MEDIZIN: Die Alten mit den Superhirnen

Von wegen vergesslich: Das Gehirn mancher Menschen scheint einfach nicht zu altern. Diesem mysteriösen Phänomen versuchen Forscher auf die Spur zu kommen. Dabei soll ein Blick ins Erbgut helfen.

Claudia Hoffmann
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Hellwacher Geist: Manche Menschen haben selbst als Greise noch ein hervorragendes Gedächtnis. (Bild: AZemdega/Istock)

Hellwacher Geist: Manche Menschen haben selbst als Greise noch ein hervorragendes Gedächtnis. (Bild: AZemdega/Istock)

Claudia Hoffmann

wissen@luzernerzeitung.ch

Nicht jeder baut im hohen Alter geistig ab: Einige haben noch mit 80, 90 oder gar 100 Jahren ein exzellentes Gedächtnis. Diese Menschen sind nicht einfach ein bisschen besser als gleichaltrige Senioren. Sondern so gut, dass sie sich mit Personen messen können, die Jahrzehnte jünger sind. «Das Gehirn dieser Leute scheint immun gegen das Altern zu sein», sagt die Neurowissenschaftlerin Emily Rogalski von der Northwestern University in Chicago.

Sie führt Studien durch, in denen sie untersucht, was diese «Supersenioren» von anderen gesunden Senioren unterscheidet. Denn wenn die Ursachen dafür klar wären, weshalb sich manche Menschen auch im hohen Alter noch sehr gut Neues merken können, hilft das möglicherweise, Krankheiten wie Alzheimer zu heilen oder gar zu verhindern.

Allerdings ist es nicht einfach, genug Teilnehmer für die Studien zu finden. Denn Supersenioren sind extrem selten: Unter 1000 Personen über 80 Jahren fanden Rogalski und ihre Kollegen gerade einmal 70 mit aussergewöhnlichen Gedächtnisfähigkeiten. «In der gesamten Bevölkerung dürfte der Anteil noch viel kleiner sein», sagt die Forscherin. Denn teilnehmen konnten nur Personen, die noch geistig fit waren. Nicht aber solche mit Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz, wovon etwa die Hälfte aller 80-Jährigen betroffen ist.

Gedächtnis wie bei jungen Erwachsenen

Die besonders fitten Senioren zeigten überragende Leistungen in einem Gedächtnistest, bei dem sie sich 15 Wörter merken und diese nach einer Wartezeit von 20 Minuten wiedergeben mussten. Während sich die meisten «normalen» Senioren über 80 Jahren nur an einige wenige Wörter erinnern konnten, wussten die anderen noch mindestens 9 Wörter, manche sogar noch alle 15. Damit schnitten sie ebenso gut ab wie durchschnittliche 50- bis 60-Jährige. Noch eindrücklicher waren die Ergebnisse einer anderen Studie von Forschern der Harvard Medical School in Boston mit einer etwas jüngeren Altersgruppe: Einige Senioren zwischen 65 und 80 Jahren zeigten in Tests eine Gedächtnisleistung, die sich mit der von durchschnittlichen 25- bis 35-Jährigen messen konnte.

Die aussergewöhnliche Fähigkeit spiegelt sich auch im Gehirn wieder, wie beide Forschungsgruppen mit Hilfe von Magnetresonanz-Aufnahmen zeigen konnten. Für gewöhnlich nimmt mit zunehmendem Alter die Hirnmasse ab. Allerdings bleiben bei den Supersenioren gewisse Hirnbereiche davon unberührt: In diesen war – anders als bei ihren Altersgenossen – kein Abbau sichtbar. Stattdessen ähnelten ihre Gehirne jenen von viel jüngeren Personen.

Zu den am besten erhaltenen Hirnstrukturen zählten solche, die wichtig sind, um neue Erinnerungen zu speichern. Aber auch solche, die eine Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen, bei Motivation und Aufmerksamkeit spielen. «Motiviert zu sein und an einer Aufgabe dran zu bleiben, scheint ein wichtiger Faktor beim Erinnern zu sein», sagt deshalb Alexandra Touroutoglou, Neurologie-Dozentin an der Harvard Medical School in Boston. Möglicherweise sind diese Fähigkeiten bei den untersuchten Personen stärker ausgeprägt. «Wir wissen bisher aber noch zu wenig über ihre Persönlichkeitsmerkmale», sagt Touroutoglou.

Auch die Forscher um Emily Rogalski konnten bei ihren Studienteilnehmern nichts Ungewöhnliches im Vergleich zu deren Altersgenossen feststellen. «Ausser, dass sie etwas mehr Wert auf Beziehungen zu anderen Menschen legen», sagt Rogalski. Hingegen berichtete keiner von ihnen, auch schon in jungen Jahren ein aussergewöhnliches Gedächtnis gehabt zu haben. Zudem war kein gemeinsames Muster im Lebenswandel zu erkennen: Manche hatten nie geraucht, andere ihr Leben lang. Manche hatten viel, andere wenig Alkohol getrunken. Manche hatten viel Sport betrieben, andere nicht. «Jeder möchte gern ein Super­senior werden», sagt Rogalski. «Aber bisher ist nicht klar, ob man überhaupt etwas dafür tun kann.»

Genanalysen sollen das Rätsel lösen

Möglicherweise muss man einfach Glück und die richtige genetische Ausstattung haben. Ob diese bei den Supersenioren anders ist als bei durchschnittlichen alten Menschen, will Rogalski als Nächstes herausfinden. Sie hat von einigen Teilnehmern Blutproben gesammelt, an denen sie nun Erbgutanalysen durchführt. Die Ergebnisse werden in einigen Monaten vorliegen. Finden sich bestimmte Gene, die zu einem guten Gedächtnis im Alter beitragen, könnten diese zum Ziel neuer Medikamente oder Therapien werden. Die Forscher hoffen, dass sich dadurch der geistige Abbau im Alter bremsen lässt – und vielleicht jeder einmal ein Supersenior werden kann.

Es muss ein bisschen weh tun

Auch wenn es sich nicht ganz verhindern lässt: «Dem Altern ist man nicht machtlos ausgeliefert», sagt die Psychologin und Altersforscherin Vera Schumacher von der Universität Zürich. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Man muss sich dafür anstrengen. «Denkaufgaben bringen nur etwas, wenn man dabei an seine Leistungsgrenze geht», sagt Schumacher. Etwa beim Erlernen einer Fremdsprache oder beim Lösen kniffliger Rechenaufgaben. Wichtig sei auch, den Kopf auf möglichst vielfältige Arten zum Denken anzuregen. «Wer einzig Kreuzworträtsel löst, wird genau darin besser und in nichts anderem».

Daneben fördert auch körperliches Training die geistige Fitness. «Der Effekt ist zwar klein, aber messbar», sagt Schumacher. Dabei gilt: Was gut fürs Herz ist, ist auch gut fürs Hirn. Am besten eignet sich regelmässiges Ausdauertraining wie zügiges Gehen oder Laufen. (ho)