MUSIK: Er füllt gern die grossen Säle

Heute Abend dirigiert er im KKL eine Marschmusik-Gala. Alleine darauf sollte man Christoph Walter aus Triengen nicht reduzieren: Der Bandleader, Komponist und Arrangeur kann auch anders. Er will nur eines: viele Leute unterhalten.

Interview Hans Graber
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«Wenn Musik berührt, ist sie gut, ob das nun Klassik oder Pop ist oder ein Marsch»: Christoph Walter, Mitte letzter Woche im KKL. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

«Wenn Musik berührt, ist sie gut, ob das nun Klassik oder Pop ist oder ein Marsch»: Christoph Walter, Mitte letzter Woche im KKL. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Zwar sind Sie seit kurzem nicht mehr in der Armee dabei, aber trotzdem: Sind Sie ein Militärkopf?

Christoph Walter: Überhaupt nicht, ich bin in erster Linie Musiker, habe das Konservatorium abgeschlossen und bin in jungen Jahren als Ausbildner zur Militärmusik gekommen. Ich war 20 Jahre Berufsoffizier bei der Militärmusik, war Instruktor, habe das Armee-Repräsentationsorchester und die Swiss Army Concert Band aufgebaut und geleitet ...

... halt doch sehr viel Militär.

Walter: Ja, es war da schon ein Virus in mir drin, den ich durch das Elternhaus eingepflanzt bekam. Mein Vater hat die Dorfmusik dirigiert und war als Milizler Militärspielführer. Das hat mich sicher geprägt. Aber als Militärkopf würde ich mich trotzdem nicht bezeichnen. Gerade im Militärspiel geht es nicht primär um Hierarchien und sture Befehlsausführung, sondern um die Musik, ums Fachwissen, um die Ausstrahlung, um den Erfolg – wobei, es gibt schon auch Instruktoren, denen das Militärische wichtiger ist. Aber ich gehörte definitiv nicht dazu, ich war immer eher der Fremdkörper.

Ich habe mir aber sagen lassen, dass Sie – ob im Militär oder anderen Orchestern – Ihre Musiker auch hart anpacken und teils einen recht scharfen Ton drauf haben.

Walter: Das mag vorgekommen sein. Ich wollte einfach das Beste herausholen und mag nicht, wenn «blööterlet» wird. Für mich muss ein Musiker – egal wo – die Musik spüren und riechen können. Er muss sie leben. Wenn ich fünf Mal den Unterschied zwischen Quinte und Quarte erklären muss und es dann immer noch nicht klappt, konnte mir schon mal die Galle hochgehen. Und das kann es auch heute noch. Ich weiss, dass ich mit meiner direkten Art manchmal verletzend bin, und ich bin froh, wenn mir meine Frau dann mal den Spiegel hinhält.

Warum sind Sie nach 20 Jahren weg vom Militär?

Walter: Ich habe mich im Kreis bewegt, immer wieder dasselbe erzählt. Die jungen Leute, die in die RS kommen, sind immer gleich jung, und das Produkt Militärmusik konnte ich nicht mehr weiter hinauffahren, der Höhepunkt war erreicht. Ich bewege mich gerne auf der risikoreichen Seite des Lebens und suchte eine neue Herausforderung.

Und was haben Sie gefunden?

Walter: Seit Anfang Jahr bin ich absolut selbstständig und habe ein eigenes Orchester mit 33 Profi-Musikern. Klar, es machen alle nebenher noch viel anderes, auch ich, aber trotzdem ist es ein gewagtes Unterfangen. Ich hätte es mir in der Armee mit dem Gehalt eines Majors und früher Pension weit einfacher machen können. Aber ich wollte einfach etwas anderes, was nicht heisst, dass ich die Zeit davor bereue. Das Militär hat mir einiges gegeben.

Was denn?

Walter: Es gibt immer Hochs und Tiefs im Leben, und meine erste grössere Krise hatte ich zwischen 30 und 33. Ich hatte gesundheitliche Probleme, stand in der Scheidung, meine Eltern liessen sich nach 35 Jahren scheiden, die Mutter starb – das alles hat mir zugesetzt. Ich habe damals eine Beratung aufgesucht, und dabei stellte sich heraus, dass das Militär für mich effektiv der richtige Weg gewesen war. Es gab mir Strukturen, Leitplanken und auch ein gutes Einkommen, was ich als freischaffender junger Musiker wohl kaum gehabt hätte. Aber irgendwann musste ich auch ohne diese Leitplanken auskommen, und Anfang 2013 habe ich nun den Schritt in die 100-prozentige Selbstständigkeit gewagt.

Abschied vom Militär – aber nicht von der Militärmusik. Sie dirigieren heute Abend eine Marschmusik-Gala im KKL. Marschmusik hat zwar ein treues Publikum – ich kenne aber auch Leute, die körperliche Schmerzen spüren, wenn sie Märsche hören.

Walter: In meinem Bekanntenkreis kriegt zwar niemand gleich Kopfweh oder Ausschläge wegen Marschmusik, aber es gibt schon auch welche, die mir sagen, sie würden gerne wieder an ein nächstes Konzert von mir kommen, wenn keine Märsche im Programm sind.

Sind Märsche Ihre Lieblingsmusik?

Walter: Ich bin grundsätzlich offen für alle Musikrichtungen. Ich bin wegen der jodelnden Mutter mit Volksmusik aufgewachsen, habe in der Dorfmusik Trompete gespielt, ich habe klassische Musik studiert und hätte auch Jazz studiert, wenn das möglich gewesen wäre. Deshalb fällt es mir schwer, etwas als Lieblingsmusik zu bezeichnen. Ich mache alles gerne, und mein Produkt ist die Vielseitigkeit.

Aber Märsche sind Herzenssache?

Walter: Durchaus, über alle Musikstile betrachtet, ist der Marsch in seiner musikalischen Aussage und in seiner Melodie sehr positiv. Die Triomelodien gehen direkt ins Herz, sie zu spielen, macht Freude, übrigens auch vielen Profis, die sonst in Symphonieorchestern zu Hause sind. Wenn Märsche nicht durch Pauken und Trommeln buchstäblich totgeschlagen werden, haben die einen sehr reizvollen Drive.

Märsche erzeugen aber immer auch Bilder von Gleichschritt, Achtungsstellung und Krieg.

Walter: Dass das vereinzelt so gesehen wird, kann ich mir schon vorstellen, aber ich mache sicher keine Kriegsmusik, ich interpretiere Märsche sehr leicht. Und Marschmusik kann auch ganz andere Bilder auslösen: Feste, Feiern, Freude. Ich spüre beim Marsch positive Schwingungen. Sie nicht?

Doch, als ehemaliger Trompeter der Kadettenmusik bin ich auch infiziert, und obwohl heute vorab Rock und Pop und Folk zugetan, habe ich ein Faible für Märsche. Aber zackig und schmissig muss es sein, wie auf einer alten Doppel-CD von Karajan mit den Berliner Philharmonikern. Preussische und österreichische Militärmärsche, uralte Knaller. Neues gibt es da ja eh nicht.

Walter: Das hat was für sich, es ist aber auch nicht einfach, Neues zu komponieren. Ich selber habe bislang 30 Märsche geschrieben, meist als Auftragsarbeit. Praktisch alle wünschen sich Märsche im traditionellen Stil, angelehnt an «Alte Kameraden» oder den «San Carlo». Neue Märsche gibt es zwar schon tolle, aber die können nicht alle spielen, und so greift man halt in den Dorfmusiken aufs Bewährte zurück. Nur ist ja das bei den klassischen Symphonien nicht anders: Im 18. und 19. Jahrhundert wurden geschätzte 25 000 geschrieben – gespielt werden immer wieder die gleichen, überlebt haben nur die allerbesten.

Sie haben gesagt, offen für alle Musikrichtungen zu sein. Frech gesagt: Sie machen alles ein bisschen – aber nichts richtig.

Walter: Ich habe mich schon spezialisiert, auf Unterhaltung, Easy Listening, Märsche sind ein Nebengleis. Unterhaltungsmusik und Easy Listening mache ich mit Leidenschaft, aber ich weiss, dass man diesen Stil speziell unter Musikern und Kritikern geringschätzt und als «Fahrstuhlmusik» abqualifiziert.

Schmerzt Sie das?

Walter: Für mich gibt es nur zwei Kriterien: Wenn Musik berührt, ist sie gut, egal, welcher Stil es ist. Wenn sie nicht berührt, ist es schade. Natürlich berührt nicht alle dasselbe, aber Musik, die andere Menschen berührt, als etwas Minderes abzutun, finde ich fragwürdig. Genauso fragwürdig wie jene Musiker, die sich zu gut finden, zum Beispiel als studierte Akkordeonistin mal eine Jodlerin zu begleiten oder als studierte Jazzer mal irgendwo einzuspringen und einen Marsch zu spielen. Da fällt doch niemandem ein Zacken aus der Krone, und man verdient meist sogar noch etwas dabei. Die allermeisten Musiker könnten das gut gebrauchen, aber viele träumen halt lieber weiter von der ganz grossen Karriere.

Sie füllen mit Ihren Orchestern grosse Säle – also machen Sie gute Musik?

Walter: Zumindest gefällt sie vielen Menschen. Ich mache Unterhaltung und Entertainment, und es kommt gut an. Mehr kann ich mir nicht wünschen.

Welche Musik hören Sie im Auto und privat?

Walter: Keine. Ich hatte die letzten acht Jahre nicht mal eine Anlage zu Hause. Aber ich habe ständig Musik im Kopf, bin am Komponieren und Arrangieren. Aktuelle Strömungen nehme ich schon wahr, aber das meiste davon ist sehr kurzlebig.?

Und selber Musik machen?

Walter: Da schaue ich schon, dass das nicht einschläft. Klavier, Trompete und Schlagzeug sind meine Instrumente, zudem habe ich eine Handorgel zu Hause. Letzte Woche habe ich an einem Konzert Trompete gespielt, kürzlich sass ich beim Konzert von Il Divo am Klavier. Deshalb muss ich immer etwas dran bleiben. Aber eine Familienkapelle Walter gibt es nicht.

Auf der Bühne bewegen Sie sich als Dirigent showmässig. Mussten Sie das üben?

Walter: Nein, das bin einfach ich, und ich fühle mich auf der Bühne wohl, ich liebe das. Beim Militär durfte man ja früher den Hintern nicht mal bewegen, doch weil ich gerne mitgehe und mitlebe mit der Musik, habe ich mich mal darüber hinweggesetzt – da kam der Erfolg (lacht). Aber ich bin kein Tänzer, absolut nicht. Ich habe nicht mal mit meiner Frau den Hochzeitstanz machen können.

Dass Sie am Dirigentenpult stehen, war immer klar?

Walter: Ja, ich wollte nie ins Orchester, ich war schon immer ein musikalischer Allrounder.

Wenn es den Musiker Walter nicht geben würde, was wäre er dann?

Walter: Wahrscheinlich nichts (lacht). Der Vater hatte ein Baugeschäft, eine Zeit lang stand zur Diskussion, dass ich das einmal übernehmen könnte, aber es hat mich immer zur Musik gezogen, und ich konnte gleich nach der Sek Musik studieren. Ich glaube, Musik ist meine Bestimmung. Sie ist mir noch nie verleidet. Und ich hatte immer Glück im Leben.

Schön, wenn man das sagen kann.

Walter: Ja, einseitige Veranlagungen können zwar ein Problem sein, manchmal aber auch die Lösung. Ich habe Kollegen, die sind unglaublich vielseitig. Aber die armen Kerle wissen manchmal gar nicht, was sie nun mit all ihren vielen Talenten genau machen sollen.

Wie entspannen Sie?

Walter: Leider etwas zu wenig, aber ich gehe Velo fahren, wandern – überhaupt, die Berge, dort erhole ich mich am besten.

Mit der Familie?

Walter: Für die Erholung ehrlich gesagt am liebsten alleine. Meine Frau hatte gehofft, dass nach der Militärzeit diesbezüglich bessere Zeiten kommen, aber es hat sich nun etwas anders entwickelt. Ich weiss, dass die Familie zu kurz kommt, aber im Moment muss ich wegen der neuen Ziele meine Kräfte bündeln.

Und was sind diese Ziele?

Walter: (überlegt lange) Mein Homöopath hat mich neulich gefragt, was meine Lebensaufgabe sei. Ich fand das eine blöde Frage und habe ihn gefragt, ob er eine Antwort wisse. Er sagte, dass ich 100 000 Leute bezirzen wolle, das wisse er längst, aber ob es denn wirklich nicht noch anderes gäbe. Vielleicht hat er Recht mit der Einschätzung meiner Einseitigkeit. Mir selber ist das nicht so bewusst, und ich mache Musik nicht aus egoistischen Motiven. Ich mache Musik, weil ich das fürs Leben gern mache. Es gibt nichts Schöneres, als auf die Bühne zu kommen und im Orchester legen die Streicher los. Ein Wahnsinnsgefühl. Ich geniesse das wirklich sehr.

Weil Sie im Mittelpunkt sind?

Walter: Zuoberst steht das Gesamterlebnis, aber selbstverständlich tut es einem gut, wenn man es mit einer persönlichen Note versehen hat, mit eigenen Arrangements, mit einer eigenen Komposition. Meine Handschrift muss erkennbar sein, erst dann stimmt es für mich, das gebe ich offen zu.

Sind Sie ein Star?

Walter: Nein, und ich bin mit 46 auch definitiv nicht mehr auf dem Weg zum Star. Aber ich schätze es, wenn der Erfolg da ist, gerade jetzt auch als Selbstständiger. Ich erachte das auch etwas als Lohn dafür, dass ich in den letzten 20 Jahren immer gewirkt und gearbeitet habe.

Sie sind kein Innerschweizer, wohnen aber in Triengen, weshalb?

Walter: Ich bin in Glarus geborgen und auf dem Hirzel aufgewachsen, beruflich kam ich dann wegen der Militärmusik nach Aarau, und deshalb bin ich im Kanton Luzern gelandet.

Das müssen Sie erklären.

Walter: Ich wollte um keinen Preis eine AG-Nummer am Auto. «AG – Achtung Gefahr», das habe ich vom Vater viel gehört, als wir vom Hirzel jeweils nach Zürich gingen. Deshalb kam ich nach Triengen, weil das nicht weit von Aarau entfernt ist, aber immerhin in einem anderen Kanton liegt (lacht schallend).

Eine gute Geschichte, aber Sie beleidigen mich, denn ich habe Aargauer Wurzeln, auf die ich stolz bin.

Walter: Ach, die Geschichte stimmt zwar, aber so tierisch ernst ist sie ja trotzdem nicht zu nehmen. Ich könnte im Prinzip überall leben, in Los Angeles oder in Triengen. Triengen hat den Vorteil, dass es super zentral gelegen ist. Trotzdem, ein rüüdiger Luzerner bin ich nicht und werde es auch nie. Ich bin einfach überall zu Hause, musikalisch und örtlich..