MASSIMO ROCCHI: Entweder Komiker oder gar nichts

Ohne Bühne hätte Massimo Rocchi Probleme. Dafür weiss er, wie der künftige Schwingerkönig heisst.

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Massimo Rocchi. (Bild Philipp Schmidli/Neue LZ)

Massimo Rocchi. (Bild Philipp Schmidli/Neue LZ)

Sind Sie ein lustiger Mensch?
Massimo Rocchi: Nein. Gar nicht. Das ist wie mit dem Chirurgen. Der spielt zu Hause auch nicht mit dem Skalpell rum.

Gibt es einen Druck, dass Sie privat Leute treffen und die erwarten, dass Sie lustig sind?
Rocchi:
Ganz selten. Aber ich kann das auch verstehen. Die Leute sehen mich zu Hause in der Unterhose am Fernsehen, und schon haben sie das Gefühl, ich sei Teil der Familie.

Salzburger Stier, Prix Walo, Swiss Award und viele mehr - was bedeuten Ihnen diese Preise?
Rocchi: Im Moment der Preisverleihung ist das sehr schön, aber nachher vergesse ich es. Das Publikum gewinnt man nicht mit Preisen. Man verdient es mit einer immer wieder neuen Lust am Auftreten.

Und was, wenn diese Lust mal nicht da ist? Auch Sie haben doch mal einen schlechten Tag.
Rocchi: Natürlich. Aber auch nach 35 Jahren auf der Bühne ist das nicht einfach ein Job. Es ist ein Leben. Die Erwartung des Publikums ist ein Geschenk und gibt mir Kraft. Ich hätte wohl eher Probleme, wenn ich nicht auf die Bühne könnte.

Im November zeigen Sie in Emmen in «Das Zelt» Ihr Programm «Circo Massimo». Wissen Sie, wie oft Sie es schon aufgeführt haben?
Rocchi: Vielleicht 150 Mal?

Wie stark hat sich das Programm dabei verändert?Rocchi: Sehr. Es verändert sich ständig. Meine Programme sind wie eine Busfahrt: Start und Ziel sind klar, aber das Publikum weiss nie, wo ich anhalte.

Ein Kernstück Ihrer Programme ist Ihr Status als Auswärtiger, der auf die Schweiz schaut. Haben Sie keine Angst, dass Sie einmal so «eingeschweizert», sind, dass das nicht mehr funktioniert?
Rocchi:Überhaupt nicht. In der Geschichte von «Circo Massimo» wächst der Schweizer immer mehr. Und ich muss festhalten: Ich bin Schweizer (Rocchi ist schweizerisch-europäischer Doppelbürger; Anm. d. Red). Die Schweizer müssen realisieren, dass es «neue» Schweizer gibt. Genau wie ich mich der Schweiz angepasst habe, hat sich auch die Schweiz verändert.

Was ist für Sie Heimat?
Rocchi:
Zwei Dinge: Sprache und ein Begegnungsort. Ein Ort, wo ich lebe, der für andere Leute interessant genug ist, um dorthin zu kommen. Ein bisschen wie ein Markt.

Eine ungewöhnliche Definition. Was ist Ihre persönliche Heimat?
Rocchi: Meine Wohnung und mein Fenster. Die Wohnung ist ein Ort, wo ich mich zurückziehen und verstecken kann. Und das Fenster ist gleichzeitig die Offenheit nach aussen. Und es hat mich glücklich gemacht, während der Euro 08 eine lockere, offene Schweiz zu erleben, in der alle Leute bis weit in die Nacht in Bewegung waren und auch mal ein Durcheinander geherrscht hat.

Offenheit, Bewegung, Durcheinander - das sind nicht gerade Dinge, die man mit der Schweiz in Verbindung bringt.
Rocchi:
Ich glaube, wir haben manchmal ein Bild von der Schweiz, wie es sie nicht mehr gibt. Wir schlafen in Zürich, arbeiten in Basel und so weiter. Wir haben fantastische Möglichkeiten, uns in diesem Land zu bewegen. Die Schweiz ist eigentlich eine grosse Stadt.

Haben Sie einen besonderen Bezug zur Zentralschweiz?
Rocchi:
Ja, vor allem beruflich: Die Zentralschweiz ist mit ihren Bergen, ihrer Geschichte und ihrer Geografie der Nabel der Schweiz. Ich werde das bestimmt mal in einem Programm umsetzen.

Wann wird das sein?
Rocchi:
Es gibt Kollegen, die buchen die Premiere und schreiben dann das Programm. Das mache ich nicht. Zwei Jahre brauche ich noch.

Ist das Publikum hier anders?
Rocchi: Dieses Thema endet of darin, dass sich Komiker beklagen, das Publikum irgendwo sei schwieriger. Aber dann liegt das Problem auf der Bühne, sicher nicht in den Reihen. Das ist wie mit Kindern, wenn man ihnen eine Geschichte erzählen will. Da muss man herausfinden: Braucht das Kind Bewegung oder ein Bilderbuch?

Aber Zentralschweizer Besonderheiten gibt es nicht?
Rocchi: Für mich spielt die Religion eine Rolle. Hier gibt es einen anderen Hintergrund. Aber ich orientiere mich gerne an Ereignissen und nicht an Klischees. Wäre ich in Kärnten, wäre es unmöglich, jetzt nicht über die Geschwindigkeit von Autos zu sprechen.

Woher holen Sie Ihre Informationen?
Rocchi:
Ganz einfach - ich frage die Leute. Ich rede mit dem Koch, dem Türsteher und dem Polizisten. Und ich lese gerne Teletext und höre Radio.

Erleben wir Sie noch als Leiter eines Theaters?
Rocchi:
Ein Theater mitführen, das könnte ich mir vorstellen. Oder den humoristischen Teil eines Stücks zu inszenieren. Aber nicht alles von A bis Z.

Und Schauspielerei?
Rocchi:
Ich hätte Lust, Theater oder eine kleine Filmrolle zu spielen. Aber der Film sollte dank meiner Mitarbeit und nicht einfach durch meinen Namen verkauft werden.

Wie sieht ein typischer Tag im Leben von Massimo Rocchi aus?
Rocchi: Ich beginne meinen Tag am liebsten mit Schwimmen. Ich kenne mittlerweile viele Hallenbäder in der Schweiz. Dann frühstücke ich gesund mit Früchten, Honig und Körnermischung. Anschliessend informiere ich mich über das Tagesgeschehen. Dann tausche ich mich mit Dagmar aus (Dagmar Klauer, seine Partnerin und Managerin; Anm. d. Red) und wenn ich einen Auftritt habe, müssen wir auch schon bald los. Ich brauche immer zwei Koffer.

Warum zwei Koffer?
Rocchi: Einen für die Bühnensachen und einen für das Private. Das sind so präarteriosklerotische Manien. (lacht)

Sie sind also gut organisiert.
Rocchi: Auf der Bühne bin ich ein Chaot, aber privat brauche ich Struktur.

Bekommen Sie eigentlich oft Honig geschenkt von Ihren Fans? Sie haben mal in einem Interview erwähnt, wie gern sie den haben

Rocchi: Nein.

Hätten Sie gern mehr Honig? Wir könnten das hier ja schreiben.

Rocchi: Nein, nein. Das ist gut so. Ich kaufe meinen Honig lieber selber. (lacht)

Was hätten Sie gemacht, wenn Sie nicht Komiker geworden wären?

Rocchi: Ich wäre gar nicht geboren worden.

Wussten Sie das schon als Kind?

Rocchi: Mit etwa 14, als ich realisierte, dass die anderen Spass an mir haben. Davor hatte ich die typischen Kinderträume: Chirurg, Astronaut, alles und nichts.

Was sind Ihre Zukunftspläne? Oder planen Sie gar nicht?

Rocchi: Man muss ganz einfach ein bisschen planen. Dagmar plant für mich. Aber ich mag das Wort Zukunft nicht so gern. Das Jetzt genügt mir.

Sie sind schon länger mit Ihrer Partnerin zusammen. Hätten Sie keine Lust, nächstens beim Zivilstandsbeamten vorbeizuschauen?

Rocchi: Im Moment nicht. (schaut zu seiner Partnerin) Warum sollten wir unser Glück zerstören? (beide lachen)

Glauben Sie, dass sich die Finanzkrise auch aufs Theater auswirken wird und die Zuschauer ausbleiben?

Rocchi: Wenn ich die Bilder aus Amerika sehe, sehe ich Menschen, die in Zelten übernachten. Die haben bestimmt andere Gedanken, als ins Theater zu gehen.

Und in der Schweiz?
Rocchi:
Ich denke, dass wir die Auswirkungen erst später wirklich spüren werden. Die richtige Welle kommt noch. Aber ich bin Komiker. Ich reagiere. Ich bin kein Wahrsager. Mir geht es wie den meisten Leuten: Es fällt mir sehr schwer zu verstehen, wie eine grosse Bank in derartige Schwierigkeiten geraten kann.

Haben Sie Aktien?
Rocchi:
Nein. Ich investiere in mich selber. In gutes Essen, Training, Kleider. Ich fühle mich der Landwirtschaft näher als der Wirtschaft. Ich wollte mal Calida-Aktien kaufen. Da hat mich mein Berater gefragt: «Sind Sie sicher? Darf ich etwas fragen: Wie schlafen Sie?» Ich: «Nackt.» Er: «Und Sie wollen Calida-Aktien kaufen?» Damit war die Sache dann erledigt.

Ist die Calida-Aktie danach gestiegen?
Rocchi:
Keine Ahnung. Ist wohl besser, wenn ich das gar nicht weiss.

Sie sind bekennender Fussballfan. Fährt die Schweiz an die WM?
Rocchi:
Ich hoffe es. Der Sieg gegen Griechenland war ein Meilenstein. Es geht bei der WM um mehr. Wir müssen Grenzen überschreiten. Wir lernen heute von Europa, dass die Schweiz wirtschaftlich stark war. Europa als Gemeinschaft baut einen Damm für einen wirtschaftlichen Tsunami, der weit grösser ist als das, was die Schweiz abfangen kann. Es wird uns sehr weh tun, weniger zur Verfügung zu haben.

Was hat das mit der WM zu tun?
Rocchi:
Ich will, dass die Schweiz nach Südafrika geht und sich öffnet. Es ist wichtig, mal die Namen der Nationalmannschaft zu lesen. Herrlich, dass ein «schwarzes Schaf» für uns ein Tor geschossen hat. Unsere Fantasie muss auch andere Plakate hervorbringen. Wir verdienen mehr. Viel mehr. Ich sage Ihnen etwas: Der Schwingerkönig wird einmal Mustafa Abegglen heissen. Und ich finde das grossartig.

Interview Caroline Brändli und André Häfliger