MORD: Der Tod einer 16-jährigen Schweizerin schockiert Kapstadt

In einem Wald bei Kapstadt wurde letzten Frühling eine 16-jährige Schweizerin ermordet. Vor Gericht gibt der Verdächtige zwar zu, die junge Frau ausgeraubt zu haben. Für ihren Tod will er aber nicht verantwortlich sein.

Markus Schönherr, Kapstadt
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Eine Schweizerin wurde in Kapstadt ermordet. Im Bild: Eine Demonstrantin in Kapstadt hält ein Schild mit dem Satz "Stoppt die Gewalt gegen Frauen" hoch. (Bild: EPA/ Nic Bothma)

Eine Schweizerin wurde in Kapstadt ermordet. Im Bild: Eine Demonstrantin in Kapstadt hält ein Schild mit dem Satz "Stoppt die Gewalt gegen Frauen" hoch. (Bild: EPA/ Nic Bothma)

Markus Schönherr, Kapstadt

«Sie kann ihr Mobiltelefon zurückhaben, aber nicht ihr Leben. Ich habe nur das Telefon genommen.» Mit dieser Verteidigung startete jetzt der Prozess gegen den mutmasslichen Mörder einer jungen Schweizerin. Tatort: Südafrika.

Im März letzten Jahres war Franziska B. mit ihrer südafrikanischen Mutter und dem Familienhund im Tokai Forest, einem Wald bei Kapstadt, unterwegs gewesen. Als sie vorauslief und später nicht beim vereinbarten Treffpunkt ankam, wuchs die Sorge der Eltern. Wenig später erhielt der Vater einen Anruf vom Handy der 16-Jährigen: «‹Wo bist du?›, habe ich gerufen. Aber ich hörte nur die Schreie eines fremden Kindes. Nach 30 Sekunden brach der Anruf ab», erzählt der Vater lokalen Medien. In den frühen Abendstunden stiess eine Suchmannschaft im Buschland auf die Leiche von B.. Die junge Frau war erwürgt worden mit einem T-Shirt und einem Schuhband.

Anwalt legt Mandat aus «ethischen Gründen» nieder

Der Mordfall Franziska B. schockierte Südafrika. Davon zeugten nicht nur 3000 Menschen, die sich kurz nach ihrem Tod zu einer Nachtwache im Wald versammelt hatten. Auch ein Jahr später berichten südafrikanische Zeitungen beinahe täglich über den Gerichtsprozess.

Auf der Anklagebank sitzt ein 28-jähriger Mann Howard O. Er wird beschuldigt, Franziska kurz vor einer geplanten dreimonatigen Reise in die Schweiz ausgeraubt, vergewaltigt und anschliessend stranguliert zu haben. Gründe für ihren frühzeitigen Tod könnten 200 Rand (15 Franken) gewesen sein. O. gab vor dem Richter zu, diese für die Gebühren der Krabbelstube seiner Kinder gebraucht zu haben. Weil ihm die Nachbarn kein Geld geben wollten, kaufte er mit seinen letzten zehn Rand Mandrax, Südafrikas Township-Droge Nummer eins. Als dann B. an ihm vorbeijoggte, sah er seine Chance. Vor Gericht gestand O., das Mädchen gefesselt und ihr iPhone und einen Ring gestohlen zu haben. Für die Vergewaltigung und den Tod sei jedoch sein Komplize verantwortlich. Auch gegen ihn ermittelte die Polizei. Eine Klage wurde wegen mangelnder Beweise jedoch zurückgezogen.

«Ich habe zweimal sichergestellt, dass sie noch atmet», beteuerte ein aufgelöster O. im Zeugenstand. Vergangenen Montag nahm der Fall eine Wende, nachdem sein Anwalt Ken Klopper sein Mandat aus «ethischen Gründen» niederlegte. Der Angeklagte habe ihm zwei unterschiedliche Tathergänge beschrieben, weshalb er ihn nicht länger verteidigen könne. Der Fall ruht bis zum 6. Juni.

Ein Holzkreuz im Wald

Wie die Schweizer Botschaft in Pretoria mitteilt, stehe man in Kontakt mit der Familie des Opfers. Dass der Mord die Beziehungen zwischen den Ländern gefährdet, bezweifelt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA): «Im Allgemeinen beeinflusst ein einmaliges Ereignis nicht die Beziehung mit einem anderen Staat. Die Schweiz und Südafrika haben seit vielen Jahren eine starke Beziehung.»

Für Unmut sorgte der Fall vor allem in der deutschsprachigen Gemeinde vor Ort. Jedoch sollten weder Touristen noch in Südafrika lebende Europäer das Verbrechen als Warnsignal sehen, meint Gareth Newham, Forscher am Institut für Sicherheitsstudien (ISS) in Pretoria. «Die schiere Grösse der Wälder in Südafrika macht es unmöglich, sie hinreichend zu kontrollieren und opportunistische Verbrechen auszuschliessen.» Tatsächlich sei die Chance für Touristen oder wohlhabende Bewohner, in Südafrika Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, gering, so Newham. Dass der Fall Franziska B. die Ausnahme ist, tröstet jedoch wenige am Kap. Von ihr bleibt nur die Erinnerung am Tatort: ein Holzkreuz im Wald.