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LERNFORSCHUNG: «Im Gymnasium sind viele Kinder, die nicht dorthin gehören»

Die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern, ETH Zürich, sieht Handlungsbedarf im Schulsystem der Schweiz. Nur die intelligentesten Schülerinnen und Schüler sollen Zugang zum Gymnasium und später an die Universität erhalten.
Interview von Beat Glogger
Diese Schüler eines Gymnasiums haben das Übertrittsverfahren bestanden – einige aber wohl nur dank massiver Unterstützung. Bild: Keystone

Diese Schüler eines Gymnasiums haben das Übertrittsverfahren bestanden – einige aber wohl nur dank massiver Unterstützung. Bild: Keystone

Interview von Beat Glogger

wissen@luzernerzeitung.ch

Elsbeth Stern, jedes Jahr hoffen viele Kinder, dass sie das Gymnasium besuchen können. Für manche bricht eine Welt zusammen, wenn es nicht klappt. Was raten Sie diesen Familien?

Natürlich ist ein Misserfolg nie schön. Aber wir müssen alle damit leben, dass wir nicht alles haben können. Deswegen geht die Welt nicht unter, erst recht nicht die der Eltern. Die sollten ihr Kind darin unterstützen, dass es auch ein Leben ohne Gymnasium gibt. Die Erwartung, alle müssten ins Gymnasium, ist sowieso verkehrt.

Wieso?

Weil es als Vorbereitung für den Besuch der Universität dient. Und weil heute viele Kinder an den Gymnasien sind, die dort eigentlich gar nicht hingehören. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa 30 Prozent der Gymnasiasten einen zu tiefen Intelligenzquotienten für diese Schulstufe haben. Heute würde ich diese Zahl sogar noch nach oben korrigieren.

Wer sagt, welcher IQ fürs Gymnasium der richtige sei?

Die Bürger selber. Die Schweiz hat das Ziel, dass 20 Prozent der Kinder aufs Gymnasium sollen, damit sie später Zugang zu einer Universität haben. Wenn man die intelligentesten 20 Prozent nimmt, müsste der minimale IQ für das Gymnasium bei 112 Punkten liegen. Dort gibt es aber viele Kinder, die darunter sind.

Weshalb ist das ein Problem?

Weil dann viele Leute eine Matura haben und an die Uni gehen, die eigentlich die kognitiven Fähigkeiten nicht mitbringen. Sie drücken das Niveau oder scheitern im Studium oder kommen später in berufliche Positionen, denen sie intellektuell nicht gewachsen sind. Solche Leute wären in anderen Karrierezweigen besser aufgehoben, anstatt anderen den Platz wegzunehmen.

Wie schaffen es denn diese «Falschen» ins Gymi?

Zunehmend spielt die soziale Herkunft eine grosse Rolle. Wohlhabende Familien leisten sich für ihre Kinder eine intensive Prüfungsvorbereitung oder später vielleicht durch die ganze Gymnasialzeit Nachhilfeunterricht. Im Gegensatz dazu gibt es auch in sozial benachteiligten Familien – etwa Einwanderern – intelligente Kinder. Doch die erhalten die notwendige Unterstützung nicht.

Mit Ihrer Einschätzung stehen Sie ziemlich einsam da. Wer es heute nicht ins Gymi schafft, gilt als benachteiligt.

Ich sehe das nicht so. In der Schweiz gehen ja 80 Prozent der Kinder nicht aufs Gymnasium. Und es gibt sehr gute Wege im Schweizer Bildungssystem, einen hochqualifizierten Beruf zu erlernen, etwa nach einer Berufslehre über die Fachhochschule. Ich habe Kollegen, ETH-Professoren, deren Kinder gehen auch nicht ins Gymnasium. Zum Teil, weil sie es nicht wollen, zum Teil, weil sie die Voraussetzungen dafür nicht erfüllen.

Wenn fürs Gymi das Potenzial das Hauptkriterium sein soll: Wären Aufnahmeprüfungen durch IQ-Tests zu ersetzen?

Nein. Eigentlich bräuchte es beides, Aufnahmeprüfung und IQ-Test. Denn: Auch Intelligenztests kann man üben und wird darin besser, ohne allerdings wirklich intelligenter zu werden. Wenn man also nur auf IQ-Tests setzen würde, würden die Eltern, die jetzt ihre Kinder ins Lernstudio schicken, die Kinder einfach zum IQ-Training schicken. Ich bin für ein kombiniertes System.

Wie sähe das aus?

Schulnoten sind schon ein guter Hinweis auf Intelligenz. Wenn aber Lehrer das Gefühl haben, dass Eltern ein Kind pushen, das die Voraussetzungen nicht hat, müsste man prüfen, ob das Kind wirklich geeignet ist. Zum Beispiel mit einem Intelligenztest. Man müsste auch früher darauf achten, dass jene Kinder mit Potenzial gefördert werden.

Wie kann das funktionieren?

Primarlehrer sollten zum Beispiel frühzeitig schauen, ob es Kinder gibt, die sehr viel besser in der Mathematik sind als in Sprache. Das wäre ein Hinweis darauf, dass ein Kind mehr Intelligenz mitbringt, als es zeigen kann – weil es zum Beispiel zu Hause sprachlich zu wenig gefördert wird – egal ob Schweizer oder aus einer fremdsprachigen Familie. Das Problem ist, dass für Kinder, deren Eltern schon einen Universitätsabschluss haben, heute mehr getan wird als für solche aus bildungsferneren oder eingewanderten Familien. Deren Potenzial sollte mehr genutzt werden.

Immer mehr Kinder haben ein iPad. Kann das die Förderung unterstützen, oder schadet es eher?

Wenn man beispielsweise darauf zeichnet, regt das die Fantasie genauso an wie ein Buch. Aber man muss aufpassen, dass es nicht zu viel wird. Wenn Kinder – und auch Erwachsene – immer das Gerät zur Hand haben, schauen sie nicht mehr, was es um sie herum Interessantes gibt. Sie konzentrieren sich nur noch auf ihre kleine Welt. Dadurch leidet die Neugierde.

Ist das schädlich?

Ich bin dagegen, den Teufel an die Wand zu malen. Aber es ist wichtig, dass man sich bewusst Zeiten setzt, in denen man offline ist. Man sollte sich ab und zu mit seinem Inneren beschäftigen. Sich fragen, welche grösseren Ziele man hat und ob man noch auf dem richtigen Weg ist.

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