MOSKAU: Filmprojekt über Zaren-Romanze erbost die Russen

Russisch-orthodoxe Fundamentalisten wollen die Privatsphäre des letzten Zaren Nikolai II. vor einem Film über seine erste Liebschaft schützen. Die Debatte ist ähnlich wirr wie das Geschichtsbild vieler Russen.

Stefan Scholl, Moskau
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Blumen erinnern in Wladiwostok an den russischen Zar Nikolai II. (Bild: Greg Baker / AP (Wladiwostok, 10. September 2012))

Blumen erinnern in Wladiwostok an den russischen Zar Nikolai II. (Bild: Greg Baker / AP (Wladiwostok, 10. September 2012))

Stefan Scholl, Moskau


Sein Held Nikolaj II. sei ein Märtyrer, sagt Alexei Utschitel, der Regisseur. «Du bist Zar. Du kannst alles beanspruchen, nur keine Liebe», heisst es im Trailer des Films «Mathilda», den Utschitel über eine frühe Affäre des späteren Imperators mit der Balletttänzerin Mathilda Kschessinskaja dreht.

Eigentlich soll «Mathilda» im Herbst erscheinen, aber das ist ungewiss. «Dieser Film darf nicht in die Kinos kommen. Er verhöhnt und verleumdet einen der verehrtesten Heiligen unserer Kirche, den Leidensdulder Nikolai II.», erbost sich die Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja. Die fotogene Ex-Staatsanwältin, selbst eine der Kultfiguren des Krim-Anschlusses von 2014, schleppt zu ihrem TV-Interview Kartons voller Protestbriefe und Unterschriftenlisten gegen «Mathilda» mit. Sie hat Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.

«Warum provozieren, Freunde?»

Poklonskaja verdächtigt den Film auch, er beleidige Nikolai II. als Vertreter der Staatsmacht, verletze seine Privatsphäre, sein Briefgeheimnis, breche seinen Hausfrieden ... Die Zeitung «Nesawissimaja Gaseta» verweist leicht amüsiert darauf, dass Nikolai vor 100 Jahren abdankte, vor knapp 99 Jahren starb und alle Fristen zum Schutz seiner Privatgeheimnisse längst ausgelaufen sind. «Der Monarch ist nicht einfach ein Mensch», beharrt Poklonskaja. «Der Monarch ist heilig.» Und über Heilige dreht man gefälligst keine Filme, in denen nackte Frauenbrüste aufschimmern.

20000 Unterschriften hat die Parlamentarierin gegen den ungesehenen Film gesammelt, Gläubige aus Serbien und den USA unterstützen sie schriftlich, auch das Muftiat der Moslems Dagestans. Die orthodoxe Fundamentalistengruppe Christlicher Staat – Heilige Rus, die Nikolai II. als zweiten Erlöser vergöttert, drohte recht unchristlich, die Kinos anzuzünden, die «Mathilda» zeigen. Gesehen hat den Film noch keiner.

Voraufführung soll entscheiden

Der Vorsitzende des Gesellschaftsrats beim Kultusministerium, Pawel Poschigailo, verkündete, es brauche eine nichtöffentliche Voraufführung, um sein Schicksal zu entscheiden. Die Zahl der Gläubigen im Lande wachse, viele verehrten Nikoalai II. als Heiligen. «Alles endet wie mit «Charlie Hebdo». Warum provozieren, Freunde?» Utschitel sagt, er wolle zeigen, dass Nikolai der II. nicht sein eigenes Denkmal, sondern ein lebendiger Mensch gewesen sei. Geschichtswissenschaftler merken an, die Ballerina Kschessinskaja habe neben dem Thronfolger auch anderen Grossfürsten reihenweise den Kopf verdreht. Und die russisch-orthodoxe Kirche kanonisierte Nikolai II. nicht für seinen Lebenswandel, sondern dafür, dass er und seine Familie am Ende von den Bolschewisten massakriert wurden.

Klassiker sind auch nicht frei von Schlüpfrigkeiten

«Kein schlechter, ein ziemlich mittelmässiger Mensch», urteilt der Petersburger Historiker Konstantin Schukow. Es mangele der russischen Öffentlichkeit an Geschichtswissen. Statt Nikolai II., Lenin oder Stalin adäquat einzuschätzen, würden sie weiter als Mythen behandelt.

Der Schriftsteller und Donbasskämpfer Sachar Prilepin, eigentlich erklärter Antiliberaler, aber warnt: Wer Utschitels Film verbiete, müsse eine Masse russischer Klassiker aus dem Verkehr ziehen. Puschkin, Esenin und Majakowski hätten sich ebenfalls Schlüpfrigkeiten gegenüber dem Zarenhaus erlaubt. Und der kremlnahe TV-Moderator Wladimir Posdner erinnert an überzeugte Sowjetmenschen, die sich unter Chruschtschow über Boris Pasternaks Roman «Doktor Schiwago» erbosten, obwohl keiner von ihnen das verbotene Buch gelesen hatte.

Die Fronten verwirren sich, manche Köpfe auch. Vergangenes Jahr gingen am 9. Mai bei den Feiern zum Sieg über Hitlerdeutschland in Moskau Hunderttausende Menschen mit Fotos ihrer Gross- und Urgrossväter auf die Strasse, die in der Roten Armee gekämpft hatten. Natalja Poklonskaja war auch dabei. Aber sie trug eine Ikone Nikolais II.