Literaturpapst Reich-Ranicki sorgt für Eklat

Marcel Reich-Ranicki hatte noch nie Angst davor, unpopulär zu sein. Doch diesmal lehnte der Literaturpapst sogar einen Preis für sein Lebenswerk ab – vor laufender Kamera.

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Schaute neben Marcel Reich-Ranicki (rechts) ziemlich dumm aus der Wäsche: Moderator Thomas Gottschalk. (Bild Keystone)

Schaute neben Marcel Reich-Ranicki (rechts) ziemlich dumm aus der Wäsche: Moderator Thomas Gottschalk. (Bild Keystone)

Der Literaturkritiker erschien zwar in Köln, wo der Deutsche Fernseh-Ehrenpreis von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 hätte verliehen werden sollen. Der 88-Jährige nahm dann aber den gläsernen Obelisken am Samstagabend nicht in die Hand. Da machte es ihm auch nichts aus, keinen Geringeren als Thomas Gottschalk zu frustrieren, der ihm den Preis feierlich übergeben sollte. Der irritierte Fernsehmann versuchte Reich-Ranicki zu besänftigen, indem er eine ZDF-Sendung zu dessen Kritik anbot, doch alles nützte nichts. Gestern sagte Marcel Reich-Ranicki auf Anfrage, er wolle den Preis definitiv nicht haben.

«Widerwärtig»
Er habe zunächst nicht die Absicht gehabt, die Auszeichnung abzulehnen, erklärte Reich-Ranicki. Dass er den Ehrenpreis erhalten würde, war bereits am 7. Oktober bekannt gegeben worden. Der Verlauf des Preisverleihung sei für ihn aber so «widerwärtig» gewesen, «dass ich es nicht ertragen konnte», sagte der 88-Jährige. «Es ist unglaublich, dass so etwas gesendet wird.» Reich-Ranicki schränkte allerdings ein, es sei «nicht alles schrecklich» gewesen, insgesamt aber so unerträglich, dass er die Entgegennahme des Preises spontan abgelehnt habe. Auf die Frage, ob er damit ein Zeichen setzen wollte, sagte er, die Bekundung persönlichen Unmuts sei immer auch ein Zeichen.

Bei der Verleihung hatte Reich-Ranicki die gezeigten Ausschnitte aus TV-Sendungen als «Blödsinn» kritisiert. «Ich gehöre nicht in diese Reihe», sagte der Kritiker, der seinerzeit das «Literarische Kabinett» im Fernsehen leitete und populär machte. Schon damals hatte er oft keine Skrupel, Werke gnadenlos zu zerreissen.

ap