MÜTTER: Das richtige Alter gibt es nicht

In jungen Jahren Kinder kriegen, weil man unkompliziert ist? Ab einem gewissen Alter Kinder haben, weil die Lebenserfahrung grösser ist? Zwei Frauen erzählen.

Simone Hinnen
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Mit 40 unverhofft Mutter geworden: Rita Schnyder (49, Bild oben) mit den Söhnen Leo (rechts) und Max. Mit 23 zum ersten Mal Mutter geworden: Michèle Bucher (heute 31) mit Baby Edurne, der grossen Tochter Juli sowie der mittleren Tochter Hanna. (Bilder Nadja Schärli)

Mit 40 unverhofft Mutter geworden: Rita Schnyder (49, Bild oben) mit den Söhnen Leo (rechts) und Max. Mit 23 zum ersten Mal Mutter geworden: Michèle Bucher (heute 31) mit Baby Edurne, der grossen Tochter Juli sowie der mittleren Tochter Hanna. (Bilder Nadja Schärli)

Michèle Bucher (31) und Rita Schnyder (49). Die beiden Frauen kennen sich nicht. Und doch verbindet sie einiges. Beide sind unverhofft schwanger geworden. Beide mussten durchatmen, als sie von der frohen Botschaft erfuhren. Die Luzernerin Michèle Bucher war 23 und steckte mitten im Studium; die Luzernerin Rita Schnyder war 40 und hatte mit dem Gedanken an eine Familie bereits abgeschlossen. Beide Frauen gehören somit aufgrund ihres Alters zum Zeitpunkt der Schwangerschaft zu einer Minderheit. Umso interessanter ist es, ihre Geschichten zu hören.

Ihr Rat: Nicht zu viel planen

Michèle Bucher sitzt in einer Pizzeria an ihrem Arbeitsort in Stans. Mittlerweile ist aus der 23-jährigen Mutter eine reife 31-jährige Frau geworden. Die Juristin und angehende Kantonsrätin der Grünen (sie rutscht nach) hat inzwischen drei Mädchen im Alter von 9 Monaten, beziehungsweise 6 und 8 Jahren. «Ob ich meinen Töchtern raten würde, so jung Kinder zu kriegen? In jedem Fall würde ich ihnen empfehlen, nicht alles bis aufs letzte Detail zu planen. Denn vieles kommt doch nicht so, wie man es sich erhofft. Und dann ist die Enttäuschung umso grösser.»

Michèle Bucher weiss, wovon sie spricht. Nie und nimmer hatte sie daran gedacht, sie könnte so früh Kinder kriegen. Schliesslich hatte sie noch das ganze Leben vor sich. Studienkolleginnen konnten denn auch mit den Fragen, die sich ihr stellten, wenig anfangen. Dicker Bauch, Geburt, Windeln, Stillen? Das sind keine Themen, die angehende Juristinnen interessieren.

Passanten missbilligten ihren Bauch

Dass Michèle Bucher nicht ins gängige Bild einer Schwangeren passt, gab man ihr auf offener Strasse zu verstehen. Sie wurde wegen ihres Bauches von Passanten angefeindet. «Weil man mich viel jünger schätzte, wurde meine Schwangerschaft quasi als fahrlässig angesehen.» Das war kein einfacher Start in ein Leben, das mit dem bisherigen so gar wenig gemein hatte.

Wer so jung Kinder kriegt, dem stellt sich die Frage: Soll ich das Baby behalten? «Ich würde niemanden verurteilen, der in jungen Jahren abtreibt», sagt sie und erzählt, dass ihr Hand zum Abbruch geboten wurde. Doch Michèle Bucher wollte das Kind haben. Und so kam ihre erste Tochter nach beschwerdefreier Schwangerschaft und einer geplanten Wassergeburt 2004 auf die Welt. 2006 folgte das zweite Kind – es ist von demselben Vater; anders als das erste war es geplant.

Junge Schwangere hätten viele Vorteile, ist sie sich sicher. «Ich war völlig unbekümmert, hatte keine Angst, ich könnte das Kind verlieren. Schliesslich wäre das nicht weiter schlimm gewesen.» Entsprechend hatte sie sich auch nicht geschont. «Ich habe bis Mitte Schwangerschaft im Handball-Cupfinal mitgespielt.» Und so leicht ihr das Schwangersein fiel, so einfach verliefen die Geburten. Doch so richtig glücklich war sie trotzdem nicht. 2009 trennte sich das Paar. «Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, gescheitert zu sein.»

Doch sie machte weiter. Was hätte sie auch anderes tun sollen. Während viele Gleichaltrige über zu wenig Geld und zu viel Arbeit klönen, meisterte Michèle Bucher ihr Jusstudium trotz Kinder. Ans Aufgeben hatte sie nie gedacht. Dies würde auch nicht zu ihrem Charakter passen. Sie sagt von sich: «Ich bin stressresistent und kann gut organisieren.»

Angemahnt wegen Rechnungen

2008 schloss sie ihr Studium ab – eineinhalb Jahr nach ihren Studienkolleginnen. Im Gegensatz zu diesen verbrachte sie ihre Abende zu Hause – «jahrelang», wie sie betont. Die Mädchen liess sie während dreier Tage in der Kita Campus betreuen. Aufgrund des niedrigen Einkommens waren die Betreuungskosten verhältnismässig tief. Damit das Geld reichte, nahm sie Gelegenheitsjobs an. Die Familie kam mit weniger als 4000 Franken Bruttoeinkommen aus und konnte damit leben, auch wenn manchmal fast nichts mehr auf dem Konto war. «Jung Eltern zu werden, ist aus finanzieller Sicht sicher nicht empfehlenswert», sagt sie. Beruhigt hatte sie die Aussicht, dass sie aufgrund ihrer Berufswahl in absehbarer Zukunft mit einem ausreichenden Einkommen rechnen konnte. «Zudem hatte ich bis dato noch weniger verdient, entsprechend plagten mich keine Existenzängste.»

Neue Liebe gefunden

Heute arbeitet sie drei Tage die Woche als juristische Mitarbeiterin beim Rechtsdienst des Kantons Nidwalden. Seit der Trennung vom Vater der ersten beiden Mädchen ist einiges passiert: Michèle Bucher hat sich neu verliebt; gemeinsam mit ihrem neuen Lebenspartner – einem Luftfahrt-Ingenieur aus Spanien, der mit den Kindern englisch spricht – hat sie eine Tochter. Somit lebt die Familie zu fünft. Michèle Bucher ist überzeugt: «Wer in jungen Jahren Kinder hat, nimmt vieles leichter. Wenn ich gleichaltrige Frauen beobachte, die mit 31 Jahren ihr erstes Kind zur Welt bringen, fällt mir auf, wie viele Sorgen sie sich um den Nachwuchs machen. Wie sie jedes Detail planen wollen, anstatt sich von den angeborenen Trieben leiten zu lassen.» Im Unterschied zu den ersten beiden Schwangerschaften war die dritte mit 30 Jahren mit Abstand die anstrengendste. «Ausserdem merke ich heute, dass meine Energiereserven nicht mehr dieselben sind.» Komme hinzu, dass sie viel mehr reflektiere. Plötzlich stelle sie sich Fragen wie: «Mache ich das richtig, müsste ich nicht ...?»

Mit 40 schlägt es plötzlich ein

Solche Fragen stellt sich wohl jede Mutter, so auch Rita Schnyder. Die 49-Jährige sitzt im Café im Hallenbad. Ihre beiden Söhne – mittlerweile 9 und 6 – haben Schwimmunterricht. Am Telefon sagte sie: «Ich sehe aufgrund meiner grauen Haare eher wie eine Grossmutter aus.» In der Realität dann bestätigt sich diese Beschreibung auf den ersten Blick. Schaut man jedoch genauer hin und lauscht ihren Ausführungen, so spricht hier eine dynamische Frau mit einem lebenshungrigen, verschmitzten Blick.

Keine Tests gemacht

Die Kommunikationsberaterin mit eigenem Geschäft hatte sich ursprünglich auf ein Leben ohne Kinder eingestellt. «Ich habe mich im Berufsleben engagiert und daneben ehrenamtliche Tätigkeit geleistet. Auch im Freundeskreis fanden sich kaum Familien mit Kindern, dafür unabhängige Frauen und Männer.» Als sie dann ihren heutigen Ehemann kennenlernte, entschieden sich die beiden das Leben zu zweit zu geniessen. Sie gingen länger in die Ferien, arbeiteten beide Teilzeit, schliesslich konnten sie sich dies mit einem Doppeleinkommen leisten. Dann hiess es, sie sei schwanger. Und dies mit 40 und somit in einem Alter, in welchem die Chancen, auf natürlichem Wege schwanger zu werden, deutlich sinken. Für beide Partner war klar, dass sie das Kind annehmen wollten, auch wenn es nicht gesund sein sollte. «Entsprechend lehnten wir Tests ab, zu denen uns aufgrund meines Alters geraten wurde.»

Was Rita Schnyder in der Schwangerschaft zu schaffen machte, waren körperliche Beschwerden, und: «Ich wollte wissen, was mich erwartet und alles planen. Stattdessen musste ich feststellen, wie vieles auf der Gefühlsebene abläuft.» Planbar waren die engmaschigen Kontrollen. Planen mit genügend Zeit und Spielraum wollte sie auch ihre Geburt. Doch es sollte anders kommen. Anstelle einer Hausgeburt kam ihr Sohn per Notkaiserschnitt zur Welt.

Mit zu den planbaren Dingen gehörte, dass sie und ihr Mann sich überlegten, wie der Alltag nach der Geburt aussehen sollte. Für Rita Schnyder war schnell klar, dass sie ihr Geschäft behalten wollte. «Kurz spielte ich mit dem Gedanken, mich anstellen zu lassen. Aber als selbstständig Erwerbende bin ich flexibler.» Und so meldete sie ihr erstes Kind früh in der Schwangerschaft für die Kinderkrippe an. Genau gleich machte sie dies beim zweiten, das sie mit 43 Jahren zur Welt brachte.

Externe Hilfe organisiert

Rita Schnyder bezeichnet es als Typ-Frage, wie man sein Kind erzieht. Sie selbst lässt sich immer mal wieder von schultechnischen Anforderungen in Zweifel bringen. Und dann waren da noch die strengen Nächte in der Kleinkindphase. «Damit wir nicht ans Limit kamen, teilten ich und mein Mann uns diese Aufgabe auf.» Rita Schnyder glaubt, dass ältere Mütter den Vorteil haben, gelassener auf Anforderungen der Aussenwelt ihrer Kinder zu reagieren. «Sofern so genannte ältere Jungeltern einige Jahre intensiv im Erwerbsleben standen, steht oft ein stabileres Einkommen zur Verfügung und die berufliche Laufbahn ist vorgespurt.» Insofern könnten sich diese Eltern familiäre Fremdunterstützung besser leisten. Sie und ihr Mann haben Haushaltshilfen sowie gut eingeführte Hütefrauen für ihre beiden Söhne verpflichtet. Beide Kinder wurden während der Kleinkindphase zwei Tage die Woche in der Kita betreut, die übrigen drei Tage teilten sich die Eltern die Betreuung auf.

Also überwiegen die Vorteile? Empfiehlt sie Frauen, spät schwanger zu werden? Obschon sich Umfeld, Interessen und Alltag radikal änderten, geniesst sie das Familienleben. Einen Nachteil macht sie aus: «Ich werde meine Enkel später kaum aktiv betreuen können, weil mir wohl die Kraft dazu fehlen wird.»