MEDIEN: «Das ist Propaganda»

Angemessene Auseinandersetzung oder islamistische Propaganda? Der TV-Auftritt der Schweizer Konvertitin Nora Illi sorgt in Deutschland für Empörung.

Dominik Weingartner
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War am Sonntag Gast bei Anne Will: Nora Illi (32). (Bild: Keystone/Karlheinz Schindler)

War am Sonntag Gast bei Anne Will: Nora Illi (32). (Bild: Keystone/Karlheinz Schindler)

Dominik Weingartner

Es scheint, als hätten deutsche Talkshows ein Faible für polarisierende Gäste aus der Schweiz. Gern gesehener Diskutant ist etwa «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel, der bei Sendungen zu Migrationsthemen oftmals die Rolle des Rechtsaussen-Schweizers besetzt. Auch sein Stellvertreter bei der «Weltwoche», Philipp Gut, schaffte es schon in die Fernsehstudios Deutschlands.

Am Sonntagabend stand bei Moderatorin Anne Will eine Schweizerin aus einem ganz anderen politischen Spektrum im Mittelpunkt der Sendung: Die vollverschleierte Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats der Schweiz (IZRS), Nora Illi, diskutierte zum Thema «Mein Leben für Allah – Warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?» – und das zur besten Sendezeit in der ARD, gleich nach dem Publikumsmagnet «Tatort».

Alleine die Tatsache, dass eine vollverschleierte Frau mit Schweizer Akzent im TV auftreten darf, ist für viele Beobachter schon zu viel des Guten. Auf Twitter gingen die Wogen während der Sendung hoch: «Frauenbeauftragte? Habe ich das richtig verstanden?», schrieb ein Zuschauer ungläubig. «Und nächste Woche muss ich einen Rechtsextremen in SS-Uniform bei Anne Will ertragen», meinte ein anderer. Ein weiterer schrieb: «Bei Anne Will fehlt nur noch, dass einer mit Sprengstoffweste mitdiskutiert oder hüpft und dabei in die Luft ballert.»

«Das klingt wie ‹Ironman›»

Für Aufregung sorgte vor allem ein eingespielter Text von Illi, in dem sie Verständnis für Muslime äusserte, die in Syrien gegen das Assad-Regime kämpfen wollten. Daran sei «aus islamischer Sicht nichts auszusetzen», heisst es im Text. Und: Dies sei «eine bitterharte Langzeitprüfung mit ständigen Hochs und Tiefs». Die 32-Jährige wehrte sich jedoch gegen den aufgrund dieser Äusserungen vorgebrachten Vorwurf, junge Menschen für den Dschihad zu motivieren.

Illis Aussagen brachten die Mitdiskutanten auf die Palme. Wolfgang Bosbach, konservatives Aushängeschild der CDU und Talkshow-Dauergast, sagte: «Bitterharte Langzeitprüfung – das hört sich ja an wie ‹Ironman›.»

Bosbach griff noch in der Sendung Moderatorin Anne Will an und stellte die Zitierung eines solchen Textes im TV in Frage: «Es wird zu Recht gesagt, müsste der Staat nicht noch mehr tun, um das zu verhindern? – Und dann läuft so ein Text im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.» Auch ein weiterer Gast, der Extremismusexperte Ahmad Mansour, kritisierte: «Das ist Propaganda, so etwas kann man im öffentlichen Fernsehen nicht machen.»

In deutschen Medien sorgte Illis Auftritt ebenfalls für Furore. Die «Welt» schrieb von einem «Skandal bei Anne Will». Das Boulevardblatt «Bild» lieferte unter der Überschrift «Die Schleier-Frau war früher ein Punk-Teenie» biografische Details über Nora Illi. Die «FAZ» resümierte: «Nora Illi ist die perfekte Propagandistin eines nihilistischen Vernichtungskults, weil sie die Unterdrückung – insbesondere die der Frauen – als Befreiung auszugeben weiss.»

ARD verteidigt Einladung

Doch im Grundsatz drehte sich die Kritik um die Frage, ob einer vollverschleierten Konvertitin, die in der Schweiz nur einen Bruchteil der Muslime vertritt, überhaupt eine Plattform in der wichtigsten deutschen Talkshow gegeben werden darf. Die «FAZ» fragte: «Bühne für Islamismus oder Notwendigkeit?»

Die ARD verteidigte gestern die Einladung an Nora Illi. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR), zuständig für Wills Sendung, teilte mit, dass die Einladung sorgfältig abgewogen worden sei. Die Zusammensetzung der Diskussionsrunde habe zu einer «angemessenen wie notwendigen Auseinandersetzung» geführt, so der NDR weiter.

Hinweis: Nora Illi bei Anne Will »