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NACHGEFRAGT: «Empathiemangel und die Entwertung anderer»

Reinhard Haller (66) ist renommierter Narzissmus-Experte aus Österreich. (Bild: PD)

Reinhard Haller (66) ist renommierter Narzissmus-Experte aus Österreich. (Bild: PD)

Reinhard Haller, seit Donald Trump ist der Begriff des Narzissmus in aller Munde. Sie nannten Trump mal einen Grossnarzissten. Worauf gründet sich diese Einschätzung?

Obwohl sich die Psychiatrie vor Ferndiagnosen hüten soll, kann man das von Donald Trump geradezu demonstrativ an den Tag gelegte Verhalten nur als narzisstisch beurteilen. Die extreme Egozentrik, die oft gezeigte Empathielosigkeit, die ständige Entwertung anderer bei gleichzeitiger eigener Empfindlichkeit sind typische Symptome des übersteigerten Narzissmus.

Sie schreiben, Narzissten seien beruflich oft erfolgreich – wieso?

Manche narzisstische Züge, etwa Begeisterungs- und Durchsetzungsfähigkeit oder grosses Selbstvertrauen, fördern die Karriere. Wenn narzisstische Führer im Lauf der Jahre immer weniger teamfähig werden, nicht einmal mehr andere Meinungen oder konstruktive Kritik zulassen und Mitarbeiter ständig entwerten, kommt es zum Absturz. Narzisstische Chefs sind für einen Betrieb in der Anfangsphase von Vorteil, nach etwa 10 Jahren überwiegen aber die Nachteile.

Was unterscheidet den gesunden vom krankhaften Narzissmus?

Narzissmus ist nichts Schlechtes, es kommt wie so oft auf die richtige Dosis an. Hat ein Mensch keine narzisstischen Anteile, kommt es zu neurotischen Reaktionen. Problematisch wird der Narzissmus, wenn die Leidensgrenze überschritten wird: jene der Mitmenschen, aber auch die des Narzissten selbst, etwa wenn es zu Vereinsamung oder zu Stimulanzienmissbrauch kommt.

Und einfacher gesagt: Was unterscheidet Selbstliebe von Selbstsucht?

Narzissmus vermittelt ähnlich wie eine Droge keine echten Emotionen, sondern nur rauschhafte Gefühle. Der Narzisst berauscht sich an Bewunderung und Lob. Davon kann er wie ein Süchtiger nie genug bekommen. Sein psychisches Empfinden ist auf die grossartige Fassade, nicht das Innenleben aufgebaut.

Positive Seiten des Narzissmus sind Selbstvertrauen, Begeisterungsfähigkeit oder auch Empfindsamkeit. Wann kippt das ins Negative?

Wenn die narzisstischen Bedürfnisse, die jeder Mensch hat, überhand nehmen und das Leben des Betroffenen bestimmen, geht die Freiheit verloren. Negativ wird der Narzissmus dann, wenn er auf Kosten anderer ausgelebt wird.

Sind mangelnde Empathie und emotionale Kälte Haupterkennungsmerkmale?

Empathiemangel ist eines der 5 grossen «E», durch welche die narzisstische Störung beschrieben werden kann. Dazu kommen Egozentrik, Eigensucht, Empfindlichkeit und Entwertung anderer.

Wie wird man zum Narzisst? Durch zu wenig Liebe in der Kindheit?

Die Ursachen des Narzissmus sind komplex und nicht restlos durchschaubar. Wesentliche Risikomomente sind aber Übermass oder völliger Mangel an emotionaler Zuwendung in der Kindheit. Wird ein Kind zum «Star» erzogen, wird diese narzisstische Grundhaltung Teil seiner Persönlichkeit sein. Wird andererseits das psychische Urbedürfnis nach Zuwendung und Anerkennung nicht erfüllt, entwickelt der Mensch eine Gier nach narzisstischer Bestätigung.

Was ist amouröser Narzissmus? Ist jeder, der Liebe will, ein Narzisst?

Unter den vielen Formen des Narzissmus sind manche krankhaft, manche gefährlich, manche nur lästig oder gar lächerlich. Zu den eher liebenswürdigen Typen gehört der amouröse Narzisst, welcher hinter allem und jedem seine sexuelle Attraktivität bestätigt sieht.

Was unterscheidet den malignen vom herkömmlichen Narzissmus? Stichwort Serienkiller oder Despot.

Otto Kernberg, weltweit renommierter Psychoanalytiker, hat bei sexuellen Serienmördern ein Persönlichkeitsprofil beschrieben, das man auch bei den grossen Despoten der Menschheit findet. Diese Narzissten sind hochgradig sadistisch, leiden unter krankhaftem Neid und an paranoidem Misstrauen. Sie streben geradezu zwanghaft nach ständiger Kontrolle und Machtausübung.

Warum stürzt der Narzisst stets ab?

Alle Versionen des Narzissmythos enden im Absturz. Dies mag Trost für alle sein, die unter einem Narzissten leiden. Wenn der Narzisst immer mehr abhebt, im narzisstischen Höhenrausch den Bezug zur Wirklichkeit verliert und sich von den Getreuesten verlassen sieht, wird es um ihn einsam. Dann trifft er fatale Entscheidungen oder erträgt es nicht, keine Bewunderung mehr zu erhalten.

Psychoanalytiker Erich Fromm (1900–1980) benennt auch den Gruppennarzissmus. Stichwort Patriotismus oder Fanatismus.

Narzissmus erfasst nicht nur den Einzelnen, sondern Gruppen, Massen und Völker, manchmal die ganze Menschheit. Gruppennarzissmus, wie wir ihn in terroristischen Vereinigungen oder überzogenem Nationalismus sehen, unterliegt denselben psychologischen Gesetzmässigkeiten wie Individualnarzissmus.

Sie sagen, dass Narzissmus von der Krankheit zum Leitbild wurde. Wohin führt uns dieses Leitbild?

Tatsächlich galt Narzissmus über Jahrhunderte als Sünde oder war das Privileg der Mächtigen. Später wurde die narzisstische Persönlichkeitsstörung zur Krankheit erklärt. Heute ist Narzissmus ein erstrebenswertes Ideal. Die Ego-AG lebt nach dem Prinzip: «Ich, Icher, am Ichesten». Geht diese Entwicklung weiter, führt sie zu sozialer Kälte und gesellschaftlicher Entsolidarisierung. Weil aber immer bei wachsender Gefahr auch das Rettende wächst, gibt es Gegenbewegungen, wie etwa im Umweltbereich.

Warum sind Narzissten mal herzlich, mal eiskalt?

Narzisstische Störungen sind oft mit emotionaler Instabilität und Launenhaftigkeit verbunden. Das Zusammenleben mit narzisstischen Persönlichkeiten erfordert grosse Opfer. Wenn ein Partner oder Chef sich als Narzisst durch und durch erweist, kann ich als Psychotherapeut nur einen völlig untherapeutischen Rat geben: Ergreifen Sie die Flucht und kehren Sie niemals wieder. (sh)

Hinweis

Reinhard Haller, 1951 geb. in Vorarlberg, ist Psychiater, Neurologe und Chefarzt an der Suchtklinik Stiftung Maria Ebene. 2013 erschien sein Buch «Die Narzissmusfalle». Er verfasste zahlreiche Gutachten als Gerichtssachverständiger.

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