MANEGE: Der Jongleur der Gefühle

Im Circus Knie bringt er Abend für Abend das Publikum zum Lachen. Zum Clownsein wurde der Italiener David Larible quasi geboren. Hier erklärt er unter anderem, wie man Frauen erobert.

Interview Annette Wirthlin
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«Kennen Sie irgendeinen Menschen, der keine melancholische Seite hat?» David Larible am Künstlereingang des Circus Knie. (Bild Boris Bürgisser)

«Kennen Sie irgendeinen Menschen, der keine melancholische Seite hat?» David Larible am Künstlereingang des Circus Knie. (Bild Boris Bürgisser)

Herr Larible, was steht eigentlich bei Ihnen auf offiziellen Dokumenten unter «Beruf»?

David Larible: (lacht) Wenn man sagt, man sei Clown von Beruf, schmunzeln die Leute immer. Ich schreibe also meistens einfach «Darsteller» oder «Künstler».

Sie haben anderswo einmal gesagt, Clown sei vielmehr eine Lebenshaltung als ein Beruf. Das heisst?

Larible: Es ist eine Art, das Leben zu leben, denke ich. In meinem Beruf kann man nicht morgens um 8 Uhr ins Auto steigen, ins Büro fahren und auf Knopfdruck lustig und ein bisschen verrückt werden – und dann abends die Türe schliessen und die Arbeit hinter sich lassen. Das funktioniert so nicht. Ich sage immer, man muss ein wenig besessen sein.

Leben und Arbeiten ist also im Zirkus untrennbar miteinander verbunden?

Larible: Absolut. Im Zirkus ist man wie auf einem Boot. Alle müssen zusammenspannen, um das Boot sicher von einem in den anderen Hafen zu steuern.

Muss man mit allen Mitwirkenden gut Freund sein, oder betrachten Sie die «nur» als Arbeitskollegen?

Larible: Der Circus Knie hat über 200 Mitarbeiter. Natürlich gibt es darunter welche, die Freunde werden, mit denen man die Freizeit verbringt, gemeinsam Essen geht und so weiter. Anderen sagt man nur «Hallo, guten Morgen», das ist normal. Wir sind auch nur Menschen und kommen nicht mit allen gleich gut aus. Dass wir im Zirkus alles gemeinsam machen, ist eine Legende.

Sie werden in den Medien derzeit als «weltbester Clown», als «der Beste seines Fachs» gehandelt. Wie fühlt sich das an?

Larible: So was wie der «weltbeste Clown» existiert doch nicht! Man kann vielleicht sagen, einer ist der Berühmteste, aber nicht der Beste. Clowns sind eine Kunstform und wie jede andere Kunstform dem persönlichen Geschmack unterworfen. Ich mag es nicht, wenn die Leute das sagen, denn es schürt riesige Erwartungen.

Es heisst, Sie hätten als 8-Jähriger entschieden, Clown zu werden wie bereits Ihr Grossvater.

Larible: «Entschieden» ist das falsche Wort. Man kann das nicht entscheiden – ich habe es vielmehr angekündigt. Mein Vater war Trapezartist und Jongleur, und natürlich wollte er, dass ich das Gleiche wie er mache, damit er mich unterrichten kann. Aber für mich war schon immer klar, dass ich Clown bin. Clown wird oder spielt man nicht, Clown ist man.

Waren Sie früher in der Schule das Klassenkalb beziehungsweise der Pausenclown?

Larible: Ja. Den Satz, den ich in meiner Kindheit am häufigsten gehört habe, ist der folgende: «Larible, das war extrem lustig, aber jetzt RAUS!» Ich war wirklich kein böser Junge, ich war nie fies zu jemanden. Ich wollte meine Mitschüler nur unterhalten. Die Freude daran, sie lachen zu hören, war grösser als die Angst, aus der Klasse geworfen zu werden. Nicht einmal der Schuldirektor konnte mir böse sein, wenn er mich wieder einmal vor dem Klassenzimmer antraf. Er fragte nur: «Was hast du wieder angestellt?», und als ich es ihm erzählte, ging er lachend weiter.

Sie blicken auf sechs Generationen von Artisten zurück. Gibt es in Ihrer Familie so was wie ein Artisten-Gen?

Larible: Ich glaube schon, dass da was in den Genen drin ist. Da muss irgendwas sein, das von Generation zu Generation geht, ob man es will oder nicht.

Ihre Frau war früher eine grosse Trapezkünstlerin und kam aus Mexiko. Wie haben Sie sich kennen gelernt?

Larible: In Deutschland, im berühmten Zirkus Krone. Sie war damals die beste Trapezkünstlerin der Welt. Sie war der absolute Star, der oben in der Zirkuskuppel Kunststücke vollführte, und ich war unten in der Manege der Clown am Anfang seiner Karriere. Sie war natürlich extrem schön, und alle Männer wollten sie ... aber der Clown hat sie bekommen.

Wie haben Sie das geschafft?

Larible: Es wird mein Sinn für Humor gewesen sein. Das ist bei Frauen sehr wichtig: Bring sie zum Lachen und zeige ihr deine sensible Seite. Das lieben sie.

Auch Ihre beiden Kinder sind auf dem besten Weg dazu, Zirkusartisten zu werden. War das Ihr expliziter Wunsch?

Larible: Was heisst da «Zirkusartisten werden»? Sie sind es bereits und wirken beide im aktuellen Programm mit! Ich ermunterte meine Tochter immer dazu, an die Universität zu gehen, aber sie sagte, als sie die Schule abgeschlossen hatte, dass das nicht das ist, was sie will. Wichtig ist nicht, was wir Eltern wollen, sondern was die Kinder selber wollen. Denn wenn sie das machen, was sie lieben, werden sie glücklich sein und ihre Sache gut machen.

Mit dem Circus Knie hatten Sie schon in ganz frühen Jahren einmal Kontakt.

Larible: Ja, mein Vater trat hier 1965 auf, während ich, damals acht Jahre alt, jeweils mit Franco Knie senior spielte.

Was bedeutet es für Sie, nach 50 Jahren wieder im Schweizer Nationalcircus zurück zu sein?

Larible: Es ist ein besonderes Gefühl. Denn der Circus Knie hat ja schon eine spezielle Bedeutung in der Zirkuswelt. Man kann kein grosser Artist sein, wenn man nicht mindestens einmal im Leben im Circus Knie aufgetreten ist. Es ist vielleicht das Gleiche, wie wenn man als Journalist für die «New York Times» schreibt. Ich bin also sehr glücklich, dass ich sogar für ganze acht Monate hier sein darf.

Sie leben die ganze Zeit über in einem Wohnwagen. Was bedeutet für Sie «zu Hause»?

Larible: Mein Zuhause ist da, wo meine rote Nase und meine Schuhe sind. Und natürlich da, wo meine Familie ist. Diesmal konnten alle mitkommen. Meine Frau werden Sie in der Manege allerdings nicht sehen, sie bedient den Motor, an dem meine Tochter mit den Strapaten in die Höhe gezogen wird.

Während Ihre Tochter in der Höhe atemberaubende Verrenkungen macht, singen Sie als Clown unten in der Manege ein Lied. Stockt Ihnen da nicht manchmal der Atem aus Angst, sie könnte runterfallen?

Larible: Als Vater hat man selbstverständlich Respekt, aber Angst darf man keine haben. Sie weiss genau, was sie kann und trainiert täglich hart dafür.

Inwiefern ist ein Familienleben möglich, wenn man im Zirkus lebt?

Larible: Problemlos. Es ist sogar ein Muss. Wir haben ein völlig normales Familienleben. Wobei: Was ist schon normal? Ich mag das Wort «normal» nicht. Aber es ist in dem Sinne normal, als dass wir immer gemeinsam essen, wenn wir zusammen auf Tournee sind, oder dass ich schauen muss, dass mein Sohn abends seine Hausaufgaben macht. So, wie bei anderen Familien auch.

Es heisst, sie treten auch dann noch auf, wenn sie mal krank sind.

Larible: Ich würde Peter Küchler (den Medienverantwortlichen bei Knie, der beim Interview anwesend ist, Anm. der Red.) ja gerne meine Rolle beibringen, aber er wollte partout nicht. (lacht) Ich bin schon mit 40 Grad Fieber oder einer gebrochenen Nase aufgetreten. Mein Vater sagte immer zu mir: «Grosse Ehre, grosse Verantwortung.» Wenn dein Gesicht auf Plakaten im ganzen Land zu sehen ist, kannst du nicht sagen: «Sorry, ich habe Kopfschmerzen. Heute mache ich Pause.» Aber ich bin kein Held. Im Zirkus läuft das eben so.

Was machen Sie, wenn Sie Ferien haben?

Larible: Ferien, was ist das? Wenn ich mal ein paar Tage frei habe, gehe ich nach Verona, wo ich herkomme, und bleibe dort, denn ich reise schon im Alltag ständig herum. Aus dem gleichen Grund gehe ich nicht in Discos: Musik und Tausende von Leuten um mich herum habe ich ja schon hier im Zirkus. Ein ruhiges Dinner an einem netten Ort mit sanften Pianoklängen im Hintergrund, das ist für mich der perfekte Abend.

Sie spielen Golf. Das passt jetzt irgendwie nicht zum gängigen Klischee eines Golfers.

Larible: Ich habe das Golfspielen in den USA entdeckt, einfach weil dort niemand Fussball spielte. Vorher war Golf für mich ein langweiliger Sport für alte Leute. Ich habe meine Meinung aber geändert. Golf ist ein toller Sport, weil man einige Stunden in der Natur fernab von allem verbringt und weil es nicht nur Beherrschung des Körpers, sondern auch des Geistes erfordert. Ein Hirnsport sozusagen.

Von wegen Hirn: Sie treten als klassischer «dummer August» auf. Gibt es Situationen in Ihrem Privatleben, wo man Sie deswegen unterschätzt?

Larible: Ja, aber diese Leute finden immer sehr schnell raus, dass sie falsch liegen. Du musst ziemlich schnell denken, um zu spüren, welche Fäden du an einem bestimmten Abend ziehen musst, um die Leute zum Lachen zu bringen. Alle alten Meister der Comedy waren bekanntlich alles andere als dumm. Charlie Chaplin zum Beispiel war schlicht ein Genie.

Als Clown müssen Sie auch körperlich ein paar Kunststücke drauf haben. Wie machen Sie das? Sie sind ja nicht mehr der Allerjüngste.

Larible: Natürlich verändert man sich mit den Jahren. Als ich 27 war, arbeitete ich noch mit viel mehr Körpereinsatz. Heute, mit 57, kompensiere ich das mit der Mimik. Ich bringe die Emotionen statt mit dem Körper mit dem Gesicht rüber.

Clowns haben ja auch eine traurige, melancholische Seite. Kennen Sie das auch?

Larible: Kennen Sie irgend einen Menschen, der keine melancholische Seite hat? Vielleicht zeigt er sie Ihnen einfach nicht. Lustig und melancholisch liegt nämlich ganz nah beieinander. Der Clown vereint ganz viele verschiedene Gesichter, die alle zum Menschsein dazugehören. Du kannst dich nur mit den Zuschauern verbinden, wenn sie sich in dir wiedererkennen. Ich bin sozusagen ein Jongleur der menschlichen Gefühle. Und wenn ich in die Manege trete, kann ich nur geben, was ich bereits in mir habe.

Sie lieben es, das Publikum in Ihre Nummern einzubeziehen. Wieso?

Larible: Weil ich keinen Manegenpartner habe. Also mache ich das Publikum zu meinem Partner. Zudem ist das eine gute Möglichkeit, zu improvisieren. So wird die Show nie langweilig.

Haben Sie keine Angst, dass die Statisten Ihnen die Nummer verpatzen?

Larible: Früher schon. Heute nicht mehr. Denn heute weiss ich mit all meiner Erfahrung, dass ich die totale Kontrolle über sie habe. (lacht) Man lernt, wie man Menschen lesen muss, und man weiss immer sofort, mit welcher Sorte Mensch man es zu tun hat. Ich versuche nicht, die Leute dazu zu bringen, das zu tun, was ich von ihnen will, sondern ich nehme ihre Aktionen auf und spiele um sie herum.

In einer halben Stunde geht die Abendvorstellung los. Wie verbringen Sie diese Zeit noch?

Larible: Ich ziehe mich um, schminke mich, gehe hinter den Vorhang, mache etwas Stretching und dann ...

(Draussen beginnt laute Zirkusmusik zu schmettern.)

Sehen Sie, es geht schon los! ... dann gehe ich raus in die Manege.

Hinweis:

Der Circus Knie gastiert noch bis zum 10. August auf der Luzerner Allmend. Im November wird er in Zug und Brunnen Halt machen. Billettvorverkauf (ab 3 Wochen im Voraus) unter www.ticketcorner.ch oder Tel. 0900 800 800 (1.19 Fr./min. Festnetztarif) sowie an der Zirkuskasse.