LINO GUZZELLA: «Klassischer Motor hat noch nicht ausgedient»

Die Autos heute sind noch viel zu gross und zu schwer, sagt Lino Guzzella. Mit kleineren Motoren liesse sich der Verbrauch leicht auf 5 Liter senken, ist sich der Experte sicher.

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Lino Guzzella in seinem Büro an der ETH in Zürich. (Bild André Häfliger/Neue LZ)

Lino Guzzella in seinem Büro an der ETH in Zürich. (Bild André Häfliger/Neue LZ)

Lino Guzzella*, wie tief steckt die Autoindustrie in der Krise?

Lino Guzzella: Sie steckt wirklich in der Krise. Und jene, die glauben, dass alles vorbei ist, die irren sich. Wegen all der Verschrottungsprämien wurde die Krise letztes Jahr zwar noch etwas abgedämpft, aber auch in der Schweiz waren die Umsatzeinbussen markant. Noch schlimmer als die Hersteller hat es die Zulieferer getroffen. Die Autoindustrie steckt in der Zwickmühle: Einerseits braucht es gewaltige Anstrengungen, um aus der Krise zu kommen, andererseits fehlt schlicht und einfach das Geld.

Welche Bedeutung hat der Genfer Auto-Salon in solch schwierigen Zeiten?

Guzzella: Er ist von grosser Bedeutung. Die Hersteller schätzten ihn, weil er auf neutralem Boden, also in einem Land ohne eigene Autobauer, stattfindet. Da gilt die Schweiz immer noch als Testmarkt. Andererseits ist der Salon an einem schönen Ort sehr attraktiv gestaltet und zieht deshalb im Vergleich zu anderen Autoshows wie beispielsweise Detroit immer noch erstaunlich viel Publikum an.

Bei den Autobauern hält der Trend zu Ökofahrzeugen an. Was kann man in diesem Jahr erwarten?

Guzzella: In Genf werden wieder viele Ökofahrzeuge gezeigt. Die meisten befinden sich aber immer noch im Stadium des Prototyps. Es sind sicher mehr Fahrzeuge mit Hybrid-, Elektro- und Erdgasantrieb ausgestellt. Aber die grosse Mehrheit der Neuheiten sind nach wie vor die klassischen Autos mit Benzin- und Dieselmotoren.

Gibt es denn bei den Antrieben nichts Neues, keine Innovation, die in Serie gehen kann?

Guzzella: Nein. Um die Brennstoffzelle ist es wieder eher ruhig geworden. Vermutlich vor allem deshalb, weil man den dafür benötigten Wasserstoff, genau wie etwa Rapsöl oder Biodiesel, zuerst sehr kostspielig und nicht unbedingt umweltschonend herstellen muss. Von nichts kommt eben nichts, und das vergessen viele Leute.

Werden Benzin und Diesel aus fossilen Quellen irgendwann völlig von anderen Technologien abgelöst?

Guzzella: Irgendwann wird die Ablösung erfolgen, aber wann, weiss heute noch niemand. Ich meine, das geht mindestens noch zwanzig Jahre, bis mehr als die Hälfte der Autos nicht mehr mit Benzin oder Diesel fahren werden. Vermutlich noch länger.

Welche Rolle spielt dabei der Ölpreis?

Guzzella: Der Ölpreis spielt eine gewaltige Rolle. Steigt er, werden sparsamere Autos gekauft, und die Suche sowie das Erschliessen neuer Ölquellen werden verstärkt.

Und welche Rolle spielt die Politik?

Guzzella: Es ist gefährlich, wenn die Politik sagt, wie man etwas machen muss. Sie sollte «nur» sagen, was man machen muss, und die Rahmenbedingungen klar festlegen. Wie man etwas erreicht, sollte man besser dem Markt und den Technikern überlassen.

Ist ein Bonus-Malus-System beim Kauf eines Autos, wie es Umweltminister Moritz Leuenberger vorschlug, sinnvoll?

Guzzella: Das kann durchaus sinnvoll sein. Viel besser und vor allem am einfachsten wäre es meiner Ansicht aber gewesen, die CO2-Abgabe auf fossile Treibstoffe einzuführen.

Welche Antriebstechnik wird sich mittel- bis langfristig durchsetzen?

Guzzella: In den nächsten zwanzig Jahren wird der Verbrennungsmotor dominant bleiben. In der Schweiz wird er vermehrt bei Hybridfahrzeugen eingebaut werden. Weltweit aber wird der Verbrennungsmotor in seiner einfachen Form noch viel länger dominant sein. Dies ganz einfach deshalb, weil diese Technik günstig ist. Ein Inder kann es sich nicht leisten, 40'000 oder 50'000 Franken für ein Hybridfahrzeug auszugeben, er kauft sich stattdessen einen Tata Nano für weniger als 3000 Franken.

Damit ein Elektroauto gleich weit fahren kann wie ein mit Benzin betriebenes Fahrzeug, braucht es eine Batterie von einer Tonne Gewicht. Werden diese Autos also nie in Serie produziert?

Guzzella: Nein, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Es wird nur möglich sein, mit einer etwa 100 Kilogramm schweren Batterie 50 bis 60 Kilometer weit zu kommen. Bei längeren Fahrten wird man nach wie vor den Verbrennungsmotor zuschalten müssen. Kommt dazu, dass der Elektroantrieb teuer ist und die Batterie eine Lebensdauer von nur etwa drei bis vier Jahren hat. Eine Kilowattstunde Batteriekapazität kostet heute 1500 Franken. Für vernünftige Distanzen braucht man etwa 7 bis 10 Kilowattstunden. Das kostet schnell einmal 10'000 Franken. Kann sein, dass sich die Kosten in den nächsten fünf Jahren halbieren, aber dann sind wir immer noch bei 5000 Franken.

Welche Zukunft haben Hybridfahrzeuge?

Guzzella: Diese Autos haben eine grosse Zukunft. Die Technik ist ausgereift, innovativ und sinnvoll. Der einzige Nachteil ist und bleibt der Preis. Aber wir können und sollten uns solche Autos leisten. Hybridfahrzeuge sind eine gute Idee, die sich wegen der hohen Kosten aber nicht auf der ganzen Welt durchsetzen wird.

Liegt die Lösung etwa im Bau leichter Autos?

Guzzella: Das ist es. Wir müssen bescheidener werden. Ich verstehe nicht, weshalb man ein Auto haben muss, welches über 500 PS verfügt, zweieinhalb Tonnen schwer ist und 280 Kilometer in der Stunde schnell ist. Kleinere Fahrzeuge mit kleineren Motoren – damit liesse sich in der Schweiz der durchschnittliche Treibstoffverbrauch von 7,6 Liter locker auf 5 oder noch tiefer senken, ohne dass darunter die Sicherheit leiden würde.

Welche Projekte steuert die ETH bei?

Guzzella: Wir sind in der Hybridtechnik sehr aktiv. Etwa bei der Optimierung von Verbrauch, Gewicht, Software oder der Steuerungsalgorithmen.

Wie verändert sich die Mobilität der Menschen mittel- bis langfristig?

Guzzella: Heute ist die Mobilität zu günstig. Wenn man heute wegen des tiefen Dollars mit Shopping-Touren nach New York wirbt, ist das doch geradezu pervers. Das Auto- und selbst das Bahnfahren sind zu billig. Man kann nicht den CO2-Ausstoss und die Klimaerwärmung bremsen und sich gleichzeitig so günstig bewegen wollen. Die Mobilität wird einerseits also teurer werden müssen, andererseits werden sich zwangsläufig vernünftigere Fahrzeuge mit kleineren Motoren durchsetzen. Das ist schlussendlich eine Frage des gesunden Menschenverstandes. Denn die Menschen lieben die Mobilität, sie sind geradezu süchtig danach. Das wird sich nicht ändern.

Ökologische Autos werden noch zu wenig gekauft, weil sie noch zu teuer sind. Wie können bei der Produktion Kosten gespart werden?

Guzzella: Beim Versuch, Kosten zu senken, stösst man automatisch an Grenzen. Will man leichtere Autos konstruieren, muss man teurere Werkstoffe benützen. Wären die Treibstoffkosten indes hoch, würde sich das aber ohne weiteres rechnen: Ich zahle dann lieber 10'000 Franken mehr für ein Auto, mit dem ich dank geringem Verbrauch 20'000 Franken an Treibstoffkosten einsparen kann. Ich denke im Übrigen nicht, dass die höheren Kosten der einzige Grund sind, weshalb Ökoautos zu wenig verkauft werden. Vielmehr ist es immer noch die Tatsache, dass Ökoautos eben nicht 500 PS haben und man mit ihnen nicht mit 280 Kilometer in der Stunde fahren kann.

Wie hoch müsste der Preis für einen Liter Benzin sein?

Guzzella: Schwierig zu sagen. Kommt dazu, dass man sicher fünf bis zehn Jahre Geduld haben müsste. Erhöht man den Literpreis etwa auf 3 Franken, hätte dies kurzfristig keine grossen Auswirkungen. Erst beim nächsten Autokauf, also längerfristig, würde der Effekt eintreten.

Sollte die grüne Energie staatlich gefördert werden?

Guzzella: Ich bin dagegen, dass der Staat Firmen in irgendwelchen Entwicklungsvorhaben fördern sollte. Er soll die Grundlagenforschung, die Ausbildung finanzieren. Er sollte mit höheren Treibstoffkosten regulierend eingreifen und zum Beispiel dafür die Krankenkassenprämien weiter verbilligen oder die Mehrwertsteuer abschaffen. Dann müssen sich die Autohersteller automatisch überlegen, welches die besten Techniken sind, um die Ökoziele zu erreichen. Dann machen sie nicht das, wofür sie vom Staat einfach Geld bekommen, wie es etwa in Amerika geschehen ist. Sondern sie machen zwangsläufig das, was sinnvoll ist.

Was passiert mit Autobauern, die nach wie vor nach der Maxime «Bigger is better» wirtschaften, wie beispielsweise die amerikanischen Hersteller GM oder Ford?

Guzzella: Es ist ja schon mal eine gute Nachricht, dass die Hummer-Produktion eingestellt wird. Es wird immer weniger Autobauer geben, die dieser Devise treu bleiben. Es gibt heute schon viele Autos zu kaufen, die sauber, sicher, kostengünstig sind und nicht mehr als 5 bis 6 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen. Diese Fahrzeuge, die man heute und nicht erst in zehn Jahren kaufen kann, erfüllen die Vorgaben der Zukunft. Mit solchen Autos lässt sich die CO2-Reduktion um 20 Prozent bis 2020 tatsächlich erreichen.

Interview André Häfliger

* Lino Guzzella (52) ist seit 1999 ordentlicher Professor an der ETH Zürich im Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik.