NATUR: Diese Tiere wären die besseren Osterhasen

Ostern hin oder her: Feldhasen sind Nieten, wenn es ums Verstecken geht. Die Tierwelt hat diesbezüglich ganz andere Kaliber zu bieten. Vögel vor allem.

Kerstin Viering
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Tannenhäher kennen rund 10 000 Verstecke. (Bild: Getty)

Tannenhäher kennen rund 10 000 Verstecke. (Bild: Getty)

Kerstin Viering

Der Osterhase ist eine komplette Fehlbesetzung. Schliesslich sieht sein Stellenprofil vor allem eine Aufgabe für ihn vor: Osternester verstecken. Und dafür sind Feldhasen einfach nicht qualifiziert. Der Hase frisst lieber selber, als etwas zu verstecken. Dafür hätte die Tierwelt ein paar deutlich bessere Kandidaten zu bieten.

Viele davon stellen ihre Talente allerdings nicht an Ostern, sondern eher im Herbst unter Beweis. Eichhörnchen zum Beispiel verbringen dann jeden Tag einige Stunden damit, Nüsse und andere Nahrung für den Winter in Astgabeln und Rindenspalten zu deponieren oder im Boden zu vergraben.

Auch Eichelhäher machen sich viel Arbeit, wenn sie ihre Wintervorräte an den verschiedensten Stellen verbergen. So hat ein einziger Vogel in Sachsen-Anhalt in nur drei Wochen nachweislich 2200 Eicheln versteckt, in anderen Studien kamen einzelne Vögel sogar auf bis zu 5000 Exemplare. Ähnlich fleissig ist der Tannenhäher, der in den Alpen und anderen nadelwaldreichen Regionen vorkommt. Geschickt pickt er dort die Kerne aus den Zapfen der Zirbelkiefer und verstaut sie in bis zu 10'000 verschiedenen Verstecken!

Dezentrale Lagerung hat einen grossen Vorteil: Sollten andere Tiere ein Versteck entdecken und plündern, ist nicht gleich der ganze Wintervorrat dahin. Allerdings hat die Sache auch einen Haken. Denn irgendwie muss man seine Schätze ja auch wiederfinden. Und das ist deutlich schwieriger, wenn sie statt in einer zentralen Vorratskammer in Hunderten von Verstecken ­lagern.

Raben haben ein Spitzengedächtnis

Wenn sie mit knurrendem Magen eines ihre Depots aufsuchen wollen, lassen sich Säugetiere gern von ihrer Nase leiten. Vögel dagegen merken sich unter anderem markante Wegweiser wie Steine, Bäume und andere Besonderheiten der Landschaft. Vor allem die Rabenverwandtschaft kann sich dabei nicht nur auf ihr gutes räumliches Orientierungsvermögen verlassen, sondern auch auf ein hervorragendes Gedächtnis.

Russell Balda von der Northern Arizona University und Alan Kamil von der University of Massachusetts haben das Erinnerungsvermögen von Kiefern­hähern getestet. Diese Vögel, die in den Kiefernwäldern im Westen Nordamerikas leben, konnten sich noch nach mehr als neun Monaten ziemlich genau an ihre Futterverstecke erinnern.

Wie aber merken sich die Tiere das alles? Eine gängige Theorie besagt, dass sie ihre Verstecke regelmässig aufsuchen, um ihr Gedächtnis aufzufrischen.

Ben Hirsch von der Ohio State University und seine Kollegen haben das zum Beispiel bei Mittelamerikanischen Agutis beobachtet. Diese Nagetiere, die zwischen dem südlichen Mexiko und Argentinien leben, vergraben allerlei Samen im Boden. Mit Überwachungskameras haben die Forscher festgestellt, dass sich die Agutis nicht nur an die Lage solcher Vorräte erinnern. Sie gehen regelmässig auf Pa­trouille zu ihren Verstecke und graben ihre Schätze ab und zu auch wieder aus. Möglicherweise wollen sie sich so vergewissern, dass die Samen noch da sind und dass sich ihre Qualität nicht verschlechtert hat.

Aber auch ein echter Gedächtniskünstler kann sich nicht alles merken. Und das ist aus ökologischer Sicht ein Glück. Denn aus den vergessenen Nüssen, Eicheln und anderen Samen keimen neue Bäume. Arten wie Eichelhäher und Tannenhäher, Eichhörnchen und Agutis spielen daher eine wichtige Rolle für die Samenverbreitung und die Verjüngung von Wäldern.

So könnte sich die Zirbelkiefer ohne die Aktivitäten des Tannenhähers wohl nur talwärts ausbreiten. Da ihre schweren, ungeflügelten Samen mit dem Wind nicht weit kommen, brauchen sie für den Weg bergauf ihre gefiederten Transporteure. Und die verhungern auch dann nicht, wenn sie nicht jedes ihrer zahlreichen Verstecke leeren.

Klauen bei andern geht auch

Zumal man seinen Hunger ja nicht unbedingt nur mit den eigenen Vorräten stillen muss. Gerade Rabenvögel fallen oft durch einen ausgeprägten Hang zum Diebstahl auf. So muss der Westliche Buschhäher jederzeit mit gierigen Artgenossen rechnen, die seine Futterverstecke ausspionieren und plündern wollen. Also holen diese nordamerikanischen Rabenvögel ihre Leckerbissen ab und zu wieder hervor und verstecken sie woanders, damit eventuelle Spione leer ausgehen. Dabei analysieren die Vögel sehr genau, ob eine solche Vorsichtsmassnahme nötig ist.

Auch Eichelhäher folgen der Devise, dass man Nahrungsdepots besser geheim halten sollte. Sie vermeiden es sogar, beim Verbergen ihrer Schätze belauscht zu werden. Das zeigt ein Experiment, in dem Rachel Shaw und Nicola Clayton von der University of Cambridge den Vögeln die Wahl zwischen zwei Substraten liessen: Die Tiere konnten ihre Erdnüsse entweder in knirschendem Kies oder in weitgehend lautlosem Sand vergraben. War ein Artgenosse anwesend, entschieden sie sich viel häufiger für die stille Variante – allerdings nur, wenn der mögliche Plünderer die Vorgänge zwar hören, aber nicht sehen konnte. Offenbar begreifen Eichelhäher durchaus, dass selbst völlige Lautlosigkeit gegen scharfsichtige Beobachter nichts hilft.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Tricks, mit denen man gefrässige Spione von seinen Schätzen fernhalten kann. Vor allem der Einfallsreichtum von Kolkraben scheint in dieser Hinsicht nahezu unerschöpflich zu sein. Thomas Bugnyar und seine Kollegen von der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Grünau und der Universität Wien staunen in ihren Versuchen immer wieder darüber, welche Raffinesse die Tiere beim Verstecken und Stehlen von Futter an den Tag legen.

So berücksichtigen die Vögel sehr genau den Informationsstand ihrer Artgenossen. Wenn es zum Beispiel ans Plündern geht, nehmen sie sich als erstes die Depots vor, die auch ihre Gefährten kennen. Und um selbst einen Happen zu verstecken, passen sie am liebsten einen unbeobachteten Moment ab.

Fühlen sie sich dagegen im Visier von möglichen Konkurrenten, versuchen sie es mit einem Täuschungsmanöver. In einem Versuch der österreichischen ­Forscher wussten die schwarzen Trickser zwar genau, unter welcher von mehreren Dosen ein Leckerbissen versteckt war. Doch unter den indiskreten Blicken der übrigen Raben holten sie ihn nicht sofort hervor.

Sie wollten wohl nicht riskieren, den fressbaren Schatz gleich an einen stärkeren Artgenossen zu verlieren. Also lockten sie potenzielle Diebe erst einmal zu einer leeren Futterbüchse. Und während die reingelegte Konkurrenz noch an der falschen Stelle suchte, holten sie gefahrlos ihren Snack aus dem richtigen Versteck.

Wie professionelle Hütchenspieler

Mitunter legen die schwarzen Vögel bei solchen Experimenten das Geschick von professionellen Hütchenspielern an den Tag. Selbst die Wissenschafter verlieren da schon mal den Überblick darüber, wo sich der Leckerbissen gerade befindet.

So glaubte Christian Schloegl von der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle eines Tages genau gesehen zu haben, wie ein Rabenweibchen seinen Schatz von einem Versteck in ein anderes schaffte. Doch als der Forscher dort nachsah, war das Depot zu seiner Verblüffung leer. Das Tier hatte den Versteckwechsel nur vorgetäuscht. Vielleicht wären Raben als Osterboten ja doch nicht die beste Wahl. Sie sind einfach zu clever. Schliesslich will man ja auch nicht bis Pfingsten suchen, bis alle Ostereier gefunden sind.

A jay flies with two acorns in its beak in Hamburg, Germany, Sunday 17 October 2004. The jaybird (Garrulus glandarius) belongs to the family of raven birds and as a result of global warming has expanded its breeding-grounds further north. Thus the birds can now be seen more often in German forests as well as in parks and residential areas. The breeding birds defend their territory vehemently against conspecifics. EPA/Wolfgang Zabel (Bild: .Bild: Wolfgang Zabel/EPA)

A jay flies with two acorns in its beak in Hamburg, Germany, Sunday 17 October 2004. The jaybird (Garrulus glandarius) belongs to the family of raven birds and as a result of global warming has expanded its breeding-grounds further north. Thus the birds can now be seen more often in German forests as well as in parks and residential areas. The breeding birds defend their territory vehemently against conspecifics. EPA/Wolfgang Zabel (Bild: .Bild: Wolfgang Zabel/EPA)

Raben tricksen ihre Fresskonkurrenten meisterhaft aus. (Bild: Andyworks (iStockphoto))

Raben tricksen ihre Fresskonkurrenten meisterhaft aus. (Bild: Andyworks (iStockphoto))

Eichhörnchen sind unermüdliche «Verstecker». (Bild: Patrick Pleul/EPA)

Eichhörnchen sind unermüdliche «Verstecker». (Bild: Patrick Pleul/EPA)