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MUSEUM: Marco Castellaneta: «Ich habe mir niemals erträumt, in einem Schloss zu arbeiten»

Der Luzerner Marco Castellaneta ist neuer Direktor des Museums Aargau und jetzt auch noch «Herr» über 19 Schweizer Schlösser. Vielleicht weil «Schloss» schon in seinem Namen enthalten ist?
Hans Graber
Marco Castellaneta, hier in seinem Lieblingsschloss Hallwyl. (Bild: Nadia Schärli (9. November 2016))

Marco Castellaneta, hier in seinem Lieblingsschloss Hallwyl. (Bild: Nadia Schärli (9. November 2016))

Marco Castellaneta, Sie sind seit zwei Wochen Direktor des Museums Aargau mit Arbeitsplatz Schloss Wildegg und seit Freitag auch noch Präsident des Vereins Die Schweizer Schlösser. Wie fühlt es sich so an als Schlossherr?

Schlösser strahlen immer einen gewissen Zauber aus und sind verbunden mit Bildern, die einem durch den Kopf gehen. Jetzt arbeite ich in einem Schloss, und das hat effektiv etwas Magisches an sich. Ich hatte schon einige schöne Arbeitsplätze in meinem Leben, aber der hier übertrifft wirklich alles. Er liegt im Rebhaus, mit einem fantastischen Ausblick, auf die Landschaft, auf Rebhänge, auf einen Rosengarten und aufs eigentliche Schloss – eine paradiesische Umgebung.

Und als Präsident des Vereins Die Schweizer Schlösser, dem 19 der bedeutendsten Schlösser unseres Landes angehören, hat man je ein freies Gemach, zum Beispiel in Chillon, Grandson oder Greyerz?

Gute Idee, ich werde das sofort prüfen (lacht). Im Ernst: In der Schweiz ist der Schlosstourismus noch nicht richtig verankert, vielen ist auch gar nicht so bewusst, welch grossartige Schlösser wir haben. Man denkt eher an Frankreich, an England, Schottland und so weiter. Die Schweizer Schlösser sind nicht nur eindrückliche Bauten, sondern sie liegen alle in einmaliger Umgebung. Um die Schweizer Schlosslandschaft in Erinnerung zu rufen, wurde vor zwei Jahren dieser Verein gegründet. Der erste nationale Schlössertag am 2. Oktober war denn auch ein grosser Erfolg. Jeder vierte Besucher gab dabei an, zuvor noch nie ein Schweizer Schloss besucht zu haben. Es liegt da also noch ein grosses Besucherpotenzial brach.

In Ihrem Namen ist castello, das italienische Wort für Schloss, enthalten. Wurde Ihnen der Schlossherr irgendwie in die Wiege gelegt?

Ich weiss es nicht. Als Kind wollte ich weder Pilot noch Lokomotivführer werden, aber auch nicht Museumsdirektor. Ich habe mir niemals erträumt, in einem Schloss zu arbeiten oder König zu sein. Aber wenn man mit einem solchen Namen durchs Leben geht, fällt es einem möglicherweise tatsächlich leichter, eine Verbindung zu schaffen. Castellaneta bedeutet «bei den Schlössern» oder «von den Schlössern». Das weiss ich erst seit wenigen Jahren, zuvor habe ich mich nie näher mit meinem Namen auseinandergesetzt. Mein Vater hat immer gesagt, er habe nichts mit Schlössern zu tun. Unser Name stammt aus Apulien. Ich war viele Male in der alten Heimat in Gioia del Colle mit dem schönen Castello Svevo. Aber ich kann Ihnen versichern: Keine meiner vielen Cousins oder Cousinen dort wohnt auf einem Schloss.

Aber es gibt in Apulien einen Ort Castellaneta.

Ja, der ist gar nicht so weit weg von meinem einstigen Heimatort Gioia del Colle. In einer halben Stunden Autofahrt ist man dort, und unweit davon liegt Castellaneta Marina mit einem tollen Strand im Golf von Taranto.

Und Castellaneta hat einen sehr berühmten Bürger – Stummfilmstar Rudolph Valentino, das erste ­männliche Sexsymbol der Film­geschichte …

… das endet nun aber nicht etwa in einer Frage an mich (lacht) …

… nein, nein, ich will nur dokumentieren, dass ich vorbereitet bin. Sie waren bis vor kurzem für das operative Geschäft des Schweizerischen Landesmuseums tätig. Warum der Wechsel in den Aargau? Ist das nicht eine Art Abstieg?

Nein, es war vielmehr ein logischer Schritt. Als Geschäftsführer für den Museumsbetrieb des Schweizerischen Nationalmuseums war ich für viele Projekte verantwortlich, die mit der Erweiterung und der Neueröffnung des Landesmuseums Zürich im letzten Sommer zu tun hatten. Fast gleichzeitig mit diesem Abschluss bot sich dann die Chance, im Aargau Direktor einer der wichtigsten Museumsgruppen des Landes mit sieben Standorten, darunter vier Schlösser (Anmerkung: Lenzburg, Habsburg, Hallwyl, Wildegg, dazu auch das Kloster Königsfelden, der Legionärspfad in Windisch und ab Januar auch das Vindonissa-Museum), zu werden. Da musste ich nur kurz überlegen. Die verschiedenen Schlösser und Standorte von Museum Aargau sind nationales Kulturgut, deutlich über die Hälfte unserer jährlich 250 000 Besucher kommen aus der ganzen Schweiz und dem Ausland.

Man kennt Sie in der Innerschweiz als angefressenen Fasnächtler, Sie waren Präsident der Vereinigten Guuggenmusigen, man kennt Sie auch als ehemaligen Radio-Pilatus-Moderator oder als FCL-Fan und -Verwaltungsrat. Sie moderierten TV-Sendungen, holten die Bundesliga in die Schweizer Stuben und waren Kommunikationschef bei Ringier. Mit Verlaub: Passen Museen wirklich zu Ihrer Biografie?

Ich weiss nicht, welches Bild Sie von Museen haben, ich glaube aber, es ist ein wenig verstaubt (schmunzelt). Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mit dem Schritt in die Museumswelt eine völlig andere Richtung eingeschlagen habe, für mich ist es ein nahtloser Wechsel.

Das müssen Sie erklären.

Ich bin schrittweise in die Museumswelt hineingewachsen. Auch durch meine Partnerin, welche im Kulturbereich tätig ist. Dann sicher in meiner Zeit bei Ringier, wo ich als Kommunikationschef immer wieder mit Michael Ringiers grosser Kunstsammlung zu tun hatte, unter anderem gab es eine Ausstellung im Kunstmuseum Luzern. Zuletzt hatte ich bei Ringier einen neuen Bereich aufgebaut mit Beteiligungen im Bereich Freizeit, Unterhaltung und Kultur. Der Schritt zum Schweizerischen Nationalmuseum ergab sich quasi. Man darf sich Museen auch nicht als ruhige, verschnarchte Betriebe vorstellen. Und Museen funktionieren vom Prinzip her übrigens ähnlich wie ein Medienhaus.

Nämlich wie?

Man will Geschichten erzählen. Dafür trägt man zuerst die Zutaten zusammen, man sammelt Ideen, recherchiert, überlegt sich Umsetzungsmassnahmen. Man wirbt um das Publikum, kümmert sich nach dem Besuch um die Rückmeldungen. So entsteht ein Dialog mit sehr vielen Leuten. Die Schweizer Museen verzeichneten letztes Jahr über 20 Millionen Eintritte. Die Vorstellung, dass da bestenfalls an Regensonntagen ein paar Nasen sich in ein Museum verirren, ist also völlig falsch.

Ich stelle jetzt trotzdem mal die These auf: Museen können noch so moderne Konzepte mit Multimedia und Interaktion und weiss der Teufel was haben – etwas Verstaubtes haftet ihnen gleichwohl an. Was entgegnen Sie mir?

Wenn man etwas einfach liegen lässt, dann setzt es Staub an und verrottet am Ende. Und dann gehört es wohl auch nicht in eine Sammlung oder in ein Museum. Museen jedoch sammeln und bewahren Objekte, die es wert sind, dass sie der Nachwelt erhalten bleiben – und diese haben keinen Staub (schmunzelt). Museen vermitteln allenfalls eine gewisse Ruhe, sie erlauben Innehalten und Reflexion, und sie stiften so Halt und Identität. Ich habe in den letzten Jahren viele tolle Museen auf der ganzen Welt gesehen. Sie sind eine Gegenwelt zu den aktuellen Megatrends: Globalisierung, Digitalisierung, alles immer schneller, immer kurzfristiger, heute gehypt, morgen vergessen.

Via Internet kann man heute auch in die Vergangenheit eintauchen. Wer will, findet dort jede beliebige Information zu jeder Stadt, jedem Land, jeder Epoche, jeder Zeitströmung, jeder Persönlichkeit, ohne sich vom Stuhl erheben zu müssen. Können elektronische Medien Museen verdrängen?

Diese Befurchtung gab es. Meine feste Uberzeugung aber ist – und das ist der Reiz der Museen: Es gibt nur ein Original. Ein im Internet abgebildetes Objekt hat nie dieselbe Wirkung, wie wenn man vor ihm im Museum steht. In unseren Häusern kann man obendrauf Geschichte am originalen Schauplatz erleben. Die virtuelle Welt kann nie Echtes ersetzen, aber sie hat auch Positives: Das Internet kann Ausloser sein, das Original zu besuchen. Diese Erfahrung machen viele Museen, deshalb ist das Internet keine Konkurrenz.

Sie sind Kommunikationsprofi, verbunden mit der Aufgabe, Häuser möglichst gut zu füllen. Ist das für Sie vor allem Business oder effektiv auch eine Herzensangelegenheit?

Etwas zugespitzt formuliert: Man kann nichts erfolgreich verkaufen, das man nicht selber gern hat. Herzblut gehört auf jeden Fall dazu. Das ist meine feste Überzeugung. Natürlich habe ich auch die Aufgabe, die Besucherzahlen zu halten oder auch zu steigern. Aber egal, wo man tätig ist: Zahlen kann man nur erreichen, wenn Leidenschaft und Liebe zur Sache mit dabei sind. Und die habe ich für Museen, auch wenn ich als Direktor eines Betriebes mit sieben verschiedenen Standorten primär Managerfunktionen mit vielen Koordinationsaufgaben ausübe.

Sie dürfen eine kurze ­Werbebotschaft formulieren: Welche drei der sieben Standorte des Museums Aargau soll man von der Innerschweiz aus am ehesten besuchen?

Zuerst meine alte Liebe, das Wasserschloss Hallwyl, eine zauberhafte Natur- und Kultur-Oase, die von der Innerschweiz via Seetal auch schnell erreichbar ist. Dann sicher der Legionärspfad in Windisch, den ich zuvor nicht gekannt habe. Man taucht ein in die Geschichte des einzigen römischen Legionslagers in die Schweiz. Am Schluss der spannenden Tour ist man selber fit für die Legion. Und natürlich ist für jede Familie und jedes Kind der Besuch der Ritter- und Drachenburg Lenzburg ein absolutes Muss.

Wohnen Sie nun auch im Aargau?

Nein, ich wohne hauptsächlich weiterhin in der Luzerner Altstadt, wie schon seit Jahrzehnten, dort hatte bereits meine Grossmutter einen Hutladen. Ich bin ebenfalls seit Kindsbeinen Fasnächtler und FCL-Fan, und ich habe in Luzern meine Familie und Freunde – meine Wurzeln. Die geben mir Kraft. Zudem ist Luzern einfach eine wunderschöne Stadt. Ich bin auch nach all den Jahren immer wieder angetan von ihr. Man kann mir einen voll klischierten Blick unterstellen, das mag sein, aber ich mag genau diesen Blick trotzdem.

Luzern als Konstante in einem wechselvollen Berufsleben?

Ich bin in einem beruflich reich gefüllten Leben unterwegs und hatte immer wieder tolle Möglichkeiten. Für mein Empfinden gleicht mein Berufsweg am ehesten einem laufenden Fluss. Aber richtig ist, Luzern ist immer die Konstante geblieben. Hier bin ich immer sesshaft geblieben. Das war und ist mir wichtig.

Fehlt es an nichts in Luzern?

Doch, am Meer (lacht), ganz eindeutig.

Über den Aargau wird speziell in der Innerschweiz gerne ein wenig geschnödet. Wie erleben Sie diesen Kanton, wie wurden Sie empfangen?

Mit einer enormen Wärme. Ich hatte und habe grossen Respekt vor meiner neuen Aufgabe. Aargau und Innerschweiz sind ja auch nicht völlig andere Welten, es gibt in jeder Hinsicht grosse Berührungspunkte, aber man ist dann auf eine Art eben doch ein «Fremder». Ich wusste schon einiges über diesen Kanton, habe aber vor dem Stellenantritt noch altes Schulwissen aufpoliert. Meine ersten Eindrücke: Der Aargau ist sehr offen, man spürt natürlich auch, dass er keine Zentrumsstadt hat. Ich erlebe das als Wohltat, weil man in jedem Kantonsteil etwas Eigenes spürt, auch nur schon bezüglich den Dialektausprägungen mit Einflüssen aus Bern-, Zürich-, Luzern- und Baseldeutsch. Wer nicht gerade Grossstadtjäger ist, kann sich im Aargau schnell heimisch fühlen.

Fussballmatches, Fasnacht mit Guuggenmusig (Altstadtkanonen) – was läuft sonst noch in Ihrer Freizeit?

Viel Sport. Ich spiele nach wie vor viel Tennis und bin mit dem Mountainbike pro Jahr sicher 20 Mal auf die Fräkmüntegg. Oder sagen wir auf der Krienseregg, die liegt nicht ganz so hoch, ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste (lacht). Zudem mache ich viel Musik, ich war schon immer ein Musikmensch und mache auch mal Aufnahmen mit Klavier und Gesang zu Hause.

Was?

Im Moment vor allem wieder Mundart, Cantautore, Singer/Songwriter, aber auf einer bescheidenen Stufe. Nicht bühnentauglich.

Gibt es Tonträger?

Ja, eine unveröffentlichte, aber fast fertig produzierte CD mit Canzoni und dem Titel «Pasta e basta». Auch Konzerte waren vorgesehen. Aber in dieser Zeit wurde ich Kommunikationschef bei Ringier, und man hat ja eine gewisse Verantwortung gegen- uber dem Arbeitgeber (schmunzelt). Das Risiko der Rufschädigung wollte ich nicht eingehen.

Frage zum Schluss: Gibt es wirklich Schlossgeister?

Aber natürlich. Man sieht sie sogar, aber … erst nach dem 100. Besuch eines Schlosses im Aargau.

Interview: Hans Graber

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