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MORAL: Das Gehirn der Gierigen lernt nicht

Der Fall von Pierin Vincenz belebt eine alte Debatte neu: Warum streben manche Menschen derart gierig nach Reichtum und Macht? Mehr noch: Was hat diese Gier mit uns und unserer Zeit zu tun?
Rolf App
Verlockender Griff nach dem Geld: Im Bankwesen werde einem die Gier anerzogen, sagt Ex-Banker Rudolf Elmer. Bild: Getty (Bild: Getty)

Verlockender Griff nach dem Geld: Im Bankwesen werde einem die Gier anerzogen, sagt Ex-Banker Rudolf Elmer. Bild: Getty (Bild: Getty)

Rolf App

Man sagt Pierin Vincenz nach, er habe aus reiner Gier hinter dem Rücken seiner Bank möglicherweise illegale Geschäfte gemacht und so Millionen verdient, obwohl er das ja als Chef der Raiffeisen-Gruppe gar nicht nötig gehabt habe. Dabei schwingt auch der Verdacht mit, dass diese Geldgier in seiner Branche noch mehr Anhänger habe als nur gerade ihn. Die Finanzkrise ist schliesslich noch in frischer Erinnerung, die ihren Anfang im Platzen einer riesigen Spekulationsblase genommen hat.

«Die Gier wird einem da schon anerzogen», sagt in einem Film der «Deutschen Welle» der Schweizer Ex-Banker Rudolf Elmer, der deshalb auch ausgestiegen ist. «Viel Profit machen – und sich nicht erwischen lassen, das war die Devise.» Die Wissenschaft bestätigt ihn. Reiche neigen eher zu gierigem Verhalten, haben Wissenschafter aus Berkeley ­herausgefunden. Und der Neurowissenschafter Johannes Hewig von der Universität Würzburg hat in Experimenten untersucht, was den gierigen Menschen ausmacht.

Gierige gehen höhere Risiken ein

Seine Testpersonen hatten den Auftrag, in einem Computerspiel einen Ballon aufzupumpen und im für sie richtigen Moment aufzuhören. Platzte er, dann hatten sie verloren. Hielt er stand, gewannen sie. Parallel mussten sie einen Fragebogen ausfüllen, der das Mass ihrer Gier offenlegte. Und siehe da: Die besonders ­gierigen Testpersonen waren auch diejenigen, die im Ballonspiel ein hohes Risiko eingingen. Die Untersuchung ihrer Hirn­vorgänge förderte zutage, dass dabei im Belohnungszentrum Hochbetrieb herrscht. Umgekehrt gehen nicht jene Warnlampen an, über die unser Gehirn auch verfügt. Die Hirnforscher sprechen von «feedbackbezogener Negativierung», wenn das Gehirn aus negativen Erlebnissen lernt und beim nächsten Mal vorsichtiger agiert. Bei den risikofreudigen Testpersonen war dieser Effekt schwach ausgeprägt.

Die tägliche Verlockung der Warenwelt

Natürlich ist die Gier keineswegs ein neues Phänomen. Es gibt Warnungen aus allen Zeiten. Und Geschichten wie jene von König Midas, der sich von den Göttern wünschte, dass alles, was er anfasse, zu Gold werde. Und der deshalb zu verhungern drohte: Geld kann man nicht essen. Das Christentum nimmt dies auf: «Sehet zu und hütet euch vor aller Habgier, denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat», heisst es im Lukasevangelium.

Noch etwas ist interessant an Johannes Hewigs Würzburger Untersuchungen. Seine Test­personen verhielten sich besonders risikofreudig, wenn sie sich zuvor mit der Biografie einer ­gierigen Person befasst hatten. «Hier wurde das Persönlichkeitsmerkmal Gier gewissermassen aktiviert», erklärt Hewigs Mitar­beiter Patrick Mussel. Das heisst: Gier ist in gewissem Mass etwas Natürliches, entstanden in einer langen, auf Nahrungskonkurrenz basierenden Evolution. Aber sie hat zum andern ihre individuellen Ausprägungen. Und: Sie kommt besonders stark zum Ausdruck, wenn das Umfeld dies erlaubt oder sogar fördert.

In dieser letzten Hinsicht nun leben nicht nur viele Banker sozusagen im Paradies, sondern wir alle. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hat Karl Marx als Erster beschrieben, warum das so ist. Er hat ein Zeitalter vorausgeahnt, in der die Wirtschaft Überschuss um Überschuss produziert, wie eine Maschine, die sich nicht mehr stoppen lässt. Und in der ein Kapitalismus entsteht, der bis in die hinterste Ecke des Globus vordringt.

Peter Gross spricht vom «Mehrgott»

Was aber machen wir mit diesen Warenbergen? Wir horten sie und zeigen auch gern, was wir so haben. Besitz erhöht unser Prestige. Weshalb Johannes Hewig auch herausgefunden hat, dass gieriges Verhalten in den USA weiter verbreitet ist als in Deutschland. Die Amerikaner leben in einer Welt, in der materielle Werte in noch höherem Ansehen stehen als bei uns. Doch ob dies- oder jenseits des Atlantiks: Diese Welt funktioniert nach denselben Gesetzen, der Soziologe Peter Gross hat sie die «Multioptionsgesellschaft» genannt.

Sie basiert auf dem grossen Versprechen der Moderne, das heisst: mehr und besser. Gross selber spricht vom «Mehrgott» und erklärt, was uns antreibe, das sei «ein tief in die modernen Gesellschaften eingemeisselter und ins Herz des modernen Menschen implantierter Wille zur Steigerung, zum Vorwärts, zum Mehr.» Denn weil überall Lücken klaffen «zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte», herrscht niemals Ruhe. Denn auch dies hat uns die Evolution eingeschrieben: Wir sind, wie alle sozial lebenden Tiere, vergleichende Wesen. Wir schauen: Was hat der andere? Und wollen das dann auch. All die wechselnden Trends bedienen dieses Herdenverhalten des Menschen – auch um den Preis, dass wir dabei die Natur hemmungslos plündern. Der amerikanische Wirtschaftswissenschafter John K. Galbraith hat diesen Mechanismus schon in den späten Fünfzigerjahren beschrieben: Damit die im Prinzip zu vielen Güter überhaupt abgesetzt werden können, muss vorher künstlich ein Bedürfnis produziert werden.

Janoschs Rezept, oder: «Überall ist Panama»

Das Problem ist allerdings: Hinter diesem – von tiefer Gier angetriebenen – Konsumrausch steckt eine Art existenzielles Vakuum. «Gier verdirbt den Menschen, weil sie ihn isoliert», erklärt der Zen-­Lehrer Michael von Brück. Deshalb gibt es neben einer ausgeprägten Gier auch in starkem Mass das andere: die Selbstbeschränkung, die Einkehr. Im Kinderbuch von Janosch «Oh, wie schön ist Panama» machen sich der kleine Bär und der kleine Tiger auf die hoffnungsvolle Suche nach dem schönen Traumland. Und stellen nach ihrer Rückkehr fest: «Überall ist Panama.»

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