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MAROKKO: In die Königsstädte eintauchen

Die wundersame Welt des Orients eröffnet sich im Land zwischen Atlantik, Mittelmeer und Atlasgebirge. Die vier alten Königsstädte Rabat, Meknès, Fès und Marrakesch bieten eine Märchenkulisse wie aus 1001 Nacht. Moscheen und Paläste, duftende Gärten, prächtige Basare, Souks und heilige Plätze des Islams erzählen von einer grossen Vergangenheit.
Text und Bilder: Urs Oskar Keller
Grabstätte in Rabat: Besucherinnen und Besucher können durch einen Wald von Säulenstümpfen schlendern, die wie abgebrochene Figuren auf einem überdimensionierten Schachbrett stehen. (Bild: PD)

Grabstätte in Rabat: Besucherinnen und Besucher können durch einen Wald von Säulenstümpfen schlendern, die wie abgebrochene Figuren auf einem überdimensionierten Schachbrett stehen. (Bild: PD)

Text und Bilder: Urs Oskar Keller

Marokko – eine fremde und bezaubernde Welt. Nur wenige Länder der Erde bieten solch eine abwechslungsreiche Auswahl an Eindrücken, solch eine landschaftliche Vielfalt und solch eine unglaubliche Farbenpracht. Neben Sonne, Strand und Meer lohnt sich ganz besonders ein Besuch der vier Königsstädte.

Rabat, die unbekannte Hauptstadt

Viele kennen Marrakesch und Agadir, aber wer kennt Rabat? Rabat ist seit der Unabhängigkeit im Jahr 1956 Regierungssitz und Residenz des Königs. Die geschichtsträchtige Stadt, in der rund 600000 Menschen leben, liegt am Atlantischen Ozean. Die Unesco hat 2012 sowohl die arabische Altstadt Medina als auch die französische Planstadt Ville Nouvelle in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Rabat ist keine typisch marokkanische Stadt. Sie mutet viel mehr europäisch als maghrebinisch an. Die Hauptstadt Marokkos erfreut die ­Besuchenden mit ihrem reichen Kulturangebot. Dazu bietet sie zahlreiche Plätze und Gärten, wo man sich entspannen kann. Der Hassan-Turm ist das Wahrzeichen, an dessen Fuss viele Familien ihren Sonntagnachmittag bei einem Picknick verbringen. Zum architektonischen Komplex gehört auch das Mausoleum von Sultan Mohammed V. Zum Gedenken an seinen 1961 verstorbenen Vater liess es König Hassan II. bauen. Es wird von der königlichen Garde bewacht. Die Kasbah des Oudaias, die einst als Festung und Beobachtungsposten diente, dominiert das Bild der Altstadt. Violette Bougainvilleen hängen über den alten Stadtmauern in die sogenannten ­andalusischen Gärten mit ihren wilden Rosen und Orangenbäumen.

Nach einem Spaziergang durch den befestigten Teil der Altstadt lohnt sich der Blick auf den Atlantik. Eine breite Treppe führt zum Meer hinab, wo man sich unter die Einheimischen am Hafen mischen kann. Am Kai springen Buben ins Meer. Zuckerwatte wird verkauft. Händchenhaltend flanieren junge Paare. Auffallend ist, wie selbstbewusst und frei sich auch Frauen in der Öffentlichkeit bewegen. Holzboote und Kähne liegen am Fluss Bou-Regreg zur Überfahrt nach Salé bereit. Die Gassen und Häuser in der Altstadt von Salé sind bezaubernd. Wer keine Touristen treffen möchte, ist im Souk inmitten Einheimischer bestens aufgehoben. Mit dem modernen Tram fahrt man für sechs Dirham (zirka 60 Rappen) bequem wieder zurück nach Rabat. Trams in Afrika: eine Rarität auf dem Kontinent.

Nach Meknès zu Sultan Ismail

Auf zur zweiten Königsstadt, zu Sultan Ismail nach Meknès! Die zweistündige Zugfahrt ab Rabat führt über rund 140 Kilometer durch goldene Getreidefelder, Olivenhaine und eine sanfte Hügellandschaft. Die Stadt Meknès, die eine Million Einwohner hat, liegt inmitten einer sehr fruchtbaren Ebene. Hinter wuchtigen Mauern versteckt sich die Altstadt, der Sultan Moulay Ismail (1672–1727) seinen Stempel aufdrückte. Er liess eine 25 Kilometer lange Stadtmauer mit grandiosen Stadttoren bauen. Die Blütezeit ist seit Ismails Tod erloschen, doch das beschauliche Leben, die prachtvolle ­Medina von Meknès und die Umgebung lohnen einen Besuch. Meknès und seine Souks sind ein Genuss für die Sinne: Oliven, Zitronen, Kreuzkümmel, Koriander, Minze. Aus bunten Fäden und Stoffen nähen Schneider entlang der Altstadthäuser in ihren winzigen Ateliers Dschellabas, die traditionellen marokkanischen Gewänder für Männer und Frauen. Auch schon in der Antike verstand man in Meknès zu leben – davon kann man sich in der nahen Römerstadt Volubilis, der bedeutendsten römischen Ausgrabungsstätte Marokkos, überzeugen. Einige ­Kilometer weiter liegt das pittoreske Städtchen Moulay Idris mit dem Mausoleum des am meisten verehrten Heiligen Marokkos gleichen Namens (Zugang nur für Muslime). Es ist eines der bedeutendsten Pilgerorte im Land. Die Altstadt mit weiss getünchten Häusern auf zwei grünen Hügeln ist reizend, die Aussicht über die Dächer und die Landschaft ebenso. Über der Stadt erhebt sich das einzige zylindrische Minarett Marokkos. Und weiter führt der Weg nach Fès.

Fès, die älteste Königsstadt

Kaum in Fès angekommen, der ältesten Königsstadt mit 1,1 Millionen Einwohnern, tauchen wir in die Basare und Souks ein, ins Gewühl einer anderen Welt. Als Verkehrs- und Transportmittel dienen Handkarren, Maultiere und Lastesel. Für Autos sind die Wege zu schmal. Die Medina von Fès gilt als grösste Nordafrikas. Ein Gewirr aus bis zu 1000 Jahre alten Gassen. Das intensive Blau der Keramikkacheln und die grünen Dächer der Sakralbauten begleiten uns auf Schritt und Tritt. Laute Anpreisungen der Händler vermischen sich mit hellen Hammerschlägen der Kupferschmiede, die exotischen Düfte des Gewürzmarktes mit dem beissenden Gestank der Gerbe­reien. Dazwischen verstecken sich heilige Plätze des Islams: Das Mausoleum von Moulay Idriss II. und die ­Koranhochschule Bou Inania. In der Kissaria, dem Textilmarkt, leuchten bunte Stoffe. Die Altstadt ist um die Qarawiyin-Moschee und -Universität angeordnet. Im Zentrum befindet sich der Königs­palast und das jüdische Viertel. In weiten Schwüngen kreisen Störche über dem Friedhof und der ehemaligen ­Habarim-Synagoge, die heute ein Museum ist, und lassen sich in ihren Nestern auf Minarett-Türmen und Bäumen nieder. Kleine Blumen überwuchern die mit Kalk geweisselten Gräber. Heute leben noch knapp 100 von einst mehr als 12000 Jüdinnen und Juden in Fès. Langsam aber sicher sterben die marokkanischen Juden aus. Über 2000 Jahre lang lebten Juden und Muslime in Fès in Frieden zusammen.

Marrakesch und der «Platz der Geköpften»

Marrakesch, am Fusse des Hohen Atlas gelegen, ist die letzte Station unser Reise – trendige Königsstadt mit orientalischer Märchenkulisse. Die Mehrheit der Bewohner hat berberische Wurzeln. Marrakesch wird wegen ihren grau-beigen und rotfarbenen Mauern auch als «rote Stadt» bezeichnet. Die Stadt mit rund einer Million Einwohnern liegt auf dem Weg nach Mali und ist die letzte Station der Karawanen vor der Sahara-Durchquerung nach Timbuktu. Das Wahrzeichen von Marrakesch ist das stolze Minarett der Koutoubia-Moschee. Prachtvolle Innenhöfe, verziert mit uralten Mosaiken und Kalligrafien, tiefe Brunnen und Holzschnitzereien aus ­Atlas-Zedernholz erinnern an längst vergangene Zeiten. Marrakesch ist international anerkannte Kunst- und Kulturstadt und beliebtes Reiseziel. Zur Mittagszeit sitzen Männer in Cafés und vor ihren ­Läden, trinken Tee und vergnügen sich beim Brett- oder Kartenspiel. An den Babs, den Toren in der Stadtmauer, steigen herrliche Düfte auf. Sardinen, Merguez (scharfe Bratwürstchen) und Hühnchen brutzeln auf Holzkohlegrills. Aus Metallbehältern werden Kichererbsenspeisen ausgeschenkt. Lebendige Aale zur Rechten, Bettdecken in Tragtaschen zur Linken, Koransuren als Hinterglasbilder und Damenunterwäsche gleich daneben. In den überdachten Gassen hängen handgewobene Teppiche und Wandbehänge, über Stangen sind Stoffe geworfen und bilden textile Kaskaden in kräftigen Naturfarben. Auf Obstwagen türmen sich Orangen, Melonen, Birnen und Datteln. Jasmin- und Rosenblütenduft sind ständige Begleiter. Von der Metzgertheke glotzen ganze Ziegen- oder Dromedarköpfe, halbe Schafe hängen an Haken. Ein Stück weiter werden bereits die Rollläden für die Siesta heruntergelassen. Dann wird es makaber: Wir stehen mitten auf dem Djemaa el-Fna, dem «Platz der Geköpften». Seinen Namen verdankt er Sultanen, die den Platz einst als Hinrichtungsstätte nutzten und die aufgespiessten Köpfe der Getöteten zur Schau stellten. Höchste Zeit, sich wieder mit Angenehmerem zu beschäftigen. Kein Problem, denn heute ist Freitag. Der Feiertag der Muslime ist gleichzeitig auch «Couscous-Tag». Diesen Genuss sollte man sich keinesfalls entgehen lassen. Angesagt ist der Besuch in einem kleinen Restaurant. Zum Nationalgericht aus Hartweizengriess werden in einer Tajine (aus Lehm gebrannter Schmortopf) Lammfleisch mit Backpflaumen sowie Huhn mit Zitrone gereicht. Als Dessert gibt es Orangen mit Zimt. Der Lärm und Trubel der Souks ist längst verebbt. Ein stark gesüsster «thé à la menthe», aufgebrüht mit frischen Pfefferminzblättern, belebt ein letztes Mal am Tag die Sinne. Jetzt kann die Nacht kommen, und wir freuen uns auf das, was der nächste Tag in Marokko bringen wird. Inschallah – so Gott will!

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