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MENSCHWERDUNG: Der Samen führt zu Gott

Der Theologe und Gynäkologe Johannes Huber beschreibt und bestaunt das Werden des Menschen. Und rät dem Christentum, nicht nur auf Nächstenliebe zu setzen.
Rolf App
Schon der Beginn menschlichen Lebens mit dem Eindringen der Sperma- in die Eizelle mutet wie ein Wunder an. (Bild: Getty)

Schon der Beginn menschlichen Lebens mit dem Eindringen der Sperma- in die Eizelle mutet wie ein Wunder an. (Bild: Getty)

Rolf App

kultur@luzernerzeitung.ch

Am Todestag des Wiener Kardinals König war das Wetter miserabel. Es war der 13. März 2004. «Der Himmel hatte eine silbergraue Färbung angenommen, für einen kurzen Moment schien es, als könnten sich die Wolken nicht entscheiden, was sie tun sollten. Dann liessen sie es schneien.» Der fast hundertjährige Kardinal sah zum Fenster und sagte: «Wie schön!» Mit dieser Erinnerung an ein allerletztes Staunen schliesst ein aussergewöhnliches und extrem lehrreiches Buch über die vielen Wunder des Lebens.

Verfasst hat es der heute 71-jährige Johannes Huber, der nach seinem Theologiestudium zehn Jahre lang Königs Sekretär war und danach Medizin studiert hat. Aus dieser doppelten Sicht des Theologen und des Arztes beschreibt er, was er auf seinem Fachgebiet, der Gynäkologie und Reproduktionsmedizin, erlebt. Und begründet, warum der Mensch mehr ist als die Summe seiner Organe. Sein Buch trägt denn auch den Titel «Der holistische Mensch», was abgeleitet ist vom griechischen «holos», ganz.

Manchmal sind Mediziner wie Fiakerpferde

Dabei geht Johannes Huber auch auf Distanz zu einer sehr kleinteilig denkenden Medizin. Deren Schwäche – und zugleich Stärke – sei ihre Spezialisierung. Gerade deswegen kommen ihm manche Hardliner unter den Medizinern «wie Fiakerpferde vor. Stur tragen sie ihre Scheuklappen und sehen nur die gepflasterte Strasse vor sich.» Er aber will auch Quergassen, Parallelstrassen, ja ganze Strassennetze erkennen. Zu diesem Zweck erzählt er zuerst aus seinem Fachgebiet. Wie sich das Immunsystem der Frau demjenigen des Mannes anpasst, damit dessen Samenflüssigkeit nicht als Fremdkörper bekämpft wird.

Wobei da mit den Samen eine magische Mischung unterwegs ist, unter ihnen die Glückshormone Endorphin und Oxytocin, dann auch Pheromone – Duftstoffe, die der in Liebesbereitschaft versetzte Körper absondert. Zwei Organismen verschränken sich so ineinander, die nur zusammen fähig sind, sich zu vermehren. Dass sie sich nicht mehr so rasch trennen, dafür sorgt das Oxytocin, ein mehrere hundert Millionen Jahre altes Molekül, das auch das Herz stärkt. Wenn Liebespaare sich in die Augen schauen, steigt der Oxytocinspiegel.

Sinn und Zweck ihrer Bindung ist die Fortpflanzung. Zwar habe die Natur dafür gesorgt, dass auch homosexuelle Beziehungen funktionieren, obwohl sie nicht der Vermehrung dienen, stellt Johannes Huber fest. «Die Evolution leistet sich und uns eben einen gewissen Luxus.» Aber es gebe doch «so etwas wie die Verfassung der Evolution», und da bilde die Begegnung von Mann und Frau den Normalfall.

Obwohl als Arzt und Reproduktionsmediziner daran gewöhnt einzugreifen, wird immer wieder deutlich, wie sehr Johannes Huber der Natur vertraut. Gerade auf seinem eigenen Gebiet. «Den Kinderwunsch zweier Menschen zu erfüllen, ist ein schöner Beruf, aber auch eine grosse Industrie», sagt er zum Höhenflug der künstlichen Befruchtung. Wobei sich gerade der Stress ungünstig auf die Erfolgsaussichten auswirke. Und ganz ungefährlich sei die Befruchtung im Reagenzglas auch nicht, für die Mutter wie für das Kind.

«Das ist Ausbeutung der schlimmsten Art»

Ein Gegner der künstlichen Befruchtung ist Johannes Huber nicht. Aber er stellt sich deutlich gegen die Auffassung, jeder solle das Recht haben, Kinder zu bekommen. «Genauso wenig, wie die Sexualität ausschliesslich ein Produkt der Gesellschaft ist, ist auch der Kinderwunsch nicht etwas, das man sich nach Belieben zurechtbiegen kann», stellt er fest. «Wenn arme Frauen aus Geldnot ihre Eizellen verkaufen und durch die Hormontherapie und die Punktion ihrem Körper schaden, sodass sie vielleicht unfruchtbar werden, ist das Ausbeutung der schlimmsten Art.»

Man versteht die Heftigkeit dieser Kritik, wenn man das innige Zusammenspiel von Mutter und Kind langsam begreift, wie es über die Schwangerschaft hinweg entsteht. Ist die Mutter zufrieden, so überträgt sich das. Leidet sie unter Stress, leidet auch das Kind. Mehr noch: Der Lebensstil von Vater und Mutter bleibt nicht ohne Einfluss auf das kleine Wesen in ihrem Bauch.

Als Erstes begegnet das Neugeborene Bakterien

Übrigens ist das Erste, dem der kleine Erdenbürger begegnet, nicht das Gesicht der Mutter. Es sind die den Darmbakterien nachgebildeten Bakterien an ihrer Scheidenwand. Diese Bakterien aber «decken zwei Hauptkapitel des Daseins ab: die Abwehr der Feinde und die Energiezufuhr, die den Körper am Funktionieren hält», beschreibt Johannes Huber die Rolle dieser «am meisten unterschätzten Lebewesen, mit denen der Mensch zusammenlebt». Wird das Kind mit Kaiserschnitt zur Welt gebracht, trifft es allerdings nicht auf die Darm-, sondern auf die Hautbakterien der Mutter. Kaiserschnittbabys seien anfälliger für bestimmte Erkrankungen, stellt er fest, hat aber eine gute Nachricht: «Beim Stillen setzt sich so etwas wie eine bakterielle Völkerwanderung in Bewegung. Die Darmbakterien machen sich auf in die weibliche Brust.» Johannes Huber erkundet aber auch das Leben nach dem Tod und macht uns klar, dass wir über unsere Kinder ein wenig unsterblich werden. Weil nicht nur das Kind Zellen der Mutter übernimmt, sondern weil diese auch Zellen ihrer Kinder in sich trägt.

«Unsere irdischen Jahre sind Teil eines Ganzen»

Nicht nur Johannes Hubers medizinische Sphäre, die Welt als ­Ganzes ist für ihn, den Arzt und Theologen, «auf eine für uns nicht völlig nachvollziehbare Art geordnet». Und er rät deshalb dem Christentum, es solle «nicht ausschliesslich und defensiv mit Nächstenliebe glänzen wollen». Sondern, zum Beispiel, den Blick zur Physik richten, die Materie als geformte Energie und diese Energie als unvergänglich betrachtet. Das heisst für ihn: «Nicht aus Angst vor dem Tod wurde Gott gefunden, sondern aus der holistischen Ahnung, dass unsere irdischen Jahre Teil eines Ganzen sind».

Es war übrigens ein Wunsch des Kardinals König, dass Johannes Huber sich eines Tages mit der Verbindung zwischen Naturwissenschaft und Theologie befassen soll. König sagte: «Das eine schliesst das andere nicht aus, im Gegenteil, beide Teile bilden ein Ganzes.»

Hinweis

Johannes Huber: Der holistische Mensch. Edition A, 335 S., Fr. 42.–

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