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LEBENSPHILOSOPHIE: Entwicklungshilfe im Geniessen

Zuerst das dänische Hygge, dann das norwegische Lagom und nun das japanische Ikigai: Warum gucken die Schweizer immer ins Ausland, wenn es um die Suche nach dem Glück geht?
Diana Hagmann-Bula
Wer seinen Lebenssinn gefunden hat, steht morgens leichter auf. (Bild: Getty)

Wer seinen Lebenssinn gefunden hat, steht morgens leichter auf. (Bild: Getty)

Diana Hagmann-Bula

Eine Wolldecke, ein Kaminfeuer, ein heisses Getränk, selbstgemachter Kuchen und ein paar Freunde: Mehr brauchen die Dänen nicht, um aus garstigen Wintertagen Herzensmomente zu machen. Hygge nennt sich diese Gemütlichkeit. Das nordische Volk gilt als Meister darin. Bald schon verrieten die Gemütlichkeitsexperten ihre Tipps deshalb nicht mehr nur auf Blogs, sondern auch in unzähligen Büchern.

Hygge ist nur der Anfang unserer Glückssuche im Ausland. Nach Hygge kam Lagom. Aus Norwegen. Auch dort sind die Winter lang und dunkel, auch dort könnten Teetrinken und Kuchenessen vor dem Kamin eine Überlebensstrategie sein. Doch die Norweger setzen auf anderes: auf das richtige Mass. Nicht übertreiben, nicht untertreiben. Mittelmässig sei ihr Dasein dennoch nicht, betonen sie. Viel eher verstehen sie darunter, nachhaltig, bewusst und sparsam zu handeln.

Was liebst du, fragen sich nicht mehr nur die Japaner

Unterdessen ist Lagom auch überholt. Das Glück hetzt, von einem Land zum anderen: Gerade ist es in Japan daheim. Dort kommt der Begriff Ikigai her, was bedeutet: etwas, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen. Um herauszufinden, was dieser Antrieb sei, müsse man sich vier Fragen stellen, heisst es in Ratgebern: Was liebst du? Worin bist du gut? Was braucht die Welt? Wofür kannst du bezahlt werden? Lebenssinn, nennen das andere. Ein Rezept, das schon die alten Griechen propagierten. Hygge und Lagom sind ebenso wenig brandneu: Grossvater hat schon immer beteuert, dass er sich von allem ein wenig gönnt, aber von nichts zu viel. Und die Gemütlichkeit der Dänen – eigentlich unterscheidet sie sich doch kaum von dem Gefühl, dass sich in einem Chalet in den Schweizer Bergen einstellt. Dort können auch wir bei Salsiz, Fondue und selbstgebranntem Schnaps plötzlich ganz ausgelassen und unbeschwert sein. Nur gibt es hierzulande kein Wort für diesen Zustand, das sich vermarkten liesse.

Wir, die es in der Schweiz, so gut haben – in einem sicheren, wohlhabenden Land mit Naturschönheiten leben, das im World Hapiness Report immer wieder weit vorne liegt: Warum versprechen wir uns vom Norden und von Japan noch mehr Zufriedenheit? «Wir suchen das Glück ­immer irgendwo anders. Vom Neuen erhoffen wir uns mehr Potenzial», sagt Glücksforscher Mathias Binswanger. Doch diese Suche, dieses Vergleichen, ebendas berge die Gefahr der Unzufriedenheit. «Wenn man das Glück anstrebt, entwischt es einem in der Regel. Und Konkurrenzieren fördert den Neid», sagt der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen.

Erfülltheit als Nebenaspekt

Abwegig sei dennoch keines der ausländischen Konzepte: «Das Glück stellt sich tatsächlich nicht im Extremen ein. Und tut man etwas gerne, ergibt sich sozusagen als Nebenaspekt Erfülltheit.» Doch nicht jedem fällt es leicht, glücklich zu sein. «Forscher gehen davon aus, dass 50 Prozent Gen-Sache sind, 50 Prozent hat man selber in der Hand.» Im Kleinen das Grosse sehen, empfiehlt Binswanger weiter. Also Luftsprünge machen, wenn sich nach drei Tagen Nebel wieder die Sonne zeigt. Sich erfreuen am Kaffee und der Pause, für die man trotz überfrachtetem Tagesprogramm Zeit findet. Oder eben am selbstgemachten Kuchen, den man vor dem Kamin geniesst. «Die bombastischen Glücksmomente sind selten. Man kann nicht auf sie bauen.»

Dann attestiert Binswanger den Skandinaviern doch noch einen Vorteil: Sie hätten die Fähigkeit, aus dunklen Wintern mit einfachen Mitteln das Beste zu machen. Sich dann mit Freunden zu umgeben und das Soziale zu zelebrieren bekomme dem Menschen. «Er ist nicht gemacht für ein Einsiedlerleben.» Bei den Schweizern hingegen hat er die Mentalität festgestellt, «das Glas zu einem Zehntel als leer statt zu neun Zehnteln als voll zu sehen». Binswanger: «Wir sind gut im Erzeugen von Wohlstand. Wenn es jedoch ums Geniessen geht, sind wir ein Entwicklungsland.»

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