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METOO-DEBATTE: König Sex und die Frauen

Während neue Vorwürfe erhoben werden und in Frankreich eine Debatte um sexuelle Belästigung tobt, stellt sich die Frage: Markiert MeToo einen Aufbruch – oder gerade nicht?
Rolf App
Wer führt da Regie? Der Mann – oder die Frau? (Bild: Martin Barraud/Getty)

Wer führt da Regie? Der Mann – oder die Frau? (Bild: Martin Barraud/Getty)

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Metoo, das bedeutet: keine Woche ohne neue Enthüllungen, fast kein Tag ohne Stellungnahmen. Die «New York Times» gibt die Anschuldigungen männlicher Models gegen die Modefotografen Mario Testino und Bruce Weber wieder. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» spricht mit der französischen Schriftstellerin Catherine Millet über einen in «Le Monde» veröffentlichten Aufruf, dessen Unterzeichnerinnen vor einem «Klima einer totalitären Gesellschaft» gewarnt und erklärt hatten: «Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist kein Delikt.» Sie wollten eine Debatte auslösen, erklärt Millet. «Für mich huldigt ein Grossteil dieser Feministinnen einer puritanischen Utopie», sagt sie. Und: «Man sollte es jeder Frau überlassen, für sich selbst zu entscheiden, wo ihre Grenze liegt.»

«Die Männer in meiner Umgebung empören sich»

Das tut, gegen Millets Aufruf gerichtet, auf «Spiegel online» die Schriftstellerin Leïla Slimani, wenn sie erklärt: «Ich fordere die Freiheit, dass man weder meine Haltung noch meine Kleidung, meinen Gang, die Form meines Hinterns oder die Grösse meiner Brüste kommentiert. Ich möchte nicht beschützt werden, sondern mein Recht auf Respekt und Sicherheit geltend machen.» Und im Übrigen «werden die Männer in meiner Umgebung rot und empören sich über diejenigen, die mich beleidigen».

Verschiebt sich da gerade etwas zwischen den Geschlechtern? Fordern die Frauen im Privaten ein, was ihnen in anderen Bereichen längst versprochen ist, etwa im Beruflichen? Sandra Konrad ist da sehr skeptisch. Schon der Titel jenes Buches, zu dem die Psychologin mit eigener Praxis dieser Tage öfter befragt wird, setzt einen Gegenakzent: «Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will, was er will.»

Sexuelle Freiheit: Zum Imageprodukt geworden

Auf den ersten Blick, konstatiert Sandra Konrad, scheint es für das weibliche Geschlecht keine Einschränkungen mehr zu geben: «Frauen haben heute One-Night-Stands und Affären. Frauen gucken Pornos. Frauen sprechen über ihre sexuellen Erfahrungen. Frauen befriedigen sich mit Sextoys. Frauen tindern. Frauen suchen sich jüngere Partner. Frauen bestellen sich Stripper.» Die Schamkultur, die Frau so lange gehemmt habe, sei abgelöst worden «von einer Zeit der sexuellen Offenheit, des Narzissmus und der öffentlich zur Schau getragenen Freizügigkeit».

Sexuelle Freiheit sei ein Imageprodukt geworden, das man stolz mit sich herumtrage. Doch was sie in ihren Gesprächen mit jungen Frauen am meisten überrascht habe, das sei «die Diskrepanz zwischen ihrem Selbstbild und ihrem Verhalten gewesen: Sie beteuerten, selbstbestimmt zu sein, und berichteten gleichzeitig, wie sie über ihre Grenzen gingen. Und zwar nicht, um ihre eigene Lust zu erkunden, sondern um Männern zu gefallen.» So werde aus Individuen eine gleichgeschaltete Masse, die sich in einem Sexparcours be­wege, in dem alles erlaubt sei – «ausser Nein zu sagen».

Bestätigt sich also, was Volkmar Sigusch, der grosse alte Mann der Sexualforschung, 2016 in jenem «Sex-Abc» formuliert hat, in dem er die Quintessenz seiner Erfahrungen zieht? Dass jener König Sex, den die 68er-Revolte inthronisiert habe, später durch eine neue, die neosexuelle Revolution zwar vom Thron gestossen, dann aber nicht durch sexuelle Befreiung ersetzt worden sei, sondern durch die «Kommerzialisierung der quasierotischen und sexuellen Sphäre»? Dass es heute nicht um Selbstverwirklichung geht, sondern um Selbstoptimierung? Dass die Befreiung von alten Zwängen in neue mündet?

So negativ sieht Sigusch allerdings die Dinge denn doch nicht. Er urteilt auf der Basis breitangelegter Untersuchungen nüchterner. Gerade unter Jugendlichen stellt er eine Entmystifizierung der Sexualität fest. «Sie ist heute selbstverständlicher, ja banaler. Weil sie nicht mehr die grosse Überschreitung ist, kann sie auch unterbleiben.» Wichtiger als der sexuelle Akt sei die feste Beziehung. «Pointiert gesagt, ist das der historische Weg von der Wollust zur Wohllust.»

MeToo ist Teil einer grossen Transformation

Die Frauen aber sind für Sigusch die wahren Gewinnerinnen dieser Revolution. «Junge Frauen haben heute bei uns in Beziehungen das Heft in der Hand. Sie entscheiden überwiegend, was sexuell geschieht.» Das ist ein anderes Bild als das von Sandra Konrad gezeichnete. Wer von den beiden Recht hat, das kann erst die Zukunft zeigen. Erst dann wird sich auch erweisen, ob die MeToo-Debatte die Gesellschaft verändert. Vielleicht als Teil jener grossen Transformation, die wir oft gar nicht so genau erkennen.

Ein paar Stichworte nur: Nicht nur die Frauen-, auch die Männerrolle wandelt sich. Es gibt nicht mehr nur Mann und Frau, sondern etliche andere Spielarten von Geschlechtsidentität. Und was noch vor wenigen Jahrzehnten als pervers abgelehnt wurde, ist heute akzeptiert.

Das sind Veränderungen, die im Sexuellen auch Abgründe in sich bergen. Sigusch fasst das ganz plakativ: «Wenn der Sexualtrieb als solcher zu sich käme, gäbe es Festnageln und Verschlingen, Mord und Totschlag.» Und: «Beim sexuellen Akt geht es nicht um Leben und Tod. Es geht um mehr.» Nämlich: um Liebe. «In einer Welt, in der scheinbar alles fabriziert und gekauft werden kann, ist die Liebe unser kostbarstes Gut. Sie ist gewissermassen das Negativ der Ware. Das aber ist in einer Welt des Machens und Verkaufens ebenso fantastisch wie einzigartig.»

Verwendete Bücher: – Sandra Konrad: Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will, was er will, Piper-Verlag – Volkmar Sigusch: Das Sex- Abc. Notizen eines Sexualforschers, Campus-Verlag

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