LITERATUR: «Ich bin ein stiller Zeitgenosse»

Seine Bücher haben sich millionenfach verkauft: Im Interview verrät der Wiener Daniel Glattauer, wieso er kein Popstar ist, morgens gerne früh aufsteht und das Telefonieren hasst.

Interview Annette Wirthlin
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Mag nicht Teil einer «Literaturszene» sein: Erfolgsautor Daniel Glattauer in seiner bevorzugten Umgebung, in der Natur. (Bild: pd / Ingo Pertramer)

Mag nicht Teil einer «Literaturszene» sein: Erfolgsautor Daniel Glattauer in seiner bevorzugten Umgebung, in der Natur. (Bild: pd / Ingo Pertramer)

 

Herr Glattauer, Sie wollten partout kein Telefoninterview mit uns führen. Was haben Sie gegen dieses Medium?

Daniel Glattauer: Es ist mir unsympathisch. Schon seit der Kindheit, weil meine Mutter immer neben mir stand, wenn ich telefonierte, um auf mich einzuwirken, dass ich möglichst sofort aufhören soll, weil es sonst zu teuer kommt. Das hat Stress gemacht, den ich noch heute beim Telefonieren spüre. Wie ich mit meiner Telefonabneigung 25 Jahre Journalismus überstanden habe, ist mir heute ein Rätsel.

Sind Sie grundsätzlich ein eher redescheuer Mensch? Falls ja, würde das im Widerspruch stehen zur Aussage Ihrer Verlegerin, Sie seien bei Ihren Lesungen eine «Rampensau». Was trifft nun zu?

Glattauer: Doch, ich bin prinzipiell redescheu! Ich schreibe lieber. Im Freundeskreis bin ich meistens ruhig, lehne mich zurück und höre zu. Wenn ich allerdings als Redner gefordert bin, wie auf der Bühne, gelingt es mir zum Glück meistens, über meinen Schatten zu springen. Es wirkt dann sogar so, als würde ich gern im Mittelpunkt stehen, was absolut nicht der Fall ist. Rampensau bin ich sicher keine.

Normalerweise mögen wir Journalisten keine E-Mail-Interviews. Bei Ihnen machen wir gerne eine Ausnahme, Sie wurden ja schliesslich mit zwei Liebesromanen berühmt, die aus dem E-Mail-Verkehr zwischen den beiden Protagonisten bestehen. Was haben Sie für eine Beziehung zum Schreiben von E-Mails?

Glattauer: Tja, es ist bei E-Mails so wie bei den Menschen, die sie schreiben – es gibt solche und solche. Ich selbst messe meine Mails nie an jenen, die Emmi und Leo in meinen Romanen einander geschrieben haben. Ich bin Daniel, muss niemandem etwas beweisen (ausser manchmal mir selbst, was anstrengend genug ist), und ich muss niemanden erobern, so reizvoll das schriftlich wäre. Ich schreibe E-Mails in der Weise, wie man gut überlegte Gedanken ausspricht.

Wie sind Sie eigentlich auf die geniale Idee gekommen, eine ganze Liebesgeschichte zu erzählen, nur anhand der E-Mails, die sich die beiden schreiben? Immerhin hat die Idee voll eingeschlagen: «Gut gegen Nordwind» und sein Folgeroman wurden rund 2,5 Millionen Mal verkauft.

Glattauer: Die Idee war nicht genial, eher trivial. Ich dachte, ich beginne eine Liebesgeschichte zeitgemäss – und lasse meine Hauptpersonen durch Zufall schriftlich aneinandergeraten. Vor meinen Augen hat das dann einen Sog bekommen, dem ich mich nicht mehr entziehen konnte und wollte. Auch mich hat dieses Schreib-Paar mit seinen emotionellen Annäherungen süchtig gemacht. Deshalb habe ich ihr erstes physisches Treffen auch immer wieder hinausgezögert.

Die NZZ hat Sie als «Popstar der österreichischen Literaturszene» bezeichnet. Brauchen Sie als Nächstes einen persönlichen Bodyguard?

Glattauer: Ihr habt eine völlig falsche Vorstellung von meinem Leben. Ich gehe hier in meinem Wiener Wohnbezirk Ottakring, der einen hohen Migrantenanteil hat, einkaufen – und kein Mensch kennt mich, was mir sehr, sehr angenehm ist. Ich bin ein stiller, unauffälliger Zeitgenosse. Und ich bin auch niemals Teil einer «Szene», schon gar nicht einer «Literaturszene», sofern es in Österreich eine solche überhaupt gibt.

Weil vor allem Frauen zu Ihrer Fangemeinde gehören, wurden Sie in der Presse als Frauenversteher betitelt. Hört man sowas gerne?

Glattauer: «Frauenversteher» hab ich irgendwie witzig gefunden, meine Frau auch. Es kommt wohl daher, dass in einigen meiner Bücher Frauen die Hauptrolle spielen und dass es mir ein besonderes Vergnügen bereitet, mich in Frauen hineinzuversetzen. Es ist aber nur ein Teil der Wahrheit – denn im Grunde geht es mir beim Schreiben immer darum, mich in andere Menschen hineinzuversetzen, egal ob Frauen oder Männer. Nur so kann man Romane schreiben, die nicht nur von einem selbst erzählen.

Sie haben kürzlich eine Ausbildung zum Lebensberater absolviert. Möchten Sie jetzt aufhören mit Schreiben und zum Psychologen umsatteln?

Glattauer: Romane zu schreiben ist angewandte Psychologie, also war die Ausbildung zum psychosozialen Berater indirekt auch eine Schreib-Ausbildung. Gemacht habe ich sie, weil ich endlich wieder was «Gescheites» lernen wollte und weil mich nichts mehr interessiert als das, wie der Mensch tickt.

Sie haben eine Begabung, Dialoge so locker rüberzubringen, als hätte man sie eben in der Strassenbahn mitgehört. Fallen die Ihnen einfach so zu?

Glattauer: Da haben Sie die Antwort schon mitgeliefert: Ich schreibe genau die Dialoge, die ich in der Strassenbahn gehört habe. Manchmal ist es auch die U-Bahn, der Ärzte-Warteraum, das vertrauliche Beziehungsgespräch von nebenan, die pädagogische Szene vor der Schule oder etwas anderes aus unserem Alltag. Ich habe meine Ohren immer und überall offen.

Haben Sie während des Schreibens mehr Lust- oder mehr Frustmomente?

Glattauer: Das will ich lieber gar nicht hochrechnen. Schreiben ist oft sehr mühsam, und der Spass, Satz für Satz zu bauen und doch immer wieder nach den richtigen Worten zu ringen, hält sich in Grenzen. Überhaupt wenn man – im Gegensatz zum Tagesjournalismus – weiss, dass die Arbeit erst nach mindestens einem Jahr zu Ende ist. Aber es gibt einen gigantisch schönen Lustmoment, und zwar jenen, wenn man den letzten Satz eines Romans geschrieben hat. Schon dafür zahlt es sich aus.

Ich las Ihren neusten Roman am Pool während meiner Ferien und musste immer wieder laut lachen. Ich finde, Sie hätten Talent zum Comedian.

Glattauer: Ihr Leserinnen-Feedback freut mich sehr. Genau für solche Momente schreibe ich, dass da jemand, der mein Buch liest, am Pool liegt und einfach Vergnügen mit meinem Text hat und sich auf niveauvolle Weise unterhalten und geistig angeregt fühlt. «Comedian» – dafür bin ich nicht extrovertiert genug. Mir reichts, meine geschriebenen Worte wirken zu lassen, da muss ich selbst nicht dabei sein.

Gerold Plassek, die Hauptfigur der Geschichte, ist ein relativ gescheiterter, dem Alkohol verfallener, aber sehr liebenswerter Mensch. Ist das der Prototyp des Journalisten, wie Sie ihn aus Ihrer Tätigkeit bei Zeitungen kennen?

Glattauer: Es ist kein Prototyp des Journalisten, solche Charaktere gibt es in allen Jobs. In Wien ist der Gerold-Plassek-Typ vielleicht häufiger vertreten als anderswo. Er bringt Anteile einer Mentalität ein, die dem Leistungsgedanken unserer Gesellschaft so gar nicht entspricht. Und er ist ein ambitionierter Schönredner seiner Schwächen. Worauf es mir ankommt, ist, dass er «das Herz am richtigen Fleck» hat. Darum wächst er auch mit entscheidenden Aufgaben, aber immer nur in kleinen Schritten, und niemals über sich hinaus.

Haben Sie auch was von Geri Plassek in sich?

Glattauer: Ich trinke auch gern Alkohol, aber lieber Wein als Bier – und nicht in solchen Mengen wie er. Ich bin kein Morgenmuffel, im Gegenteil, ich fange möglichst früh zu arbeiten an, schon deswegen, damit ich früher fertig bin. Ich beneide Gerold Plassek nicht um viel, aber seine Uneitelkeit und seine Absage an Karrieregedanken sind mir sehr sympathisch. Ich bin mir meiner Fähigkeiten wie auch meiner Unfähigkeiten bewusst und versuche, mit beiden gut leben zu können. Das gelingt mir offensichtlich besser als meinem Protagonisten.

Am Ende wird Geri unverhofft berühmt, weil seine Artikel über soziale Einrichtungen eine Serie von anonymen Spenden auslösen. Ist das ein geheimer Wunsch eines jeden Journalisten, mit seiner Arbeit etwas ­«Gutes» zu bewirken?

Glattauer: Will nicht jeder Mensch in seinem Beruf grundsätzlich etwas Gutes bewirken? Journalisten haben vergleichsweise gute Chancen dazu. Nicht immer lassen sich die Auswirkungen guter journalistischer Arbeit mit blossem Auge ermessen, aber all diejenigen, die gesellschaftliche Prozesse thematisieren, können doch einen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit leisten. Zumindest in der Theorie.

Die Geschichte mit der Spendenserie wurde ja inspiriert durch eine wahre Begebenheit. Was hat Sie an dem rätselhaften Ereignis derart gepackt?

Glattauer: Über Geheimnisse des Bösen – Verbrechen – lesen wir jeden Tag. Und die Literatur dazu ist üppig, das gesamte Krimigenre lebt davon. Aber hier geht es einmal nicht um die Suche nach einem Täter, sondern um die Suche nach einem Wohltäter. Wer tut Gutes anonym? Und warum? – Das sind zentrale Themen meines neuen Romans.

Haben Sie – nach einigen Liebes­geschichten – nun auch einmal eine politische Message rüberbringen wollen? Immerhin sind es soziale Einrichtungen und Asylsuchende, die beschenkt werden, und Geri tut sich schwer mit seiner Arbeitgeberin, einer rechtslastigen Gratiszeitung.

Glattauer: Nein, ich sehe mich auch in diesem Buch nicht als politischen Aufklärer. Der erhobene Zeigefinger ist nicht mein Ding und steht mir auch gar nicht zu. Ich verfolge in meinen Romanen keine Mission, ich möchte nur Figuren in ihren Welten und in ihrer Beziehung zueinander zeichnen. Aber es stimmt schon, «Geschenkt» war ohne sozialkritische Untertöne nicht zu schreiben. Die Handlung spiegelt schon einige grobe Ungerechtigkeiten unseres Systems wider.

Die Dialoge zwischen Geri und seinem anfangs noch verstockten pubertierenden Sohn sind köstlich. Können Sie da vielleicht gerade aus dem Vollen schöpfen mit Ihrem eigenen Sohn?

Glattauer: Mein Sohn ist stolze 35! Er war aber bereits fünf, als er in mein Leben trat. Ich habe ihn im Kombipack mit seiner Mutter gleich mitgenommen – und im Laufe unserer Lebensgemeinschaft viel von ihm gelernt. In meinem Lebensumfeld gibt es aber noch einige andere kleine und grosse Kinder. Ich liebe es, Kinder und Jugendliche in meine Bücher einzubauen, schon wegen der Unverfälschtheit, Aufrichtigkeit und Schnörkellosigkeit ihrer Sprache.

Waren Sie ein strenger Vater?

Glattauer: Ich bin eher der Kumpeltyp, war ich immer schon. Ich hatte von 20 bis 25 Pädagogik studiert, und wie erwähnt habe ich jetzt auch die Lebensberater-Ausbildung gemacht. Umso überzeugter bin ich, dass man Kinder niemals zu etwas Bestimmten erziehen kann, sondern nur tat- und wortkräftig mithelfen, dass sich das Kind schön langsam zu sich selbst entwickelt.

Sie sind ein Fussballfan. Verraten Sie uns noch drei weitere Dinge, die Sie ausser Schreiben gerne tun?

Glattauer: Erstens: Ich unterhalte mich mit meinen fünf indischen Laufenten in meinem Wochenend-Bauernhaus im niederösterreichischen Waldviertel. Die Unterhaltung ist allerdings eher einseitig. Zweitens: Ich höre Musik, und zwar quer durch alle Genres, von Folk, Soul, Pop, Indie bis zur Klassik. Gute Musik ist in der Lage, mich zu Tränen zu rühren. Momentane Lieblingsbands, also zwei heisse Tipps: «Phox» und «Dry the River».

Und drittens?

Glattauer: Auf einer Parkbank sitzen und mich von der Sonne bescheinen lassen. – Fällt allerdings saisonbedingt jetzt längere Zeit aus.

Sie haben sich auch schon als Liedermacher betätigt. Erzählen Sie mal!

Glattauer: Das war ein Jugend-Abenteuer. Ich bin damit nie in die Öffentlichkeit gegangen, sondern habe nur meinen Freundeskreis damit «beglückt». Aber ich habe immerhin rund 50 eigene Lieder geschrieben. Themenschwerpunkt: die Liebe, was sonst. Wenn ich 80 bin, werde ich mich vielleicht damit outen.

Wir sind gespannt darauf! Übermorgen haben Sie erst mal eine Lesung in Luzern. Kennen Sie die Stadt schon?

Glattauer: In Luzern war ich schon zweimal, einmal mit «Alle sieben Wellen» auf Lesereise. Und beim zweiten Mal privat einen Tag, weil mir dieses Schmuckkästchen von einer Kleinstadt am See gleich ans Herz gewachsen war. Ihr Schweizer habt es schon sehr schön in eurem Land! Übrigens wäre ich ja beinahe in der Schweiz geboren worden. Meine Eltern hatten sich dort kennen gelernt, mein Bruder ist in Zürich zur Welt gekommen. Unmittelbar danach hatte mein Vater allerdings einen Journalistenjob in Wien bekommen, also wurde ich schliesslich doch haarscharf Österreicher.

Wenn man bei uns an Österreich denkt, sieht man schnell einmal den Tirolerhut, das Wienerschnitzel und den Kaiserschmarrn. Was davon trifft man im Zusammenhang mit Ihrer Person an?

Glattauer: Tirolerhut: würde ich niemals tragen. Wienerschnitzel: einmal im Jahr. Kaiserschmarrn: muss auch nicht sein. Ich will ja nicht Tourist im eigenen Land sein. Ich bin ein Wiener mit böhmischen und slawischen Wurzeln, der die Naturlandschaften den städtischen Erbaulichkeiten vorzieht. Und wenn ich einen Österreich-Schweiz-Vergleich wage, so würde ich behaupten: Landschaftlich und kulinarisch auf Augenhöhe, doch die Mentalität ist eine andere.

Inwiefern?

Glattauer: Die Österreicher sind die etwas schnelleren Schweizer, nur deutlich nachlässiger. Deshalb hat sich unser Fussballnationalteam mit Marcel Koller auch einen Schweizer geholt. – Seither läuft es.

Bestseller-Autor

Zur Person wia. Daniel Glattauer (54) ist derzeit der mit Abstand erfolgreichste Schriftsteller Österreichs. Seine Werke wurden in über 39 Sprachen übersetzt und haben sich weltweit millionenfach verkauft. Er studierte Pädagogik und Kunstgeschichte und war 20 Jahre lang Journalist bei der österreichischen Tageszeitung «Der Standard», wo er für Kolumnen, Gerichtsreportagen und Feuilletons zuständig war. Daneben publizierte er diverse Kolumnensammlungen und Romane. Den Durchbruch schaffte Glattauer mit seinem 2006 veröffentlichten Roman «Gut gegen Nordwind», der im selben Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Sein neuster Roman, «Geschenkt», ist kürzlich beim Deuticke-Verlag erschienen. Glattauer lebt in Wien, ist verheiratet und hat einen 35-jährigen Sohn.

Lesung in Luzern: Tickets gewinnen

Lesung Am Dienstag, 4. November, 19 Uhr, liest Daniel Glattauer im Neubad, Luzern. Die Veranstaltung ist ausverkauft. Wir verlosen aber noch 2-mal 2 Tickets. Wählen Sie bis morgen Montag, 12 Uhr, die Nummer 0901 83 30 23 (Fr. 1.50 pro Anruf, Festnetztarif), oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil. Die Gewinner werden umgehend benachrichtigt, Tickets sind an der Abendkasse hinterlegt.

Mag nicht Teil einer «Literaturszene» sein: Erfolgsautor Daniel Glattauer in seiner bevorzugten Umgebung, in der Natur. (Bild: pd / Ingo Pertramer)

Mag nicht Teil einer «Literaturszene» sein: Erfolgsautor Daniel Glattauer in seiner bevorzugten Umgebung, in der Natur. (Bild: pd / Ingo Pertramer)