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LEBENSART: «Vegan leben ist ein Gewinn»

Vegan ist derzeit ein grosser Trend. Nächste Woche gibt es in Luzern nun auch eine erste vegane Party, organisiert von Liliane Bürli. Die junge Frau entspricht so gar nicht dem Klischee, das man von Veganern häufig hat.
Interview Hans Graber
«Veganer sind nicht so verbissene Menschen, wie man sich das vielleicht vorstellt», sagt die Luzernerin Liliane Bürli. (Bild Boris Bürgisser)

«Veganer sind nicht so verbissene Menschen, wie man sich das vielleicht vorstellt», sagt die Luzernerin Liliane Bürli. (Bild Boris Bürgisser)

Liliane Bürli, was gab es bei Ihnen zum Zmittag?

Liliane Bürli: Nicht gerade viel, ein Hafersüppchen (lacht).

Und was gibts zum Znacht?

Bürli: Das habe ich mir grad auf dem Weg hierher überlegt. Lasagne vielleicht. Oder Pasta bolognese.

Äh ... bolognese? Mit Hackfleisch?

Bürli: Ich nehme statt Fleisch ganz einfach grüne Linsen.

Und was ist mit der Lasagne, da hat es doch tierische Produkte drin?

Bürli: Ja, aber zum einen ist es natürlich eine Gemüselasagne, und die Béchamelsauce mache ich mit Sojamilch und Margarine.

Und das schmeckt?

Bürli: Wunderbar, finde ich.

Ich finde es etwas seltsam, dass man für vegane Gerichte die gleichen Namen verwendet wie für «normale» Gerichte.

Bürli: Mir wurde dadurch das Umsteigen erleichtert, ich verwende die gleichen Begriffe wie früher. Ein Glas Milch ist weiterhin ein Glas Milch, jetzt einfach mit Pflanzenmilch.

Wann war früher?

Bürli: Ich bin erst seit rund anderthalb Jahren auf vegane Ernährung umgestiegen. Der Bruder meines damaligen Freundes hat an der Lehrabschlussprüfung eine Arbeit gemacht: Er untersuchte während zweier Monate die Auswirkungen von veganer Ernährung auf seine Gesundheit. Mein Ex-Freund fand vegan cool und stieg sofort um – ich dagegen war wenig angetan von dieser Idee (lacht). Ein bisschen in diese Richtung, das konnte ich mir schon vorstellen, aber ganz, nein, auf keinen Fall. Ich hatte so Sachen wie Filet im Teig, Würste, Aufschnitt oder Eier in allen Variationen viel zu gern damals.

Und dann ging die Beziehung auseinander?

Bürli (lacht): Nein, nein, das hatte andere Gründe. Ich habe es ja dann doch versucht mit vegan und fand zunehmend Gefallen daran. Wenn man mal weiss, worauf man achten muss, fällt das Kochen erstaunlich leicht. Ich fühlte mich auch schnell besser dank der veganen Ernährung und habe mich mehr und mehr mit der ganzen Idee auseinandergesetzt. Mittlerweile arbeite ich auch auf diesem Gebiet, bei Swissveg, der Informationsstelle für eine pflanzenbasierte Lebensweise.

Ich nehme an, Veganerin zu sein ist Voraussetzung für diesen Job.

Bürli: Im Minimum Vegetarierin, das schon. Die Veganer sind ja eigentlich eine Untergruppe der Vegetarier, wobei es auch innerhalb der Veganer wieder verschiedene Strömungen gibt. Die einen können vielleicht auf einen bestimmten Käse nicht verzichten, «für andere ist ganz selten ein Ei vom Bio-Freilandhuhn kein Problem, wieder andere sind sehr streng und in aller Konsequenz vegan, also keine Lederschuhe, keine Wollsachen und so weiter, wobei es den zu 100 Prozent konsequenten Veganer nicht geben kann.

Gehören Sie zu den «Hardcore»-Veganern?

Bürli: Ich würde nicht Hardcore sagen, es gibt bei mir immer noch kleine Ausnahmen. Mein Wintermantel zum Beispiel, den ich im Secondhand in Brighton gekauft habe, besteht aus Wolle und Seide. Ich habe es mir wirklich lange überlegt, aber dann sagte ich mir, dass dieser Mantel ja schon da ist und auch schon jemandem Freude bereitet hat.

Bei Wollsachen sehe ich jetzt nicht unbedingt, wo das Problem sein soll.

Bürli: Sie täuschen sich. Wir hätten in der Schweiz viele Schafe, aber deren Wolle ist leider zu kratzig. Deshalb wird das meiste aus Neuseeland importiert, verbunden mit Massentierhaltung und Scheren im Akkord, mit vielen Folgeverletzungen bei den Tieren.

Was tragen Sie jetzt?

Bürli: Vorwiegend Baumwolle – wobei, auch die ist vom Umweltgedanken her nicht unproblematisch, ich weiss, aber ich kaufe möglichst wenig, und irgendwo gibt es Grenzen. Sonst dürfte man wohl auch keine pflanzlichen Produkte essen, die mit tierischem Dünger aufgezogen wurden. Es gibt übrigens Veganer, die auch da strikt sind. Das ist dann schon eher Hardcore.

Machen Sie tierische Ausnahmen beim Essen?

Bürli: Ganz kleine. Als ich kürzlich eingeladen war, gab es einen Käsekuchen, weil der Gastgeber meinte, ich sei «nur» vegi. Er hatte sich derart Mühe gegeben mit der Quiche – ich konnte fast nicht anders. Und manchmal, wenn ich mit jemandem im Restaurant bin, der Fleisch isst, nehme ich einen Bissen davon.

Nur einen?

Bürli: Ja, meistens, denn ich merke schnell, dass ich es nicht brauche. Es «gruuset mir».

In einer deutschen Zeitung habe ich neulich den Satz gelesen: «Es gibt Momente, da gehen die Veganer sogar den Veganern auf die Nerven.» Hat das was für sich?

Bürli: Es gibt Richtungsstreits unter den Veganern. Schade eigentlich, wir sind eh schon eine kleine Minderheit, und da sollte man sich innerhalb nicht auch noch befehden.

Mehr noch als die Veganer selber fühlen sich zuweilen die Nicht-Veganer von Veganern genervt. Was haben Sie für Erfahrungen gemacht?

Bürli: Man muss sich tatsächlich recht viel erklären und wird kritisch befragt, teils auch in eine Ecke gedrängt. Obwohl Veganismus ein grosser Trend ist im Moment, ist er noch immer mit diesem «Barfusslatschen- und Ökoheini-Image» behaftet.

Wie gehen Sie damit um?

Bürli: Ich finde Veganismus eine moderne und positive Bewegung, und ich kämpfe dafür, dass sie wächst.

Warum kämpfen Sie, warum wollen Sie andere bekehren?

Bürli: Eine gute Frage. Ich bin Veganerin geworden, um Tiere zu schützen, Energie zu sparen und allgemein die Umwelt zu schonen und mich für eine nachhaltige Entwicklung einzusetzen. Das scheinen mir gute Motive zu sein, und meines Erachtens verdienen es Tiere sehr wohl, dass sie weniger Leid ertragen müssen. Und weil es mir dank veganer Ernährung wirklich besser geht, würde ich das den Mitmenschen auch gönnen.

Was für Sie gut ist, muss nicht zwingend für andere auch gut sein.

Bürli: Das stimmt auch wieder, aber wenn man nur schon an die Massentierhaltung und den damit verbundenen Konsum von Billigstfleisch denkt, kann einem kaum ganz wohl sein.

Einverstanden, aber es ist jetzt doch mühsam, weit darüber hinaus immer alles zu hinterfragen und mich quasi nur noch darüber zu definieren, worauf ich jetzt alles verzichte. Das ist doch ein freudloses Leben.

Bürli: Das ist eben genau nicht so. Es ist ein Gewinn! Ich verzichte ja zum Beispiel nicht auf Milch, ich habe auch als Veganerin in Bioläden eine Auswahl von zehn Sorten Milch, die megafein sind. Übrigens, ich habe Ihnen noch eine vegane Schoggi mitgebracht ...

Oh, vielen Dank. Zum Veganer werde ich trotzdem kaum. Reicht es nicht, wenn ich weniger Fleisch esse und erst noch darauf achte, dass es unter artgerechten Bedingungen hergestellt wurde oder die Bio-Knospe trägt?

Bürli: Das ist sicher schon mal ein gewaltiger Fortschritt, aber auch mit Bio wird ein Tier nach einem halben Jahr geschlachtet.

Aber das sind doch nun mal Nutztiere, der Mensch ist seit jeher ein Allesesser, und wenn kein Fleisch gegessen würde, wären diese Tiere gar nicht erst da.

Bürli: Das kann man so sehen, aber wenn sie da sind, soll man ihnen eben ein artgerechtes Leben ermöglichen, nicht nur ein halbes Jahr.

Sie organisieren am nächsten Samstag im «La Fourmi» in Luzern eine Vegan-Party. Kommt man auch mit Lederschuhen rein?

Bürli: Klar! Auch als bekennender Fleischesser (lacht). Es gibt ein grosses Vegan-Buffet, wir möchten Schwellen abbauen, zeigen, dass Veganer nicht so verbissene Menschen sind, wie man sich das vielleicht vorstellt. Verbissenheit würde eh nichts bringen, denn zu 100 Prozent konsequent kann niemand sein. Kommen Sie doch auch an die Party!

Ich werde es mir überlegen. Ist Bier vegan?

Bürli: Bier meistens, Wein aber meistens nicht.

Warum denn das?

Bürli: Bei der Herstellung von Wein sind für das Filtern Hilfsmittel wie Gelatine und Hühnereiweiss zugelassen.

Das habe ich nicht gewusst. Also trinken Sie keinen Alkohol?

Bürli: Doch, ich trinke gerne ein Glas und ich rauche sogar. Es ist zwar schon so, dass man als Veganer allgemein ein bewussteres Leben führt, aber auf Genuss muss man deswegen nicht verzichten – zumindest ich nicht.

Fahren Sie Auto?

Bürli: Ich habe das Billett, aber kein eigenes Auto.

Handy?

Bürli: Ein Fairphone, also ein Öko-Handy, produziert unter fairen Arbeitsbedingungen.

Gibt es auch noch ein Leben ausserhalb dieser Vegan- und Öko-Zone?

Bürli: Aber sicher, ich habe wieder begonnen, Musik zu machen. Früher war ich Schlagzeugerin in einer Band, jetzt übe ich seit einem halben Jahr akustische Gitarre und versuche, auch Lieder zu schreiben.

Wohl über vegane Themen?

Bürli: Das war zunächst auch ein bisschen meine Befürchtung, aber ich kann Sie beruhigen: Nein, keine veganen Themen (lacht), mit einer Ausnahme – und die ist gar nicht so übel, finde ich.

Und sonst?

Bürli: Ich versuche mir mit Fotografieren und handwerklicher Produktion ein zweites Standbein aufzubauen. Ich stelle Lampen her – aber nicht, um andere zu erleuchten, aber auch T-Shirts mit Siebdrucken, Töpfereien und anderes mehr.

Und was ist das da für ein längliches Tattoo auf Ihrem Unterarm? Ein Gras?

Bürli: Eine Vanilleschote, die habe ich seit einem halben Jahr. Sie steht für meinen Künstlernamen Lili Vanilly, aber man soll das nicht mit zu viel Bedeutung aufladen wie das bei Tattoos manchmal so üblich ist. Für mich ist das eher das Umgekehrte: Die Vanilleschote erinnert mich daran, dass man nicht alles so furchtbar ernst sehen soll im Leben.

Aber den Veganismus schon?

Bürli: Selbstverständlich, der hat mir eine neue Welt erschlossen, ich bin ein anderen Mensch geworden. Ich bin schon noch die gleiche, aber irgendwie anders.

Es geht also so einiges, seit Sie Veganerin sind.

Bürli: Das ist so, aber ich habe mich schon immer mega engagiert, wenn ich irgendwo dabei war, früher im Jugendclub Kulturwerk in Sursee. Oder noch früher bei den Pfadi in Reiden.

Pfadiname?

Bürli: «Choice» – weil ich so «schnäderfräsig» war. Ich hatte nichts gern. Heute dafür alles. Alles, was nicht tierisch ist.

Leben mehr Frauen als Männer vegan?

Bürli: Frauen scheinen mir schon in der Mehrheit zu sein. Vermutlich, weil sie etwas sensibler sind als Männer, aber man sollte sich immer vor Verallgemeinerungen hüten. Es gibt auch immer mehr vegane Männer.

Muss ihr Partner vegan sein?

Bürli: Ich bin derzeit Single und habe mir diese Frage natürlich auch schon gestellt (lacht). Ich glaube, Veganer müsste er nicht sein, aber er müsste wie ich das Leben schätzen und nachhaltig leben. Das kann man auch mit Fleisch, aber ich habe mich nun für den veganen Weg entschieden und werde dabei bleiben. Grundsätzlich geht es aber um ein positive Lebenseinstellung. Man sollte möglichst so leben, dass es niemanden schmerzt. Nicht die Tiere, nicht die Umwelt und auch nicht die Mitmenschen. Das kann man recht einfach, sogar ohne Abstriche machen zu müssen.

Was heisst vegan?

Begriff Veganismus lehnt nicht nur den Verzehr von Fleisch, sondern überhaupt jede Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ab. Ethisch motivierte Veganer achten auch bei Kleidung und anderen Gegenständen des Alltags darauf, dass diese frei von Tierprodukten und Tierversuchen sind. Das Wort vegan geht auf den Engländer Donald Watson zurück, der 1944 die Vegan Society gründete. Um jene Vegetarier zu bezeichnen, die auch Milchprodukte mieden, benutzte Watson zunächst den Terminus total vegetarian (zu Deutsch in etwa: konsequenter, strenger Vegetarier). Als Abkürzung dafür prägte er dann aus dem Anfang und Ende von vegetarian die Wortneuschöpfung vegan. (Quelle: Wikipedia).

Ist vegan wirklich so gesund?

Arztsicht
Obwohl Veganer gerne betonen, dass ihre Form der Ernährung viele gesundheitliche Vorteile mit sich bringe, sind Studien, die das untersuchten, relativ dünn gesät und auch widersprüchlich. Vegane Ernährung, so zeigen die einen Studien, kann zu einem niedrigeren Herzinfarkt-Risiko, besseren Blutfettwerten, tieferem Blutdruck, weniger Typ-2-Diabetes und weniger Krebserkrankungen führen. Allerdings gibt es auch Studien, in denen diese Vorteile nicht erhärtet werden konnten, eher im Gegenteil. Und so oder so sind solche Resultate stets mit Vorsicht zu interpretieren, denn die Studien basieren praktisch nur auf Befragungen. Unklar ist auch, ob mögliche Vor- (oder eben auch Nachteile) effektiv auf vegane Ernährung zurückzuführen sind, oder ob nicht auch noch andere Lebensumstände eine Rolle spielen.

Es spricht nichts dagegen
Fakt aber ist: Vom ärztlichen Standpunkt aus gesehen, spricht im Prinzip nichts gegen Veganismus. Christoph Henzen, Chefarzt Endokrinologie-Diabetologie am Luzerner Kantonsspital: «Grundsätzlich ist der Mensch ein Allesesser, und der Stoffwechsel der Makronährstoffe (Kohlenhydrate/Eiweiss/Fett) ist so vernetzt, dass eine ‹einseitige› Ernährung möglich ist.»

Vorsicht in der Schwangerschaft
Allerdings sei bei einer veganen Ernährung der genügenden Einnahme von Mikronährstoffen wie Vitaminen und Spurenelementen besondere Beachtung zu schenken, insbesondere in speziellen Lebenssituationen wie Schwangerschaft, Wachstum oder Krankheit. Henzen: «Das ist auch der Grund, weshalb das BAG beispielsweise in der Schwangerschaft von einer strikt veganen Ernährung abrät.»

Mögliche Defizite

Bei rein veganer Ernährung können gemäss Henzen folgende Mangelzustände (Defizite) entstehen:

  • Vitamin B 12 (wichtig für Blutbildung, Nervensystem und Herz)
  • Vitamin D (die in der Haut vorhandene Vorstufe wird in unseren Breiten nur von den sehr intensiven Sonnenanbetern genügend aktiviert)
  • Essenzielle Aminosäuren, die aus tierischem Eiweiss stammen
  • Spurenelemente wie Eisen, das vor allem bei menstruierenden Frauen mit veganer Ernährung zu tief sein kann. Seltener ist auch ein Zink-Mangel festzustellen.

Christoph Henzen betont aber: «Diese möglichen Defizite können mit der gezielten Einnahme von veganen Lebensmitteln oder auch mit Nahrungsergänzungsmitteln (Brausetabletten) vermieden werden.» Die Chance ist umso grösser, weil vegane Ernährung ja meist nicht nur das bewusste Weglassen von tierischen Produkten bedeute, sondern eine Lebenshaltung sei. Henzen: «Die allermeisten Veganer wissen um mögliche Mangelerscheinungen und sorgen vor.»

«Man sollte möglichst so leben, dass es niemanden schmerzt.» (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

«Man sollte möglichst so leben, dass es niemanden schmerzt.» (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

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