MEDIZIN: «Ich lebe und geniesse es jetzt»

Wer im Notfall die 144 wählt, könnte sie ans Telefon bekommen: Iris Weber (54) disponiert die Sanitätsnotrufe in der Zentralschweiz. Und erlebt dabei nebst viel Traurigem auch Lustiges.

Interview Annette Wirthlin
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«In der Situation selber funktioniert man einfach.» (Bilder Pius Amrein)

«In der Situation selber funktioniert man einfach.» (Bilder Pius Amrein)

Interview Annette Wirthlin

Iris Weber, wie oft pro Tag klingelt das Telefon in der Sanitätsnotrufzentrale im Luzerner Kantonsspital?

Iris Weber: Im Jahr nehmen wir rund 100 000 Anrufe entgegen. Da sind die Notrufe über die Nummer 144 darunter, aber auch ganz normale Anrufe auf die Büronummer. Im Jahr disponieren wir rund 22 000 medizinische Einsätze.

Also nur etwa jeder fünfte Anruf führt auch zu einem Einsatz?

Weber: Ja. Manchmal ist es einfach der Rettungssanitäter der Ambulanz, der sich von einem Einsatz zurückmeldet. Oder jemand, der über Fieber klagt und an den Hausarzt weitervermittelt wird. Es kommt auch vor, dass jemand wegen eines Rohrbruchs die 144 wählt, der statt der Sanität eigentlich einen Sanitär wollte. Und es gibt auch Juxanrufe von Kindern, kleine Mutproben, wenn die Eltern aus dem Haus sind. Früher nannten wir dies das «Mittwochnachmittags-Syndrom». Dank der Adressidentifikation kann man nun sagen: «Aha, du bist an der XY-Strasse zu Hause?» – und schon hat sich das Ganze erledigt. Man muss aber aufpassen: Es riefen auch schon Kinder aus der Telefonkabine an, um tatsächlich ein anderes, verletztes Kind zu melden.

Welches ist der häufigste Einsatzgrund?

Weber: Das Häufigste sind medizinische Probleme wie Herz- oder Hirnerkrankungen. Verkehrsunfälle sind viel seltener, obwohl man den Rettungsdienst vor allem in diesem Zusammenhang wahrnimmt.

Kommen zu allen Zeiten etwa gleich viele Notrufe herein?

Weber: Nein. In der Nacht geht es ruhiger zu und her, da schlafen die meisten. Tagsüber und an den Wochentagen läuft viel mehr. An einem Tag wie gestern (vergangenen Dienstag, Anm. der Red.) können schon mal 100 Anrufe innerhalb von nur zwei Stunden reinkommen. Es gab einen schweren Unfall im Seelisbergtunnel, einen Raubüberfall in der Stadt und einen weiteren Verkehrsunfall in Geuensee, alles etwa zur selben Zeit. Der 25. Dezember als Gegenbeispiel ist erfahrungsgemäss der ruhigste Tag im Jahr.

Die 144 ist eine Telefonnummer, die jedes Kind auswendig kennt, oder nicht?

Weber: Zunehmend schon, ja. Trotzdem führen wir jedes Jahr einen Aktionstag durch, um die Nummer wieder in den Köpfen zu verankern.

Weil viele sie tatsächlich nicht kennen – oder können sie sie einfach in der allgemeinen Aufregung nicht abrufen?

Weber: Ich glaube, es liegt schon an der Nervosität im Ernstfall. Wenn man völlig unvorbereitet Zeuge eines Verkehrsunfalls wird, sind die drei Ziffern schnell mal vergessen.

... was bei medizinischen Notfällen verheerend sein kann.

Weber: Ja, denn oftmals entscheiden wenige Minuten, ja Sekunden über Leben und Tod. Deshalb ist es vor allem wichtig, dass man Hilfe holt. Auch wenn man die Polizei oder die Feuerwehr anruft, ist das gut. Denn wir arbeiten eng mit diesen Partnerorganisationen zusammen und bieten uns gegenseitig auf.

Ich stelle mir vor, dass die Anrufer meist sehr aus dem Häuschen sind.

Weber: Ja, die wenigsten wirken ruhig. Viele sind sehr aufgeregt. Das kann von einem sehr fordernden Tonfall bis hin zu lautem Schreien reichen. Im normalen Alltag würde man diesen Umgangston als unfreundlich bezeichnen, aber unter den gegebenen Umständen ist das völlig normal und nachvollziehbar. Da will man einfach nur schnellstmöglich Hilfe bekommen. Manche weinen auch. An Ostern rief jemand an, da lag der Vater auf dem Boden und atmete nicht mehr. Die Person schrie nur immer: «Schicken Sie jemanden vorbei und fragen Sie nicht so viel.»

Aber Sie müssen natürlich fragen.

Weber: Unbedingt. Das Allerwichtigste, noch bevor ich auf das medizinische Problem eingehe, ist die Adresse, damit ich sofort den Rettungsdienst losschicken kann, falls es sich um etwas Bedrohliches handelt. Wenn jemand vom Handy aus anruft, sehe ich keine Adressidentifikation. Und es gibt nichts Unmöglicheres, als wenn die Verbindung abbricht und ich nur weiss, dass es einen Unfall mit drei Schwerverletzten gab, aber nicht wo. Der Anrufer gestern aus dem Seelisbergtunnel wusste zum Beispiel nicht, in welchem Tunnel er sich befand, da er nicht ortskundig und zudem Französisch sprechend war. So kann es manchmal ganz schön kompliziert werden, bis man weiss, wo der Einsatzort ist.

Wie schaffen Sie es, sich von der Nervosität des Anrufers nicht anstecken zu lassen?

Weber: Das ist die grosse Herausforderung und das Interessante an diesem Beruf. Wir sind alle darin ausgebildet, wie man mit gestressten Leuten umgeht. Es gibt gewisse Techniken, um das Gegenüber zu beruhigen und nicht in die gleiche Hektik zu verfallen. Zum Beispiel versucht man, nur Fragen zu stellen, die man mit Ja oder Nein beantworten kann. Und man versucht dem Anrufer klarzumachen, dass man keine Hilfe schicken kann, wenn er die Adresse nicht sagen kann.

Sind Sie von Natur aus ein Mensch, der sich nicht leicht aus der Ruhe bringen lässt?

Weber: Es gibt natürlich Situationen, die eine gewisse «Anspannung» erfordern, aber in der Regel bin ich eher «ruhig unterwegs» und gehe nicht so schnell an die Decke.

Angenommen, Sie wissen bereits, wo die Unfallstelle liegt. Wie geht das Notrufgespräch weiter?

Weber: Jetzt frage ich genauer nach, was passiert ist. Während wir sprechen, schaue ich nach, ob ein Einsatzfahrzeug in der betreffenden Region zur Verfügung steht. Je nach Situation, wenn beispielsweise Personen in Autos eingeklemmt sind oder jemand in ein Silo gefallen ist, muss ich zusätzlich die Polizei und die Feuerwehr alarmieren. Man muss schon ein Talent zum Multitasking haben. Denn wenn nötig beginne ich auch bereits am Telefon Anweisungen für die ersten lebensrettenden Massnahmen zu geben.

Was kann das beinhalten?

Weber: Ich erkläre beispielsweise, wie man jemanden in die Bewusstlosenlagerung bringt oder wie man bei Herzstillstand eine Herzmassage durchführt. Damit kann man nicht warten, bis das Rettungspersonal eintrifft. Es gibt immer wieder Patienten, die dank solcher Anweisungen durchs Telefon schliesslich überlebt haben. Wir haben auf der Leitstelle eine Software, die uns bei den Anleitungen unterstützt. Sehr wichtig ist die Soforthilfe auch dann, wenn jemand etwas verschluckt hat und am Ersticken ist. Da geht es um Sekunden.

Was kann man da tun?

Weber: Wir leiten den Anrufer dazu an, den Heimlich-Handgriff zu machen. Er muss den Patienten dazu von hinten unter den Armen hindurch fassen und auf den Oberbauch drücken.

Das stelle ich mir belastend vor, wenn man im Hintergrund noch Erstickungslaute mit anhören muss.

Weber: In der Situation selber funktioniert man einfach und versucht, gemeinsam mit dem Anrufer das Beste für den Patienten herauszuholen. Danach kann es einem manchmal schon nahegehen, wenn man darüber nachdenkt, was jetzt auf die Angehörigen zukommt, wenn der Patient beispielsweise verstorben ist oder wenn er mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma ins Spital gefahren wurde.

Man sagt, wenn der Krankenwagen auch auf dem Rückweg noch mit Blaulicht und Sirene fährt, ist es ein schlechtes Zeichen. Stimmt das?

Weber: Jein. Wenn der Patient sich noch in einem bedrohlichen Zustand befindet, fährt der Rettungsdienst mit Sondersignalen zurück. Es kann aber auch vorkommen, dass das Rettungsteam sogenannt «blau» ins Spital zurückfährt, weil bereits ein nächster dringender Fall ansteht.

Alles, was zur Rettung eines Menschenlebens getan wird, hängt von Ihrer Reaktion ab. Lastet das nicht manchmal auf einem?

Weber: Natürlich ist man sich bewusst, dass es für den Patienten zeitkritisch werden kann, wenn man beispielsweise den Krankenwagen an einen falschen Ort schickt. Mit der Erfahrung wird man sicherer. Und die Disponenten haben ein Einsatzleitsystem zur Verfügung, welches sie bei der komplexen Arbeit unterstützt.

Ist es ein unangenehmes Gefühl, zu wissen, dass Sie etwa bei einem Notfall in einem Flugzeug Verantwortung übernehmen müssten?

Weber: Daran habe ich noch nie gedacht, und ich bin nie in die Situation gekommen. Auch nicht früher, als ich noch selbst aktiv Rettungsdienste machte oder viel auf Reisen war.

Welches war die schwierigste Situation, der Sie als Disponentin oder zuvor als Rettungssanitäterin ausgesetzt waren?

Weber: Nie vergessen konnte ich folgenden Fall: Wir mussten am Weihnachtstag zu einem Mann ausrücken, der bewusstlos auf dem Boden lag. Er hatte an diesem Tag Geburtstag, wurde tags zuvor pensioniert, und wir konnten ihn nicht mehr wiederbeleben. Die Trauer seiner Frau zu sehen, das war furchtbar. Und etwas vom Schwierigsten sind die Fälle, wo ein Baby einen Herz-Kreislauf-Stillstand hat und eine Mutter verzweifelt ins Telefon ruft, das Kind sei ganz schlaff und blau angelaufen. Das ist schon sehr emotional, weil man weiss, dass die Prognosen nicht gut sind.

Haben Sie manchmal schlaflose Nächte?

Weber: Nein, aber wenn man bis 22 Uhr einen anstrengenden Dienst hatte, kann es schon ein paar Stunden dauern, bis man wieder heruntergefahren ist. Dann gehe ich halt erst um ein Uhr ins Bett. Aber ich bin ohnehin ein Nachtmensch.

Wie erholen Sie sich am besten?

Weber: Mit Sport. Und ich bin sehr gerne in der Natur. Ich liebe es, zu Fuss nach Hause zu gehen und mich unterwegs auf eine Bank zu setzen und auf den See zu schauen oder Tiere zu beobachten. Und ich lese sehr gerne Krimis – die sind auf ganz andere Art spannend als mein Job.

Waren Sie selbst auch schon in der Situation, medizinische Nothilfe zu benötigen?

Weber: Ja, ich hatte vor zwei Jahren massiv starke Schmerzen im Bauch. Ich liess mich noch privat ins Spital chauffieren, musste aber nachher zugeben, dass es sicher nicht falsch gewesen wäre, einen Rettungswagen aufzubieten (schmunzelt). Die Schmerzen waren wirklich ziemlich unerträglich.

Sind Sie durch die ständige Konfrontation mit der Vergänglichkeit des Lebens eher unbekümmerter oder ängstlicher geworden?

Weber: Ersteres. Nach dem Motto: Ich lebe und geniesse es jetzt, denn ich sehe tagtäglich, wie es von einer Minute auf die nächste zu Ende gehen kann. Ich bin sehr dankbar, gesund zu sein und eine interessante Arbeitsstelle zu haben.

Sie haben 28 Jahre Erfahrung im Rettungsdienst. Was hat sich in dieser Zeit im Rettungswesen verändert?

Weber: Vieles! Wahrscheinlich mehr als in jeder anderen Spitalabteilung. Damals gab es noch nicht einmal ein vom Bundesamt für Bildung anerkanntes Berufsbild. Auch die Nummer 144 gab es im Kanton Luzern noch nicht. Die wurde erst vor 20 Jahren flächendeckend eingeführt. Die Telefonzentrale lief über die normale Spitalnummer oder die Polizeileitstelle. Die Rettungsfahrzeuge sind heute viel besser ausgerüstet, so dass man bereits am Einsatzort mit der Behandlung beginnen kann: EKG, Defibrillator, Beatmungseinheit ... Früher lud man den Patienten einfach in den Wagen und schaute dann im Spital, was zu tun war. Auch die Ausrückzeiten haben sich massiv verkürzt, sodass sich die Heilungs- und Überlebenschancen massiv verbessert haben.

Wieso wurden Sie Rettungssanitäterin?

Weber: Weil es so vielseitig ist. Man hat es mit dem ganzen Spektrum der Medizin zu tun, auch mit Unfällen und psychischen Krankheiten – eigentlich mit allem von der Geburt bis zum Tod des Menschen.

Apropos Geburt: Wird deswegen auch öfter die Ambulanz gerufen?

Weber: Ja. Es kommt immer mal wieder vor, dass eine Frau schlussendlich auf dem Rücksitz des eigenen Autos gebärt. Diese Fälle sind in der Regel nicht sehr beunruhigend für uns, denn man weiss ja, es ist ein natürlicher Vorgang und es gibt selten Komplikationen. Wir sagen dem Ehemann dann einfach, er solle das Auto an den Strassenrand fahren, und machen die Geburt Schritt für Schritt mit den beiden durch. Wenn man dann durchs Telefon Babygeschrei hört, gehört das zu den dankbareren Aufgaben einer Leitstellendisponentin.

Von diesem Raum im Luzerner Kantonsspital aus koordiniert Iris Weber mit ihrem Team die Rettungseinsätze in der Zentralschweiz. (Bild: Pius Amrein  / Neue LZ)

Von diesem Raum im Luzerner Kantonsspital aus koordiniert Iris Weber mit ihrem Team die Rettungseinsätze in der Zentralschweiz. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)