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Leben mit Missverständnissen

Jeder Mensch nimmt die Welt auf seine eigene Art wahr. Ist seine Wahrnehmung gestört, finden sich diese Menschen oft nicht mehr zurecht und gelten in der Leistungsgesellschaft als Sonderlinge.
Bruno Knellwolf
Den Regen spüren: Wahrnehmung ist individuell und baut auch auf den eigenen Erfahrungen auf. (Bild: iStock)

Den Regen spüren: Wahrnehmung ist individuell und baut auch auf den eigenen Erfahrungen auf. (Bild: iStock)

Bruno Knellwolf

Im Nachhinein erscheint das Erlebte surreal. Man fühlt sich im falschen Film. Drei Menschen am Tisch: Zwei haben die gleiche Szene so erlebt, die dritte Person völlig anders. Ist für zwei der Stuhl grün, scheint er für die dritte rot zu sein. Ginge es wirklich um die Stuhlfarbe, wäre das kein Problem. Doch solche Irritationen können zu Streit führen. In der Familie, bei der Arbeit oder im Freundeskreis. Wahrnehmungsstörungen sind nicht nur für den Betroffenen ein Problem, sondern auch für sein Umfeld.

Doch wann beginnt die Wahrnehmungsstörung? Physikalisch betrachtet sind da Schallwellen, die auf unser Ohr treffen. Darin lösen sie eine mechanische Reaktion aus, die elektrisch verarbeitet und via Hörnerven ins Gehirn geleitet wird. Jedes Hirn macht aus diesem Reiz eine Information. Wie diese wahrgenommen wird und für wie bedeutungsvoll sie eingestuft wird, hängt auch von der Erfahrung des Menschen ab. Auch aus solcher, die aus der Evolution heraus entstanden ist, wie Brigitte Pastewka, Sonderpädagogin bei der Stiftung wahrnehmung.ch, erklärt.

Sie erzählt von einer Studie, in der die Versuchsteilnehmer mit Babygeschrei beschallt wurden. Die Reaktionen von gleichaltrigen kinderlosen Männern und Frauen waren auf das genau gleiche Geschrei unterschiedlich. Die Signale des Babys lösten bei den Frauen ein viel stärkeres Signal aus als bei den Männern. Setzte man nun aber Väter und Mütter dem Babygeschrei aus, waren die Reaktionen viel ausgeglichener. Die Wahrnehmung des Mannes hatte sich aufgrund der Erlebnisse mit seinem Kind verändert. «Die Entscheidung, ob ein empfangener Reiz im Hirn Bedeutung hat, ist abhängig von der Lebenssituation und der Erfahrung», sagt Pastewka.

Die Fähigkeit zur Organisation und Vernetzung der Reize im Gehirn ist uns angeboren. Ein Mensch mit normaler Wahrnehmung weiss: Holt ein Paukentrommler mit seinem Schlägel aus, wird es gleich laut. Dementsprechend erschreckt er nicht, wenn es knallt. Hat jemand aber eine Wahrnehmungsstörung, erschreckt diese Person trotzdem – und die anderen um sie herum fragen sich, warum.

Wahrnehmung ist gesellschaftlich definiert

Wahrnehmung sei zum Teil auch gesellschaftlich definiert, sagt die Sonderpädagogin. Abnormes Verhalten stört in unserer Leistungsgesellschaft, für Sonderlinge bleibt wenig Platz. Doch die Grenze zur Wahrnehmungsstörung ist fliessend. Jeder Mensch könne in Situationen gebracht werden, in denen seine Wahrnehmung versage. Aber normalerweise kommen wir damit zurecht. Von einer wirklichen Wahrnehmungsstörung bei Erwachsenen könne man sprechen, wenn sich diese im Alltag in wiederholter Starrheit präsentiere. «Therapiebedürftig wird jemand, wenn er daran leidet. Oder wenn sein Verhalten gefährlich für seine gesellschaftliche Stellung in Familie und Beruf ist», sagt Pastewka.

Sie erzählt von einem ihrer Patienten, einem 30-jährigen ETH-Absolventen, der, bevor er im Burn-out landet, die Arbeitszeit reduziert. Trotzdem bleibt er unter Druck, weil er dem Tempo nicht folgen kann. Als ein Kollege krank wird, will er dessen Arbeitspensum übernehmen. Weil er sich aber nicht spürt, was für Wahrnehmungsgestörte typisch ist, bricht er schliesslich zusammen. «Das erleben wir immer wieder», sagt Pastewka. Solche Menschen brauchen mehr Ruhezeiten. Die meisten merken aber nicht selbst, dass sie Wahrnehmungsstörungen haben. Bei Kindern reagieren die Lehrer oder die Eltern und fragen wegen einer Abklärung bei der Stiftung nach. Oder die Kinderärzte, «die aber oft sagen, das wachse sich aus», sagt Pastewka. Dann könne es auch mal zu spät sein und die Störung wachsen.

Drei Formen von Wahrnehmungsstörungen

Unterschieden wird in der Therapie zwischen drei Formen von Wahrnehmungsstörungen: zum ersten die taktil-kinetische Störung. Die gibt es im kindlichen Alter oft, man spricht dann oft von einem Schutzli. Diese Kinder sind in der Regel normal intelligent und leiden umso mehr unter der Beeinträchtigung. Zum zweiten gibt es die inter-modale Störung. Solche Menschen können Situationen nicht vernetzen. Die Augen-Hand-Koordination funktioniert nicht richtig. Sie müssen sich in jeder Situation wieder von Neuem zurechtfinden. Auch beim hundertsten Besuch im Wartezimmer. Die dritte Störung ist jene in Zeit und Raum. Diese kommt meist erst zum Tragen, wenn das Kind in die Schule kommt. Buchstaben können nicht richtig eingereiht werden, oder bei einem Ticketautomaten die Reihenfolge der Befehle. Eine krasse Form der Wahrnehmungsstörung ist der Autismus. Jeder Autist hat Wahrnehmungsstörungen, aber nicht jeder Wahrnehmungsgestörte hat Autismus. Auch Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, leiden an einer Art von Wahrnehmungsstörung. Sie begreifen den Zusammenhang von Ursache und Wirkung schlecht. Sie können kein Wissen darüber entwickeln, wie die Welt funktioniert. Vorgänge werden unüberschaubar, was Verschwörungstheorien Tür und Tor öffnet.

Ohne wissenschaftlichen Beleg geht Pastewka davon aus, dass in den psychiatrischen Kliniken viele Patienten mit unbehandelter Wahrnehmungsstörung zu finden seien, die eine Psychose entwickelt hätten. Eine Wahrnehmungsstörung könne man auch mit einer Therapie nicht heilen. «Aber wir können den Boden bereiten, damit die Betroffenen sich mit der Welt auseinandersetzen und mit der Störung leben können», sagt Pastewka.

wahrnehmung.ch

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