Lauter Sex schafft böses Blut

Nachbarschaftsstreit beschäftigt die Gerichte. Denn nirgendwo wird inbrünstiger gestritten als an der Thujahecke.

Silvan Lüchinger
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Nachbarschaftsstreit beschäftigt die Gerichte. Denn nirgendwo wird inbrünstiger gestritten als an der Thujahecke. Da werden schon einmal geköpfte Katzen in den Garten geworfen, und wer vor der Haustür eine brennende Zeitung findet, sollte sich hüten, das Feuer barfuss auszutreten. Es könnte ein Hundedreck drunterliegen.

Dass der Frömmste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt, war schon Schillers Wilhelm Tell schmerzlich bewusst. Am besten fährt daher, wer sich mit Nachbarn gleicher Weltsicht umgibt. Zweifellos: Nahe gelegene Einkaufsmöglichkeiten oder eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr sind Kriterien, die bei der Wahl des Wohnorts eine Rolle spielen können. Auch der kurze Arbeitsweg und das Kulturangebot wollen berücksichtigt sein. Doch der wahre Weg zum friedlichen Zusammenleben folgt einer anderen Spur. «Separiertes Wohnen» ist das Wort der Stunde.

Da und dort gibt es sie bereits: Wohnsiedlungen, in denen sich alle Bewohner zum Verzicht aufs Auto verpflichten müssen. Wer dennoch fährt, fliegt. Ein paar Parkplätze gibt es zwar, aber sie sind dem Pöstler und dem Samichlaus vorbehalten. Das Christkind kommt ja ohnehin vom Himmel hoch daher. Und weil dort nicht geraucht wird, entstehen auch auf Erden immer mehr Rauchfreiquartiere. Vorschriften und Kontrolle sind penibel. Schon wer ein Zündholzbriefchen mit sich führt, gilt als Täter mit Eventualvorsatz.

Noch steckt das separierte Wohnen in den Anfängen. Aber es wird sich durchsetzen – weil der Möglichkeiten und Bedürfnisse unendlich viele sind. Eine Strasse nur für Konfessionslose? Warum nicht? Es gibt ja immer mehr davon. Eine Siedlung nur für Rothaarige? Kein Problem, wenn sie nicht an Wohnungen für Hosenträgerträger grenzt. Politische Botschaften sind erlaubt, solange sie räumlich auseinandergehalten werden. Dass Vegetarier und Fleisch­esser in eigene Ortschaften gehören, versteht sich von selbst. Das erleichtert nicht zuletzt den Siedlungsplanern die Namensgebung. Was dem einen die Kabiskreuzung ist dem andern sein Hohrückenplatz. Gegenseitig besuchen muss man sich ja nicht.

Wenig bekannt, aber amtlich belegt ist die Tatsache, dass auch lauter Sex Anlass zu Nachbarschaftsstreit gibt. Häuser in Leichtbauweise sollten daher nur noch für die stille Paarung zugelassen sein. Noch besser für gar keine. Dann entstehen auch keine Nachbarn, die einen ärgern können.

Silvan Lüchinger