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MEDIZIN: Ist dieses Leben lebenswert?

Ein schwieriger Fall der Medizinethik bewegt Grossbritannien: Eltern und Mediziner sind nicht ­ einer Meinung darüber, ob Baby Charlie vor seinem sicheren Tod noch weiter behandelt werden soll.
Sebastian Borger, London

Sebastian Borger, London

Das Wohl eines Kindes, wer weiss darüber am besten Bescheid? Wer darf, wer muss Entscheidungen treffen über Leben und Tod? Der Schriftsteller Ian McEwan hat die herzzerreissenden Probleme für Eltern, Ärzte und Gerichte schon vor Jahren brillant verarbeitet. Sein Roman «Kindeswohl» wirkt wie eine Blaupause für das, was sich seit einigen Wochen in Grossbritannien abspielt.

Richter am High Court, ja sogar am Supreme Court und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mussten sich mit dem Schicksal des elf Monate alten Babys Charlie Gard beschäftigen, dessen Lebenschancen von seinen Eltern und den Ärzten an Londons berühmter Kinderklinik Great Ormond Street (GOS) sehr unterschiedlich beurteilt werden. Die Nation nimmt Anteil, auch Vertreter anderer Länder äussern sich zum Fall.

Der kleine Engländer kam im vergangenen August scheinbar gesund zur Welt, zeigte aber schon nach einigen Wochen Symptome einer extrem seltenen Gen-Krankheit. Mitochondriale Myopathie ist nicht heilbar und führt zu einer schrittweisen Auszehrung vitaler Organe, nicht zuletzt zu schweren Gehirnschäden. Der Auskunft der Ärzte zufolge kann Charlie schon heute weder sehen, hören noch schlucken, und die Schädigungen nehmen weiter zu. Wäre ihm sein Elend bewusst, er könnte nicht einmal darüber weinen. Ist dieses Leben lebenswert?

Keine Heilung, ­ höchstens Linderung

Nein, sagen die GOS-Ärzte und befürworten das Abstellen all der teuren Maschinen, die das Kind seit Oktober am Leben halten. Ja, glauben nicht nur die Eltern Connie Yates und Chris Gard, sondern auch Hunderte von Menschen, die einem verzweifelten Spendenaufruf Folge leisteten. Umgerechnet 1,62 Millionen Schweizer Franken stehen bereit. Damit wäre Charlies Transport in die USA und dortige experimentelle Behandlung an der Columbia-Universität gesichert. Selbst die dortigen Ärzte versprechen keine Heilung, höchstens Linderung und ein wenig mehr Lebenszeit. Aber ist dies in Charlies Sinn oder doch nur Ausdruck der elterlichen Verzweiflung?

Der Preis sei zu hoch, urteilten die Londoner Ärzte und nacheinander die gerichtlichen Instanzen: Die Behandlung und die vorhergehende Reise seien nicht nur zwecklos, sie könnten auch zusätzlich «Schmerz, Leiden und Elend» verursachen, mussten sich Charlies Eltern vom Höchsten Gericht Grossbritanniens ins Stammbuch schreiben lassen.

Dass auch am weltberühmten GOS-Krankenhaus nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen werden, haben in den vergangenen Jahren mehrere Gerichtsverfahren ans Tageslicht gebracht. Diesmal aber regte sich in der britischen Öffentlichkeit kein Widerstand gegen die vereinte Expertenfront, die Kirchen schweigen.

Papst und Trump ­ schalten sich ein

Nicht so der Papst. Franziskus bekundete den Eltern seine «Zuneigung und Traurigkeit»: Sie sollten dem kranken Kind bis am Ende nahe sein dürfen. Was das bedeutet, machte eine Stellungnahme des römischen Spitals Kind Jesu (Bambino Gesú) deutlich: Man stehe zur Aufnahme von Charlie bereit. Eine zweite kirchliche Klinik in Rom machte das gleiche Angebot. Ob das nicht ein Ausweg sei, wollte diese Woche sogar der italienische Aussenminister telefonisch von seinem britischen Kollegen Boris Johnson wissen.

Die Antwort fiel undiplomatisch knapp aus: «Aus rechtlichen Gründen» sei eine Verlegung nicht möglich, Rom solle sich bitte aus dem Fall heraushalten. Lediglich eisiges Schweigen brachte London für einen Tweet des US-Präsidenten Donald Trump auf, in dem dieser – für seine Verhältnisse erstaunlich zurückhaltend – Hilfe anbot. Alle Eltern würden «alles Menschenmögliche für ihr Kind» tun wollen, sagte Premierministerin Theresa May im Unterhaus. Aber auch: «Kein Arzt begibt sich gern in diese Position.» An der rechtlichen Beurteilung des Falles gibt es in der Downing Street keine Zweifel.

Und Charlie? Die Klinik hat den Eltern «zusätzliche Zeit» eingeräumt, sich von ihrem Kind zu verabschieden. Bald wird das Baby sterben – und damit eine Welt hinter sich lassen, in der auch die beste Hightechmedizin keine Heilung bringt für die schwierigsten ethischen und moralischen Dilemmas.

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