren vier Kindern gehabt habe, dass sie immer arbeiten musste und so weiter», sagt Andrea Müller. Dauernd habe sie gestichelt und kritisiert, dass Müller zu wenig arbeite und nicht mithelfe bei der Hofarbeit. Der Umstand, dass die Schwiegermutter quasi mit der Jungfamilie zusammenlebte, belastete die junge Frau zunehmend. «Sie stand zwischen mir und meinem Mann.» Und wenn er einmal für sie Stellung bezog, sprach die Mutter tagelang nicht mehr mit ihnen und war beleidigt.

Auch die Schwägerin, die ebenfalls auf dem Hof lebte, hackte auf ihr herum. Den ganzen Tag hätte sie beim Ernten der Kartoffeln, dem Auflesen von Äpfeln und anderen Arbeiten mithelfen sollen. Eine Arbeit, welche die gelernte Gärtnerin zwar nicht scheute, für die sie aber als junge Mutter einfach nicht die Zeit hatte. «Ich machte schon mit, aber einfach nicht die ganze Zeit», sagt Müller. Wichtig waren für sie die Betreuung der Kinder und der Haushalt.

Die junge Frau – Andrea Müller war gerade mal 22 – war dem zermürbenden Alltag auf dem Hof ausgeliefert. Taschengeld hatte sie keines, und jedes Mal, wenn sie das Auto benützen wollte, gab es Diskussionen mit der Verwandtschaft. Am Sonntag, wenn sie gerne mit der Familie etwas unternommen hätte, liess ihr Mann die Rollläden runter und schlief, um sich von der anstrengenden Woche zu erholen. «Dann ging ich halt allein mit den Kindern in die Badi oder in die Stadt.» Schliesslich verliebte sie sich in den Angestellten des Hofs – aus heutiger Sicht sei dies die einzige Möglichkeit gewesen, sich von der untragbaren Situation lösen zu können. Und bald schon kam die Trennung, später die Scheidung.

Probleme mit der Schwiegermutter hatte auch Heiri Gürber aus Neudorf. «365 Tage im Jahr sass sie an unserem Tisch in unserer Küche, obwohl wir ihr eine kleine Einliegerwohnung hergerichtet hatten», erzählt der 44-Jährige. Zusammen mit seiner Frau hatte er den Hof der Schwiegereltern übernommen, das Haus umgebaut – die Schwiegermutter bekam lebenslanges Wohnrecht. Was in vielen landwirtschaftlichen Familien – vor allem in der Zentralschweiz – noch üblich ist. Das Zusammenleben auf so engem Raum erwies sich zunehmend als schwierig. Die Atmosphäre war oftmals von negativen Gefühlen und Stimmungen geprägt. «Sie war vom Typ her eher verbittert», erzählt Gürber. «Das Glas war für sie immer halb leer.» Heiri Gürber beschreibt die Schwiegermutter als eine Person, welche die Gabe hatte, stets «Öl ins Feuer zu giessen» und in der sechsköpfigen Familie mit ihren vier Kindern häufig schlechte Stimmung zu verbreiten. «Alles, was ich machte, war in ihren Augen schlecht. Hinzu kam, dass sie sich in alles einmischte, auch in finanzielle Angelegenheiten, immer in der Angst, der Hof gehe in Konkurs», erzählt Gürber.

Kultur des Neids und der Missgunst

Problematisch sei auch die Rolle seiner damaligen Frau gewesen. «Sie war die jüngste von drei Schwestern, hat nie auswärts gewohnt und sich nicht richtig von der Mutter emanzipiert. Wenn sie ihrer Mutter widersprach, gab es Liebesentzug.»

Gürber betont, dass er sich durchaus gewohnt war, in einer grösseren Gemeinschaft zu leben – er selbst ist in einer Grossfamilie inklusive Grossmütter gross geworden. Aber diese Kultur des Neids und der Missgunst habe ihn immer stärker belastet. «Das war auch für die Kinder nicht gut, welche die Spannungen miterleben mussten», so Gürber. Leider habe er zu lange nicht oder zu wenig interveniert. Schliesslich ging es nicht mehr, und seit drei Jahren ist das Paar geschieden.

Die Schwiegereltern inklusive

Geschichten wie die hier beschriebenen kennt Agnes Schneider zur Genüge. Sie ist im Netzwerk «Hofkonflikt» als Mediatorin tätig und berät Paare, die im landwirtschaftlichen Umfeld leben. Sie bestätigt, dass die «Schwiegereltern-Problematik» ein häufiges Phänomen ist. «In ungefähr der Hälfte bis zwei Dritteln der Fälle, in denen es zu einer Scheidung kommt, spielt der Generationenkonflikt mit.» Die Antwort mit dem Gartensitzplatz am Anfang des Textes hat sie erhalten, nachdem die Mediatorin die Frau gefragt hat, was sie brauche, damit sie auf dem Hof bleiben würde. «In so einer Situation wäre es entscheidend, dass der Mann zu seiner Frau steht, anstatt zu sehr auf die Mutter Rücksicht zu nehmen», so Schneider. Das sei aber in der Realität oftmals gar nicht so einfach. Eine junge Frau kommt auf einen Hof, auf dem ein bereits funktionierendes System besteht. «Weihnachten oder Ostern etwa werden seit jeher nach dem Muster X gefeiert», erklärt die Mediatorin. Das Leben ist eingespielt und unterliegt festen Regeln. Kommt nun eine neue Person hinzu, stösst diese auf Widerstand, wenn sie im System etwas ändern möchte. «Sie heiraten also nicht nur einen Partner oder eine Partnerin, sondern auch noch einen Hof – und die Schwiegereltern.» Die Ehe, die Liebe und Beziehung sind zwar wichtig, für manchen Bauer ist der Hof aber genauso bedeutend. Man tut alles, um diesen zu erhalten – das Bemühen um eine funktionierende Partnerschaft kommt darum nicht überall an erster Stelle.

Wichtig ist ein runder Tisch

Was also kann man tun, damit eine bäuerliche Beziehung gelingen kann? Bedingung sei, so die Fachfrau, dass die Beziehung zu den Schwiegereltern beziehungsweise Eltern geklärt werde. Grösstes Hindernis dabei ist das lebenslange Wohnrecht, das auf vielen Betrieben immer noch üblich ist. Die Eltern verkaufen dem Sohn oder der Tochter den Hof und erhalten gleichzeitig ein Wohnrecht, das nicht kündbar ist. Somit ist man auf Gedeih und Verderb auf engstem Raum zum Zusammenleben gezwungen. Dabei wäre es wichtig, eine angemessene Distanz einzuhalten. «Es gibt das Sprichwort, das besagt, dass man den Rauch voneinander nicht sehen sollte», so Agnes Schneider. Viel besser wäre es in vielen Fällen, wenn die Eltern sich im Dorf eine kleine Wohnung suchen würden, von wo sie nicht jeden Schritt der jungen Bauernfamilie mitbekommen – und so viel weniger in Versuchung kommen, sich in deren Alltag einzumischen. Zumindest sollte man von einem lebenslangen Wohnrecht absehen und ein normales Mietverhältnis vereinbaren. Geht das Zusammenleben nicht gut, kann die Miete gekündigt werden.

Wenn man trotzdem mit den Eltern oder Schwiegereltern auf dem gleichen Hof lebt, ist es wichtig, dass man sich gleich zu Beginn zusammen an einen Tisch setzt und die Spielregeln des Zusammenlebens miteinander aushandelt. «Man sollte klar sagen, was einem wichtig ist», sagt Schneider. Etwa, dass geklopft wird an der Wohnungstür und man nur eintritt, wenn man dazu aufgefordert wird. «Die minimalsten Anstandsregeln müssen eingehalten werden», betont die Mediatorin.

«Chrampfen» versus Freizeit

Ein Konfliktpunkt ist immer wieder auch die Arbeitshaltung. Die ältere Generation war sich noch gewohnt, 12 oder mehr Stunden pro Tag zu arbeiten, die jüngere Generation hingegen möchte ein Leben, in dem auch Freizeit und Erholung ihren Platz haben. Zudem arbeiten gerade die Frauen immer öfter Teilzeit ausserhalb des Hofs, weil sie damit einen willkommenen Zustupf zum regulären Einkommen erarbeiten können. Dies passt je nachdem der älteren Generation nicht, da «sich das nicht gehört» und sie sich schämen, wenn man auswärts arbeiten muss, weil die Einnahmen vom Hofbetrieb nicht ausreichen.

Die Mediatorin stellt fest, dass Trennungen und Scheidungen im bäuerlichen Umfeld allgemein zugenommen haben. Warum? «Früher war eine Frau geächtet, wenn sie den Hof verliess, heute ist das zum Glück nicht mehr so.» Zudem stellt die Religion keine so grosse Hürde mehr dar. «Und die Frauen haben heute meist einen Beruf gelernt, der es ihnen ermöglicht, auf eigenen Füssen zu stehen.» Leicht falle es den betroffenen Paaren aber auch heute nicht, wenn es zur Trennung kommt. «In den Fällen, die ich kenne, war das immer ein langer und wohlüberlegter Weg», so Schneider.

Kinder wollen auf dem Hof bleiben

Kommt es zur Trennung, ist die Situation für die Kinder speziell heikel. In der Mehrheit der Fälle bleibt der Mann auf dem Hof, und die Frau zieht weg. Die Kinder ihrerseits hängen nicht nur an den Eltern, sondern auch am Hof mit den Tieren und dem ländlichen Umfeld. «Wenn man die Kinder fragt, ob sie weg von ihrem Zuhause wollen, sagen sie oft Nein», so Schneider, «auch wenn sie vielleicht lieber bei der Mutter leben würden.» Das führe häufig zu einem doppelten Clinch.

In Fällen, in denen die getrennten Eltern noch miteinander auskommen und vernünftig miteinander reden können, findet sich aber meist eine akzeptable Lösung. Etwa, dass die Kinder un­ter der Woche bei der Mutter und am Wochenende auf dem Hof beim Vater sind. Oder dass sie sämtliche Fe­rien auf dem Bauernhof verbringen, an­sonsten aber mehrheitlich bei der Mutter leben.

«Es Buurebüebli mani nid, das gseht mer mir wohl a – juhe!» Dieses Kinderlied mag die eine oder andere Ex-Bäuerin nach einer langwierigen und schwierigen Trennungsgeschichte schon leise vor sich hin gesummt haben. Doch Agnes Schneider, selber auf dem Land wohnhaft, betont: «Es gibt nach wie vor viele Bauernehen, die sehr gut laufen und in denen wunderbare Beziehungen gelebt werden.»

* Name geändert