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LUSTLOS: Das «bestgehütete Geheimnis»: Wenn Männer den Sex meiden

Öfter als man denkt, sind es die Männer, die keinen Sex mehr wollen. Bei manchen ist die Libido schon seit Jahren auf dem Tiefpunkt. Sechs Gründe, warum im Bett nichts mehr läuft.
Melissa Müller
Intensive Beschäftigung mit anderweitigen Interessen: Auf Männern lastet im Bett viel Druck. Das kann zu Ersatzhandlungen führen. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone (9. April 2009))

Intensive Beschäftigung mit anderweitigen Interessen: Auf Männern lastet im Bett viel Druck. Das kann zu Ersatzhandlungen führen. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone (9. April 2009))

Melissa Müller

«Ich würde alles dafür geben, einmal im Jahr guten Sex zu haben!», sagt eine 46-Jährige. Sie sei eine attraktive Frau. Doch ihr Mann wolle nicht mehr mit ihr schlafen, er berühre sie kaum noch, allmählich sterbe sie innerlich ab. Schon seit über fünf Jahren gehe das jetzt so. Mehrere solcher Beispiele schildert die Amerikanerin Michele Weiner Davis in ihrem soeben auf Deutsch erschienenen Ratgeber «Lustlos».

Es gebe Millionen Frauen, denen es so gehe. Männliche Unlust sei das «bestgehütete Geheimnis» hinter den Schlafzimmertüren. Und gerade für Männer sei es schwierig, dies zuzugeben. Weshalb sie das Thema aus Scham totschweigen. Gleichzeitig suggerieren Werbeplakate, Filme und Medien, Männer hätten dauernd nur das eine im Kopf. Da fragt sich manche verschmähte Frau: Wie konnte ich mir nur diesen einen lustlosen Mann herauspicken, wo sie doch alle so sexwütig sein sollen? Hat er eine andere? Oder liegt es an mir?

1. Zu viel Leistungsdruck

Das Problem ist auch dem Gestalttherapeut Philipp Steinmann bekannt, der mit seiner Partnerin LuciAnna Braendle in Winterthur Workshops zu Sexualität leitet. «Auf dem Mann lastet Druck: Er muss immer können, auf Kommando eine Erektion bekommen und er muss die Frau befriedigen.» Diese hohen, nicht erfüllbaren Erwartungen führten zu Ersatzhandlungen: Die Männer gehen fremd, zu Prostituierten oder fokussieren sich völlig auf die Arbeit. «Viele junge Männer haben Viagra dabei, aus Angst, nicht zu genügen», sagt Steinmann. «Wir lernen nicht, dass ein Penis während des Liebesspiels auch weich sein darf.» Der Mann glaube, er müsse es «bringen» und sich abarbeiten wie eine Maschine, während die Frau unter ihm stöhnt und ächzt wie in den Pornos. «Es fehlt uns an Vorbildern für eine gesunde männliche Erotik.»

Die meisten Vorbilder stammten aus der Pornoindus- trie. Oder es seien Superhelden mit Sixpack. Steinmann ermutigt Männer, sich mit der eigenen Sexualität und dem eigenen Mannsein zu befassen. Viele Männer gelangten etwa mit 40 Jahren an diesen Punkt, wenn sie merken, dass die Sexualität sich mit dem sinkenden Testosteronspiegel verändert und nicht mehr wie bis anhin funktioniert.

2. Flucht in die Pornografie

«Viele Männer wissen ja nicht mal mehr, wie ein Flirt geht», sagt Psychologe Peter A. Schröter. «Wie man sich annähert, Zeichen liest. Das ist eine Grenzwanderung.» Laut Philipp Steinmann verabschieden sich viele Männer – und übrigens auch Frauen – aus der Paarsexualität und flüchten sich in die Pornografie. «Ein schneller visueller Kanal – aber verhängnisvoll. Man fährt auf einem reduzierten Gleis.» Sinnesreize wie Riechen, Schmecken und Hautkontakt fallen dabei weg. Auch Michele Weiner Davis greift das Netz und seine Suchtgefahr auf. Intime Online-Chats und Masturbation vor der Mattscheibe erfüllten alle Kriterien wirklicher Affären: Heimlichkeit, Intimität, sexueller Höhepunkt. Darum fühle es sich für die Frau wie Betrug an, wenn der Mann Pornos schaut. Weiner Davis rät Frauen, ihre Männer konkret, aber nicht anklagend darauf anzusprechen. Und wenn gar nichts fruchtet: «Fragen Sie, ob Sie mitmachen können! Vielleicht finden Sie es aufregend.»

3. Zu viel Harmonie

Die Hamburger Sexologin Ann-Marlene Henning ortet das Problem der sexlosen Beziehungen bei Partnerschaften, die zu symbiotisch sind. Viele Paare fühlten sich wie Geschwister oder gute Freunde und nicht wie leidenschaftlich Liebende. «Symbiotische Paare kleben wie Zuckerguss aufeinander», schreibt sie in ihrem neuen Buch «Liebespraxis».

Dem Frieden zuliebe widersprechen sie einander selten und nehmen sich nicht mehr als unterschiedliche Menschen wahr. Das habe fast immer ungute Auswirkungen auf den Sex. «Damit Verlangen entstehen kann, braucht es ein Gegenüber, das zwar nicht komplett fremd ist, aber vielleicht doch ein bisschen. Dann kann man dieses Fremde erforschen, der Abenteurer in einem ist gefordert.» Wichtig sei, ein eigenständiges Wesen zu bleiben, mit eigenen Bedürfnissen, Sehnsüchten, Fantasien und Meinungen. So bleibe es auch im Bett spannend.

4. Zu viel Gewohnheit

Mit der Vertrautheit schwindet das Begehren. In vielen langjährigen Beziehungen empfinden Paare den Sex als langweilig. Peter A. Schröter, Psychologe, Leiter von Tantra-Seminaren in Zürich und Autor des Buchs «Die Kraft der männlichen Sexualität», kennt viele Männer, die sich wundern, wenn ihnen die Lust abhanden kommt, wenn sie nicht mehr so heiss auf die Frau sind wie in der Anfangsphase des Kennenlernens. «Dabei ist das der normale Verlauf einer Beziehung.»

Über Jahre eine gute Spannung aufrecht zu erhalten, koste Mühe; «man muss etwas dafür tun.» Schröter rät zu Wahrnehmungsübungen, Tantra, Meditation, Entspannung. Nicht die Penetration ansteuern, rät er Männern, sondern sich Zeit lassen, sich selber gut spüren lernen und langsam eine Nähe aufbauen zur Frau. «Und ganz wichtig: Über den Sex reden.»

5. Stress und Emanzipation

Stress, Müdigkeit und Alkohol sind weitere Lust­killer. Und ­natürlich Beziehungsprobleme. Wenn einer dauernd am Gegenüber herumnörgelt, wird die Glut der Leidenschaft im Keim erstickt. Eine wertschätzende Kommunikation ist das A und O. Peter A. Schröter beobachtet zudem, dass sich viele Männer durch die selbstbewussten Frauen, die ihr eigenes Geld verdienen, verunsichert fühlen. Die Emanzipation habe Rollenbilder ins Wanken gebracht – mit empfindlichen Auswirkungen auf erotischer Ebene.

6. Fremdgehen

Die meisten sehnen sich nach einer tiefen monogamen Partnerschaft und nach Familie. Dieses herkömmliche Liebeskonzept hinterfragt Michèle Binswanger in ihrem Buch «Fremdgehen – ein Handbuch für Frauen». Die Erwartung, dass Sex nur innerhalb der Ehe statt finden soll, sei unrealistisch: «Vielleicht sollten wir anerkennen, dass Sexualität auch eine Art Heimat ist und ein Recht darauf hat, gelebt zu werden. Dass wir uns in unseren individuellen Bedürfnissen finden und nicht nach für uns vorgesehenen Rollen leben müssen.»

Soll man nun fremdgehen, zusammen Pornos schauen oder meditieren? Jeder muss selbst herausfinden, was für ihn oder sie stimmt. Nur einfach keinen Sex mehr haben auf Lebenszeit ist auch keine Lösung.

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