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MORAL: Zurück zur sexuellen Sicherheit

Ist unsere Gesellschaft prüder als auch schon? Gerade die Jugend gilt als konservativ. Aber warum auch nicht?
Sabine Kuster und Alexandra Fitz
Es kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Menschen solche Zweisamkeit einem Swingerclub immer noch vorziehen. (Bild: Getty)

Es kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Menschen solche Zweisamkeit einem Swingerclub immer noch vorziehen. (Bild: Getty)

Es stimmt also doch. Wir sind prüder geworden. Das zumindest behauptet der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk in einem Interview in der «Süddeutschen Zeitung». Eigentlich ging es um die Besprechung seines neusten Buches «Das Schelling-Projekt», seines ersten erotischen Romans. Seine Protagonisten sind alle über 50 Jahre alt. Die Älteren seien mutiger, begründet er dies.

Sloterdijk kritisiert die Jungen, wenn er sagt: «Der Okzident läuft als Weltmarkt der Verklemmungen dem Osten den Rang ab.» Man habe hier bezüglich einer liberalen Erotik nicht mehr als Teilerfolge zu Stande gebracht. Heute dürften in den USA die Manager mancher Unternehmen nicht mehr allein mit einer Kollegin in denselben Lift steigen. «Welche Gedankenassoziationen automatisch ablaufen, um bei einem solchen Verbot zu landen, das besagt viel über den Zustand einer Zivilisation», konstatiert Sloterdijk.

Nun ja. Als Alt-68er hat Sloterdijk zur sexuellen Befreiung sicher einiges zu sagen. Auch wenn er damals bemerkt habe, dass er für sexuelle Eskapaden ungeeignet sei, wie er heute sagt. Aber weiss Sloterdijk als 69-Jähriger, wie prüde oder offen die Gesellschaft heute ist?

Kein Tabu mehr: offene Werbung für Erotik

Dass die heutige Jugend konservativ ist, zeigte letztes Jahr eine Befragung von fast 2000 Jugendlichen durch die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ). Doch heisst das, dass sie auch prüder geworden ist? Wir wollten es genau wissen und sprachen mit verschiedenen Experten: mit einer Soziologin, einer Sexologin, einem Naturalisten, einem Sexshop-Betreiber und einem Vertreter der Schweizer Kommission, welche die Werbung kontrolliert.

Erst einmal ist das Ergebnis unspektakulär: Die Experten aus dem Kulturbereich stellen keine Veränderung fest. Tom Gerber, Regisseur und Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste im Departement Film, sagt: «Wir haben seit 1999 in jedem Jahrgang ein oder zwei Filme mit sehr freizügigen Szenen. Das hat sich nicht verändert.» Bei der Schweizer Kommission, die sich mit Lauterkeit in der Werbung befasst, sagt Marc Schwenninger: «Die Darstellung von Sex ist konstant ein Thema, es gibt keine Schwankung, keine Zunahme von Beschwerden.» Neu sei einzig, dass heute ganz offen für erotische Internetportale auf Plakatwänden geworben werde. «Das ist kein Tabu mehr.»

Wenn Werbung für Sex keinen Entrüstungssturm mehr auslöst, muss sich doch etwas verändert haben. Die Frage ist, ob sich daraus eine Antwort darüber ableiten lässt, ob wir prüder oder doch eher sexuell freizügiger geworden sind.

In der Öffentlichkeit sieht es schwer nach Letzterem aus. Über Sex wird in allen Facetten ohne Scham diskutiert – natürlich im Internet, aber auch in traditionellen Medien. Es geht um Sex­spielzeug, explizite Praktiken, persönliche Orientierung, wiederkehrende Geschlechtskrankheiten, Pädophilie oder orgastische Geburten. Nichts scheint mehr tabu, kaum noch wird einer wegen etwas schräg angeschaut oder ausgegrenzt.

Dass die Offenheit gegenüber Sexualität und Erotik zugenommen hat, sagt auch Jan Brönnimann, Chef der Erotikshop-Kette Magic-X, ehemals Beate Uhse. «Es ist selbstverständlicher, dass man über Erotik redet und dass man dazu steht. Die Leute sind entspannter und unverkrampfter geworden.» Heute kämen auch Paare gemeinsam in den Laden. Das habe es vor zehn Jahren nicht gegeben. Geholfen habe der Hype um das Buch «Fifty Shades of Grey». Sadomaso wird salonfähig – aber bitte nur soft.

Auch bei Amorana, einem Schweizer Online-Shop für Sextoys, peitscht man die Prüderie-Hypothese weg. «Junge Schweizer und Schweizerinnen zeigen sich immer offener gegenüber Sextoys», lautet die Message von Mitgründer Alan Frei. Der Badener verrät uns die Ergebnisse einer noch nicht veröffentlichten Umfrage: Fast 50 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben bereits einmal zu Sexspielzeug gegriffen, 73,8 Prozent zeigen sich ihm gegenüber offen. Es habe sich auch gezeigt, dass sich eher Jüngere mit Sextoys vergnügen wollen.

«Je aufgeklärter der Mensch, desto komplizierter tut er»

So sieht es also heute aus: Der Kollege macht FKK-Ferien, die Schwester geht in den Swingerclub, selber führt man eine offene Beziehung mit parallel laufenden Liebschaften. Alles okay. Vielleicht würden Sie kichern, wüssten Sie, dass Ihr Nachbar im Nudistenverein ist, aber ein Skandal wär es keiner mehr. Naturalisten nennen sich solche Clubs heute und wollen damit betonen, dass sie ihre Nacktheit niemandem aufdrängen. Tendenziell nehmen die Mitglieder- zahlen laut Toni Möckel vom Vorstand des Schweizer Dachverbandes eher ab, aber das ist vielleicht auch dem generellen Problem von Vereinen geschuldet, denen die Mitglieder wegsterben. Trotz aller Offenheit: «Der Umgang mit dem eigenen Körper ist heute nicht besser», so Möckel, «ich finde, wir sind prüder geworden. Je aufgeklärter der Mensch ist, je mehr er über Sex weiss, desto komplizierter tut er.»

Speziell, wenn es um Kinder geht. Familien, sagt Möckel, seien heute skeptischer gegenüber Naturalistenclubs. «Ein Lehrer darf ein Kind ja auch kaum noch anfassen – es mag fast nichts mehr leiden in diese Richtung.»

Wir denken heute immer und überall an einen möglichen Übergriff. Dasselbe hat Sloterdijk mit seinem Fahrstuhl-Beispiel angesprochen. Der Philosoph führt das auf 9/11 und das gestiegene Bedürfnis nach Sicherheit zurück. «Seit 15 Jahren ist das Sicherheitsthema so dringend in den Vordergrund getreten, dass Freiheitsmotive allesamt mit dem Rücken zur Wand stehen.» Mehrdeutiges werde gehasst. Doch das Erotische lebe eben gerade von der Mehrdeutigkeit.

Tolerant sind wir gegenüber Swingerclubs und dem Nachbarn, der in den Nudistenclub geht. Die Gesellschaft aber sei nicht weniger homophob oder sexistisch als früher, so Marta Roca, Soziologin an der Uni Lausanne. «Rechtlich sind die Unterschiede ausgemerzt, aber die Ausgrenzung von Homosexuellen und das Bild von Frau und Mann haben sich kaum verändert.»

Gleich geblieben ist noch etwas anderes: «Wir sind nach wie vor nicht offen im Paarbereich», sagt Elisabeth Schütz, die das Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie in Uster ZH leitet. Derselben Meinung ist die Sexualtherapeutin Dania Schiftan. Auf die Frage, ob wir prüder geworden sind, antwortet sie: «Nein und ja.» Eine unbefriedigende Antwort. Doch ihre Erklärung leuchtet ein: «Wir sind nicht prüder geworden, aber man erwartet von den Leuten, dass sie offener sind, weil Sex überall Thema ist.» Doch es gebe eine Diskrepanz: Nach aussen sind wir liberal und offen, aber wenn es um uns persönlich geht, um unsere Intimitäten, haben wir Hemmungen. Das habe sich nicht verändert.

Daheim ist Sextalk immer noch kompliziert

Das heisst also, wir sollten besser oder kompetenter im Privaten reden können. Doch das ist eben nicht dasselbe. Daheim ist Sextalk immer noch kompliziert. Da geht es um uns, unsere Ängste, Scham, Ehrlichkeit. Die Offenheit gegen aussen, die Verschlossenheit gegen innen – es bedeutet, dass viele Menschen zwar die exzessiv zur Schau gestellte Sexualität der anderen tolerieren, sich selber aber nicht gleich exponieren wollen. Warum auch? Es muss ja nicht jeder an den Naturalistenstrand liegen, in den Swingerclub gehen und in der Kaffeepause den Arbeitskollegen berichten, wie ihn die Geliebte im Schlafzimmer auspeitscht. Klar, das wäre dann das Gegenteil einer prüden Gesellschaft. Aber wäre diese Gesellschaft auch eine wünschenswerte?

Sabine Kuster und Alexandra Fitz

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