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NACHBARSCHAFT: Am besten mit Abstand

Der deutsche Soziologe Sebastian Kurtenbach erklärt, warum eine geteilte Vorliebe für Bioprodukte Nähe unter Nachbarn schafft, und warum es durchaus sinnvoll sein kann, seinen Nachbarn nicht in die Küche einzuladen.
Julia Stephan
In grossen Wohnsiedlungen konzentrieren sich die Menschen darauf, ihr eigenes Nest zu bauen. Die soziale Distanz ist im Vergleich zu Einfamilienhaussiedlungen sehr gross. Hier ein Hochhaus in Berlin. (Bild: AFP)

In grossen Wohnsiedlungen konzentrieren sich die Menschen darauf, ihr eigenes Nest zu bauen. Die soziale Distanz ist im Vergleich zu Einfamilienhaussiedlungen sehr gross. Hier ein Hochhaus in Berlin. (Bild: AFP)

Julia Stephan

Sebastian Kurtenbach, Sie sind zu Forschungszwecken für drei Monate in eine riesige Hochhaussiedlung in Köln-Chorweiler gezogen, die als sozialer Brennpunkt gilt. Wie haben Sie Nachbarschaft dort erlebt?

Auf dem Flur haben sich die neun Parteien jeweils freundlich gegrüsst. Doch dar­über hinaus empfand ich das Leben als sehr anonym. Die wenigen Bewohner, die über den Flur hinaus mit anderen bekannt waren, verband, hatten entweder Kinder, waren miteinander verwandt oder aber sie hatten denselben Migrationshintergrund.

Erhöht das Zusammenleben auf engem Raum das Konfliktpotenzial?

Nicht unbedingt. Denn man hat als Bewohner einer solchen Siedlung gar nicht so viele Konfliktanlässe wie ein Einfamilienhausbesitzer. Der kann ­einen Ast, der in den Nachbargarten hängt, schon als Kriegserklärung empfinden. In grossen Wohnsiedlungen ist man mehr darauf konzentriert, sich sein eigenes Nest zu bauen. Die soziale Distanz ist sehr hoch. Deshalb gibts aber nicht zwingend mehr direkte Konflikte. Denn für einen solchen muss man beim Nachbarn klopfen und sich beschweren. So etwas habe ich relativ selten beobachtet. Der Wunsch nach Abgrenzung war in vielen Fällen höher als die Konfliktbereitschaft.

Mein Eindruck ist: je mehr finanzielle Absicherung, desto weniger Kontakt zum Nachbarn. Entspricht das Ihren Erfahrungswerten?

Eine funktionierende Nachbarschaft ist kein Armutsphänomen. In Köln-Chorweiler bin ich alleinerziehenden Frauen begegnet, die niemanden kannten ausser ihre Familienangehörigen. Sie haben die Anonymität bewusst gesucht und wollten mit ihren Nachbarn nichts zu tun haben. Andererseits findet in den Altbauquartieren Berlin-Kreuzbergs, wo viele gut Situierte leben, auch trotz des Geldes sehr viel Austausch statt.

Was genau lässt Quartiere enger zusammenrücken?

Ähnliche Vorstellungen vom Leben sind wichtig. In Kreuzberg identifiziert man sich mit seinem Nachbarn, weil der auch nur Bioprodukte isst, im Einfamilienhausquartier haben alle Kinder. Diese soziale Homogenität begünstigt den Austausch untereinander.

Heisst das überspitzt, dass wir längerfristig nur noch Stadtteile kennen, in denen Menschen mit gemeinsamen Interessen leben?

In einigen Genossenschaften werden solche Entwicklungen bereits heute schon gesteuert. Zudem konzentriert sich sozialer Wohnungsbau in deutschen Grossstädten häufig auf nur wenige Stadtteile. Dass Menschen tendenziell gerne in die Nähe ihrer Verwandten ziehen, verstärkt eine solche Entwicklung. Was relativ neu ist, ist das Phänomen der digitalen Nachbarschaft, vor allem in grösseren Städten. Über Apps wie Nextdoor kann ich heute im Internet nachschauen, wer in meiner Umgebung mit mir die gleichen Interessen teilt, und wo ich mir am besten einen Hammer ausleihen kann. Und auch über lokale Facebookgruppen tauscht man sich viel aus.

Gleiche Interessen also schaffen Nähe. Was noch?

Notsituationen! Bei Hochwasser oder Sturm zeigt sich: Wenn es drauf ankommt, schliesst man sich zusammen. Aus dem gegenseitigen Vertrauen entstehen sogar Freundschaften.

Gibt es gute Gründe dafür, warum man mit Nachbarn oft nicht über mehr redet als über das Wetter?

Es geht um die Wahrung sozialer Distanz. Eine hervorragende Studie über Nachbarschaft aus dem Jahr 1954 erklärt deren Vorteile auf amüsante Weise. Darin melden sich Hausfrauen eines Dortmunder Arbeiterquartiers zu Wort. Die sagen Dinge wie: «Es bringt nichts, den Nachbarn in seine Küche einzuladen, damit der dann in deinen Kochtopf schaut.» So etwas gebe nur Ärger.

Was ist nun besser fürs Klima: Nähe oder Distanz?

Viele haben die Vorstellung, dass viel nachbarschaftlicher Kontakt sofort gute Nachbarschaft bedeutet. Das trifft aber längst nicht für alle zu. Manche Leute fühlen sich in der Distanz sehr wohl und wollen Nachbarschaft nicht als soziale Verpflichtung erleben.

In der Schweiz muss man sich beim Ausleihen eines Rasenmähers mindestens mit einer Flasche Rotwein revanchieren. Gibts international Unterschiede beim nachbarschaftlichen Miteinander?

Ungeachtet regionaler Unterschiede nimmt die Lockerheit über die Wohndauer zu. In Detroit, wo ich geforscht habe, würde man das mit dem Rasenmäher wahrscheinlich lockerer sehen. In einem Township in Namibia läuft es nochmals ganz anders. Dort herrscht in Bezug auf Gegenstände eine grosse Solidarität. Dinge, die man besitzt, werden ähnlich wie Daten in einer Cloud der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Irgendwann kommen die Gegenstände einfach wieder zu einem zurück.

Der Soziologe Sebastian Kurtenbach (30) hat eine Dissertation über das Leben in herausfordernden Wohngebieten geschrieben.

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