MISSBRAUCH: Anzeige gegen Polanski ist folgenlos

Eine ehemalige Schauspielerin zeigt Roman Polanski in St. Gallen wegen Vergewaltigung an. Bevor die Behörden die Zuständigkeit geklärt haben, steht fest: Zu einem Verfahren wird es wegen Verjährung nicht kommen.

Adrian Lemmenmeier/Tim Naef
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Roman Polanski (84) mit seiner Frau Emmanuelle Seigner (51). (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Roman Polanski (84) mit seiner Frau Emmanuelle Seigner (51). (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Adrian Lemmenmeier/Tim Naef

Die ehemalige deutsche Schauspielerin Renate Langer hat den Starregisseur Roman Polanski am 26. September bei der Kantonspolizei St. Gallen wegen Vergewaltigung angezeigt. 1972 sei sie als 15-Jährige vom französisch-polnischen Regisseur im bernischen Gstaad sexuell missbraucht worden.

Weil der mutmassliche Tatort im Kanton Bern liegt, leitet die Staatsanwaltschaft St. Gallen den Fall an ihre Kollegen in Bern ­weiter. «Es gilt zu prüfen, in welchem Kanton die Zuständigkeiten ­liegen», sagt Roman Dobler, ­Medienbeauftragter der St. Galler Staatsanwaltschaft.

Dass es zu einer Anzeige kommt, ist indes unwahrscheinlich. Für Martin Killias, Strafrechtsprofessor an der Universität St. Gallen, ist der Fall klar: «Das Ganze ist seit Ende 1982 verjährt», sagt er. «Die zuständigen Behörden werden deshalb eine Nichtanhandnahmeverfügung erlassen.» Dies bedeute, dass das Verfahren eingestellt beziehungsweise gar nicht eröffnet werde. Es gebe drei Gründe für eine solche Verfügung, so Killias. «Erstens, wenn die vorgeworfenen Tatbestände offensichtlich nicht erfüllt sind. Zweitens, wenn die Anschuldigungen augenscheinlich falsch sind. Und drittens, wenn unüberbrückbare Prozesshindernisse bestehen und es deshalb zu keiner Verurteilung kommen kann.» Im hier vorliegenden Fall sei die Verjährung ein solches Hindernis.

«Das hat mein ganzes Leben beeinflusst»

Weshalb hat Langer Polanski nicht früher angezeigt? Gemäss «New York Times» hatte sie Angst vor der Reaktion ihrer Eltern. «Meine Mutter hätte einen Herzinfarkt bekommen», lässt sich Langer in der «New York Times» zitieren. Ihr Vater ist diesen Sommer gestorben, ihre Mutter bereits vor zwei Jahren.

Roman Polanski habe sie zweimal vergewaltigt, sagt Langer in einem Interview, das von der «New York Times» zitiert wird. Das erste Mal habe sich Polanski 1972 in Gstaad in seinem Schlafzimmer an ihr sexuell vergangen. Einen Monat später habe er sich entschuldigt und Langer eine Rolle in der Komödie «Was?» angeboten. Langer nahm die Rolle an. Nach dem Dreh aber habe sie der Regisseur erneut vergewaltigt. Sie habe sich gewehrt, eine Flasche Wein und eine Parfümflasche nach ihm geworfen. Vergeblich. «Das hat mein ganzes Leben beeinflusst», wird Langer in der «New York Times» zitiert. Die 61-jährige Deutsche hat unter anderem in der Fernseh­serie «Traumschiff» mitgespielt.

Bereits mehrfach der Vergewaltigung beschuldigt

Roman Polanski ist seit 40 Jahren im Fadenkreuz der amerika­nischen Ermittlungsbehörden. 1977 ist die damals 13-jährige Samantha Geimer nach eigenen Angaben von Polanski vergewaltigt worden. Polanski bekannte sich damals schuldig, floh aber nach Europa, nachdem der zuständige Richter einen Deal platzen liess und eine langjährige Haftstrafe forderte. Inzwischen hat Geimer darum gebeten, das Verfahren gegen Polanski einzustellen. Die US-Justiz aber verfolgt die Vorwürfe weiter. Im Jahr 2009 wurde Roman Polanski am Zurich Film Festival verhaftet. Er hätte dort für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollen, stattdessen führte ihn die Polizei ab. Polanski wurde acht Monate unter Hausarrest gestellt, ein Auslieferungsgesuch aus die USA lehnte die Schweiz aber im Jahr 2010 ab.

Renate Langers Anzeige wurde während des diesjährigen Zurich Film Festivals publik. Roman Polanski besucht das Festival mit seiner Frau Emmanuelle Seigner.