MUSIK: «Wir müssen wieder lernen, das Holzschwert zu zücken»

Endo Anaconda (59) kommt auf seiner Jubiläumstournee diesen Donnerstag nach Luzern. Im Interview redet sich der Sänger in Feuer: über Mainstream, seinen Kampf gegen den Kapitalismus – und das nahende Karriereende.

Interview Stefan Künzli Mitarbeit Hag
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«Wir sind eine ausgesprochene Liveband.» (Bild: Keystone)

«Wir sind eine ausgesprochene Liveband.» (Bild: Keystone)

Endo Anaconda, spüren Sie auch den Frühling?

Endo Anaconda: Ja, in den Schleim­häuten, ich reagiere allergisch auf Pollen. Von Schmetterlingen im Bauch spüre ich aber leider noch gar nichts, da flattern höchstens Fledermäuse herum.

Es ist Ihr 60. Frühling. Im Herbst werden Sie 60. Gibts ein grosses Fest?

Anaconda: Um Gottes willen, nein, ich hasse Geburtstage! Ich bezweifle nämlich mein angebliches Geburtsdatum. Meine Mutter hat drum – wohl nicht ganz ernst gemeint – behauptet, dass früher die Zigeuner die kleinen Kinder mitgenommen hätten, mich aber hätten sie vor die Türe gekippt.

Noch ein Jubiläum: Vor gut 25 Jahren, im Mai 1989, kam die Band Stiller Has auf die Welt. Eine lange Zeit?

Anaconda: Überhaupt nicht. Mir kommt es vor, wie wenn es gestern gewesen wäre. Der Has ist ziemlich flott durch die Zeit gerast. Vielleicht ist es auch ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass ich in meinem Beruf aufgehe. Seit sieben Jahren rast die Zeit noch schneller.

Irgendwie beängstigend.

Anaconda: Schon. Vielleicht brauche ich deshalb jetzt eine mehrmonatige Auszeit. Um Carlos Castaneda zu lesen, der in seinem Buch «Die Lehren des Don Juan» die Zeit aufhalten will.

Was war der grösste Fehlentscheid in den 25 Jahren?

Anaconda: Stiller Has sind eine Geschichte des Erfolgs. Wir hätten es aber weiter bringen können. Vor allem nach dem Gewinn des Salzburger Stiers und des deutschen Kleinkunstpreises 1995. Wir hätten grösseren Wert auf die musika­lische Umsetzung legen und mehr in Deutschland und Österreich spielen sollen. Der damalige Dilettantismus hatte seinen Charme und war auch Attitüde. Wir zeigten der gängigen Ästhetik unseren Stinkefinger, und irgendwie passen wir auch heute nicht richtig in die Landschaft.

Die heutige Formation mit Schifer Schafer, Salome Buser und Markus Fürst besteht seit 2008. Das harmoniert offenbar.

Anaconda: Ja. Schifer Schafer ist der musikalische Leiter, und es ist sein Verdienst, dass dieses Quartett mit so wenigen Zutaten einen solchen Krawall machen kann. Ich bin kein Musiker, und mein Anspruch an eine Band ist, dass sie meine Texte passend umsetzt. Das gelingt heute so gut wie noch nie.

Aber in den Anfangsjahren waren Sie komödiantischer als heute.

Anaconda: Ich habe meine Texte nie komödiantisch verstanden. Mein Humor ist sarkastisch. Viele können damit nichts anfangen, aber mit dem Humor von Peach Weber oder Andreas Thiel geht es mir gleich. Uneingeschränkte Zustimmung geniessen nur Langweiler wie Carlos Leal. Unsere Lieder und Texte bleiben dafür hängen. Sie müssen polarisieren. Alles, was in der Beschwerdeabteilung der Radios landet, polarisiert. Alles, was in diesem Land zum Nachdenken anregt, polarisiert.

Welches ist Ihr Lieblingsalbum von Stiller Has?

Anaconda: Für mich ist immer das ak­tuelle Album das liebste. «Alterswild» besonders, weil die Livesituation die Band so wiedergibt, wie sie tatsächlich tönt. Wir sind eine ausgesprochene Liveband, unsere Qualitäten, die Interaktion und der Witz, kommen auf der Bühne am besten zur Geltung. Auf dem Gurten, wo SRF das Konzert für das aktuelle Live­album aufgenommen hat, waren wir bestens eingespielt und elektrifiziert von der Menschenmenge. Ich war gerührt.

Nächste Woche gastieren Sie in der Schüür Luzern. Polo Hofer hat immer gewusst, wie oft er schon in Luzern aufgetreten ist. Sie auch?

Anaconda: Polo hat ein Mitarbeiterteam, das Zeit hat mitzuzählen. (lacht) Auf alle Fälle gehöre ich in Luzern schon fast zum Inventar – ich komme immer wieder sehr gerne, Luzern hat es immer gut mit mir gemeint. Zudem hat Luzern das schönste Licht der ganzen Schweiz. Überhaupt, Luzern hat irgendwie Klasse.

Jetzt müssen Sie aber auch noch was Böses sagen über Luzern ...

Anaconda: Mit der Fasnacht kann ich gar nichts anfangen. Vor diesem hellen Wahnsinn auf den Gassen fürchte selbst ich mich. Da bleibe ich lieber beim Ferdi im Hotel Rebstock.

Sie erreichen mit Ihrer Musik auch Junge. Haben Sie eine Erklärung?

Anaconda: Vielleicht, weil die Schweizer Jugend schon im Kindergarten mit dem Song «Grusig, grusig» traktiert wurde. Aber vielleicht noch mehr, weil wir immer noch etwas Unangepasstes symbolisieren. Wir sind Rock ’n’ Roll, und Rock ’n’ Roll hat weniger mit dem Alter als mit einer Haltung zu tun. Wer Roger Köppel für eine Laudatio einlädt, der repräsentiert nicht das, was die Jugend heute unter einem «dirty old uncle» versteht. Ich bin ein «dirty old uncle».

Welches sind Ihre Lieblingslieder?

Anaconda: «So verdorbe», «Walliselle» oder «Moudi» sind geniale Nummern, und «Znüni näh» trifft die Schweizer Seele, geht durch Mark und Bein.

Was sagen Sie zur These, dass Stiller Has heute angepasster, anerkannter und mainstreamiger sind als in der subversiven Anfangsphase?

Anaconda: Folgendes bitte wörtlich drucken: Was Mainstream ist, kann man täglich im Tagesprogramm des staatlichen Radios hören, und bei den Privaten wird auch nur «Heo-heo» gespielt, wie Hannah Montana auf Crack. Mainstream ist heute Spotify, «Grösste Schweizer Talente», Marc Sway und Gilbert Gress. Mainstream ist das, was von «Blick» und «Glanz & Gloria» aufgeblasen wird, aber eigentlich keinen Erfolg hat. Mainstream, das sind 80 verkaufte Billette im «Stadtkeller» in Luzern, wenn 280 hineinpassen. Die wichtigen Sachen passieren an der Peripherie. Mainstream bedeutet Erfolglosigkeit. Mainstream ist wie die Immobilienblase, die nächstens platzt, wenn wir sie nicht mit Asylanten füllen. Auch der ganze Vernetzungswahn ist Mainstream. Die Leute wollen eine gedruckte Zeitung lesen, nicht die heruntergeladene Version auf dem Tablet, sie wollen eine physische CD, nicht Spotify mit zwei Millionen Titeln. Unsere CD-Verkäufe sind jedenfalls in den letzten Jahren konstant geblieben.

Leugnen Sie die digitale Revolution?

Anaconda: Wir müssen nicht alles glauben, was uns die futuristischen Wirr­köpfe weismachen wollen. 40 Prozent aller Arbeitsplätze seien überflüssig, wird uns eingetrichtert. Das ist doch dummes Wunschdenken von irgendwelchen Gates oder Zuckerbergs. Wenn alles automatisiert ist, wir nichts mehr selber machen müssen, was machen wir dann mit der Zeit? Wir treffen auch niemanden mehr, weil wir alles am Monitor erledigen. Langweilig, öde. Das ist eine Schreckensvision, eine idiotische Vorstellung, weil sie den Menschen vergisst. Werte werden über die Arbeit geschaffen. Aber was ist, wenn es diese Arbeit nicht mehr gibt? Die Gesellschaft der Zukunft ist total verblödet. Leute, die ohne Google den Zebrastreifen nicht mehr finden und überfahren werden. Sie wird von einer Minderheit regiert, die man entmachten kann, indem man ein paar Glasfaserkabel durchschneidet.

Wenn Sie gleich viele CDs verkaufen wie früher, sind Sie eine Ausnahme?

Anaconda: Als Musiker muss man umdenken. Wenn es keine CD-Läden mehr gibt, muss man die CD halt zu den Leuten bringen und an Konzerten verkaufen. Man lebt als Schweizer Musiker nicht schlecht, aber man muss etwas riskieren. Charisma und Erfolg bei den Leuten kann man nicht herbeisubventionieren. Die grösste Ungerechtigkeit ist aber, dass unsere Urheberrechte, europaweit einzigartig, nicht geschützt werden. Wie soll man da seine Steuern bezahlen?

Bei unserem letzten Interview vor zwei Jahren erzählten Sie, dass Sie Ihre Steuern nicht bezahlen können.

Anaconda: Das stimmt. Inzwischen konnte ich umschulden, und von meinem Altersguthaben ist kaum noch etwas da. Ich bin ins Emmental gezogen, weil ich mir Bern nicht mehr leisten konnte. Mein Problem ist, dass meine drei Kinder in der Ausbildung sind und ich eine zu grosse Frauenquote hatte und daher Alimente zahlen muss, was ich im Grunde gerne mache. Wenn nicht etwas passiert, dann werde ich armengenössig. Aber ich werde ja eh nicht alt. Und ich bin wohl einfach zu frech und zu aufmüpfig, als dass ich irgendwann einmal einen Kulturpreis kriegen würde oder 22 000 Franken für einen Soloauftritt an einer Bundesratsparty wie der Bastian Baker.

Ich bin überzeugt, dass Sie Ihre Preise noch kriegen werden.

Anaconda: Aber erst, wenn ich tot bin. Darauf muss ich keine Rücksicht nehmen. Ich werde jede Möglichkeit nutzen, um gegen diesen Finanz- und Wachstumswahn anzutreten. Die ganzen Gelddruckaktionen dienen nur dazu, die Speku­lationsblase am Leben zu erhalten. Ich finde, man sollte europaweit die Drachme einführen. Das globale Wirtschaftssystem ist krank, aber alle haben Angst, das zu ändern. Ich möchte den Jungen Tipps für gewaltfreie Aktionen geben.

Star-Ökonom Jeremy Rifkin glaubt, dass sich der Kapitalismus selber auflöst.

Anaconda: Das glaube ich auch. Er wird sich in kleinen geschützten Inseln verbarrikadieren, umgeben von Stacheldraht und beschützt von den Hells Angels. Gehasst von der ganzen Menschheit. Wenn die letzten Ressourcen verpulvert sind, werden wir die Milliardäre fressen.

Wie geht es mit Stiller Has weiter?

Anaconda: Ich will noch ein letztes, gutes Studioalbum machen, das Ende 2016 erscheinen soll. Es wird von Mythen handeln, Mythen der Jugend. Es geht mir darum, das Holzschwert der Jugend zu bewahren. Als ich ein Kind war, erzählte mir meine Grossmutter eine Geschichte vom tyrannischen Landvogt Tribollet vom Schloss Trachselwald, der die Bauern knechtete. Bei Vollmond, so meine Grossmutter, geistere der Landvogt immer noch um das Schloss herum und treibe sein Unwesen. So bin ich als damals Sechsjähriger mit meinem Holzschwert bewaffnet zum Schloss gegangen, um den bösen Landvogt zu vermöbeln. Natürlich ist er nicht gekommen, aber ich war bereit!

Was meinen Sie damit?

Anaconda: Wir müssen wieder lernen, unser Holzschwert zu zücken. Wir müssen wieder den Mut fassen wie damals in unserer Kindheit, als wir die Drachen besiegen wollten. Wir müssen die Angst überwinden, zum Beispiel die Mietzinsreduktionen einfordern, die uns seit Jahren zustehen. Mit dem Holzschwert, un­serer Zivilcourage. Darum wird es im Album gehen. Lee van Cleef, dieser Böse­wicht aus den Italo-Western, ist auch eine solche Figur, die ich besingen werde.

Und danach?

Anaconda: Ein «Best of ...» und vielleicht noch ein Livealbum, dann gehe ich im Alter von 65 Jahren in Pension. Dabei werde ich mich sicher nicht das ganze Jahr in der Schweiz aufhalten. Ich werde schon noch auftreten, aber nur noch auf Anfrage. Ich werde mich nicht mehr um Konzerte bemühen und habe dafür Zeit für anderes.

Zum Beispiel?

Anaconda: Sicher nicht für ein Musical. Die Macher des Musicals «Aida» in Thun waren froh, dass sie meinen Namen nutzen konnten. Aber ich war wie ein starres Bühnenbild und habe es wirklich nur wegen des Geldes getan. Respekt vor den Sängern, Tänzern und Handwerkern und dem Orchester, aber der Stoff ist historisch ein Humbug und musikalischer Fast-Food-Kitsch. Ich bete zu Gott, dass ich aus purer Geldnot nie mehr solchen Mist machen muss. Bei der Barry-Werbung ist das anders. Ich stehe hinter Schweizer Gemüse und Früchten und dieser Art Werbung. Dazu bin ich am Schreiben: Kurzgeschichten und Gedichte. Vielleicht engagiere ich mich auch zusammen mit Jean Ziegler für die Juso. (lacht) Aber vor allem will ich mich vermehrt meinen drei Kindern widmen. Meinem Sohn, der mich braucht, mit meinem sechsjährigen Töchterlein, meinem Sonnenschein, will ich dichten und mit meiner älteren Tochter philosophieren.

Interview Stefan Künzli

 

Endo Anaconda: «Ich bin wohl einfach zu aufmüpfig, als dass ich irgendwann einmal einen Kulturpreis kriegen würde.» (Bild: Marco Zanoni/Lunax)

Endo Anaconda: «Ich bin wohl einfach zu aufmüpfig, als dass ich irgendwann einmal einen Kulturpreis kriegen würde.» (Bild: Marco Zanoni/Lunax)