MEDIEN: «Kassensturz» geht auf einen Toten los

Kein Lohn trotz Gerichtsurteil: Dies wirft das Schweizer Fernsehen einem Kleiderhändler vor. Bloss: Wehren konnte sich dieser nicht. Als die Sendung ausgestrahlt wurde, war er bereits mehrere Tage tot.

Kari Kälin
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Kari Kälin

16 803 Franken: So viel Geld muss eine Kleiderfirma, die ZW1 GmbH mit Sitz in Winterthur, einer ehemaligen Angestellten überweisen. Diesen Entscheid fällte das Bezirksgericht Winterthur. Der Chef hatte der gelernten Schneiderin zu Unrecht per 31. Mai 2015 gekündigt. Bei der Summe handelt es sich um ausstehende Lohnforderungen. Die Frau wartet immer noch auf ihr Geld, obwohl sie die Firma betrieb. Über den Fall berichtete die Sendung «Kassensturz» des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) am vergangenen Dienstag.

Der Geschäftsführer, der den arbeitsrechtlichen Konflikt zu verantworten hat, verkaufte sein Unternehmen im Juni 2015. Der Nachfolger (24) übernahm damit auch die Forderung der Schneiderin. Der «Kassensturz» wollte diesen in seinem Kleiderladen mit der ausbleibenden Zahlung konfrontieren. Die Reporterin stiess dort am 21. November jedoch auf eine versiegelte Tür. Der Grund: Zwei Tage zuvor hatte es im Laden gebrannt, es entstand ein Sachschaden von mehreren zehntausend Franken. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Die Ermittlungen laufen noch.

Öffentliche Suche nach Vermisstem

Auf mehrere schriftliche Anfragen des SRF reagierte der Geschäftsführer nicht. Dass er schliesslich nicht vor die Kamera trat, ist indes kein Wunder. Der Mann starb nämlich in der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember. Sein lebloser Körper wurde am vorletzten Freitag, vier Tage vor Ausstrahlung der Sendung, in Kloten gefunden. Tags zuvor hatten die Angehörigen einen öffentlichen Suchaufruf gestartet. Darüber berichtet später auch «Blick online». Auch der «Landbote» publizierte die Vermisstmeldung. Am Mittwoch, 7. Dezember, berichtete die «Winterthurer Zeitung» in ihrer Printausgabe, dass der Geschäftsführer tot sei. Diesen Fakt hatte die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland dem «Landboten» am 6. Dezember bestätigt. Kurzum: Auch der «Kassensturz» hätte durchaus herausfinden können, dass der neue Geschäftsführer der ZW1 GmbH nicht mehr lebte – zum Zeitpunkt, als die Vorwürfe gegen ihn über den Sender liefen.

Ein Toter kann sich nicht wehren. Das übernimmt nun Claudio Schmid. Der Zürcher SVP-Kantonsrat vertritt den Verstorbenen und hat gestern die Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz eingeschaltet. Die Ombudsstelle prüft beanstandete Sendungen und kann Empfehlungen abgeben. Entscheidungsbefugnis hat sie nicht. Schmid bittet Ombudsmann Roger Blum, den «Kassensturz»-Beitrag und den dazugehörigen Text auf der SRF-Internetseite zu löschen. Auch solle sich das SRF bei den Angehörigen für die «fälschlichen Anschuldigungen» entschuldigen. Im Beitrag werde der Eindruck vermittelt, der verstorbene Geschäftsführer habe unehrenhaft gehandelt und gegen gesetzliche Bestimmungen verstossen. Dies komme einer üblen Nachrede gleich. Schmid behält sich vor, aus diesem Grund eine Strafanzeige zu erstatten.

«Kassensturz»-Redaktionsleiterin Ursula Gabathuler hatte gestern noch keine Kenntnis von der Beanstandung. Handlungsbedarf ortet sie nicht. Sie fühle mit den Angehörigen, sehe aber keinen Anlass, mit ihnen in Kontakt zu treten. «Der ‹Kassensturz› hat sich immer korrekt verhalten und den Namen des Geschäftsführers nie genannt.» Doch wusste das SRF, dass dieser nicht mehr lebte, als der Beitrag über den Sender lief? Der «Kassensturz» erkundigte sich noch am 6. Dezember, dem Tag der Ausstrahlung, bei der Kantonspolizei Zürich zum Brandfall im Kleiderladen. Dabei teilte die Polizei mit, eine Person, die etwas mit dem Laden zu tun habe, sei tot aufgefunden worden. Der «Kassensturz» fragte nach, ob es sich dabei um den Geschäftsführer handle. Die Polizei bestätigte dies nicht. Schliesslich entschied die «Kassensturz»-Redaktion, den Beitrag am gleichen Abend auszustrahlen. Gabathuler verteidigt den Entscheid. Der «Kassensturz» habe sachlich über die Firma ZW1 GmbH berichtet.

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