NATURHEILKUNDE: Bitter blüht der Enzian

Der Gelbe Enzian enthält den bittersten aller bislang entdeckten Stoffe. Diese Bitterkeit stärkt den Magen und bringt den Menschen in Schwung.

Ulrike von Blarer Zalokar
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Gelb, und nicht blau: Dieser Enzian wächst in Mittel-, Süd- und Südosteuropa. (Bild: Getty)

Gelb, und nicht blau: Dieser Enzian wächst in Mittel-, Süd- und Südosteuropa. (Bild: Getty)

Ulrike von Blarer Zalokar

Jetzt im Frühjahr, bevor die neuen Blätter ausgetrieben werden, oder dann im Herbst nach der Blüte: Wer Gelben Enzian im Garten hat und dessen Bitterkeit naturheilkundlich nutzen möchte, kann nun die Wurzel ernten.

Und warum ist hier die Rede vom eigenen Garten? Weil ich Mühe hätte, wild wachsenden Gelben Enzian zu pflücken: Teilweise steht dieser sogar unter Schutz, zwar nicht in der Schweiz, aber zum Beispiel in Deutschland und in Österreich. Deswegen, so meine ich, sollten wir ein wenig auf den Enzian aufpassen und nur eigenen verwenden oder ihn aus der Apotheke holen.

Genutzt wird der Gelbe Enzian seit der Antike, und da hat er auch seinen Namen erhalten: Gentiana lutea. Lutea steht für gelb, gentiana steht für den illyrischen König Genthios. Der Gelbe Enzian wächst in gebirgigen Regionen Mittel-, Süd- und Südosteuropas, und zwar bis auf 2500 Meter Höhe.

Bis zur ersten Blüte vergehen Jahre

Man erntet, wenn die Pflanze richtig gross und kräftig ist. Dazu braucht es Geduld: Bis Gentiana lutea zum ersten Mal blüht, vergehen Jahre, man spricht von zehn, und da ist der Gelbe Enzian etwa einen Meter hoch, bis zu sechzig Jahre alt kann er werden.

Ausserdem bildet er eine wirklich grosse Wurzel: Dieses Rhizom ist oft armdick, bis zu vier Kilo schwer und bis zu einem Meter lang, wenn es der Pflanze gefällt: kalkhaltiger Boden, keine stehende Feuchtigkeit, schön offen und sonnig. Frisch aus dem Boden geholt, schneidet man die Wurzel längs in zwei Teile und hängt sie zum Trocknen auf. Oder man macht aus dieser frischen Wurzel gleich einen Alkoholauszug als Tinktur.

Dazu übergiesst man die frische und klein geschnittene Enzianwurzel mit einer Spirituose, lässt sie vier Wochen ziehen, in einem verschlossenen Glas. Abseihen und täglich vor den Mahlzeiten etwa 15 Tropfen nehmen.

Für einen Tee übergiesst man einen halben Teelöffel getrockneter Enzianstücke aus der Apotheke mit einer Tasse kochenden Wassers. Ein bis zwei Tassen pro Tag trinken, am besten vor den Mahlzeiten. Sollten Kopfschmerzen auftreten, die Therapie besser absetzen. Und Achtung: Falls man unter einem reizempfindlichen, übersäuerten Magen oder gar einem Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür leidet, verzichtet man auf Gentiana lutea. Gelber Enzian: Es gibt wohl keine andere Pflanze, die dermassen bitter schmeckt.

Nicht mit dem giftigen Weissen Germer verwechseln!

Wer absolut sichergehen will, dass er Gentiana lutea nicht mit dem giftigen Weissen Germer, Veratrum album, verwechselt: Die Wurzeln zeigen den Unterschied ganz deutlich. Die von Gentiana lutea ist gelb, die von Veratrum album weiss. Während der Blüte sieht man den Unterschied zwischen diesen Pflanzen zudem klar – Verwechslungen passieren während der blütefreien Zeit. Weisser Germer hat weisse, Enzian gelbe Blüten. Weisser Germer kann zu Atemlähmung und zu Kollaps führen – bei einer Verwechslung sollte man sofort den Notarzt rufen.

Und welche Wirkungen darf man vom Gelben Enzian erwarten? Zu Zeiten von König Gen­thios wurde er bei Magenleiden eingesetzt, auch bei Leberproblemen, bei Bissen von giftigen Tieren, Krämpfen und inneren Verletzungen. Äusserliche Verwendung fand er bei Geschwüren und Wunden, auch als Gichtmittel. Ärzte und Pharmakologen des Mittelalters verschrieben ihn, um Herz und Nerven zu stärken. Eine Wirkung stach und sticht besonders hervor: Gentiana lutea regt bei Magen- und Verdauungsbeschwerden den Stoffwechsel an und stärkt den Magen.

Und nicht nur die ungeheure Bitterkeit von Gentiana lutea ist interessant, sondern auch sein reflektorischer Wirkmechanismus: Lutea regt im Mund über die Geschmacksknospen auf dem Zungengrund den Speichelfluss an, und das wiederum regt die Magensäfte an. Das Bittere erleben wir in unserem Alltag ja kaum mehr, den meisten Gemüsen und Salaten wurde es weggezüchtet, so gut es geht, und leider geht es eben gut.

Bitterstoffe sind Balsam für den Magen

Doch ist dieses Bittere wichtig, damit Magen und Verdauung gut funktionieren, und so wird Bitteres fast überall geschätzt, sei es in der europäischen, der chinesischen und auch der ayurvedischen Medizin. Ausserdem: Gerade, wenn wir uns sowieso schon nicht allzu bewusst ernähren, ist Bitteres angezeigt.

Bitterstoffe sind nicht genug zu loben: Der Speichel fliesst, die Nahrung wird schon im Mund gut aufgelöst und trifft dann auf einen Magen, der sich bestens auf seine Aufgabe vorbereitet hat. Seine Säfte fliessen, seine Schleimhaut ist voll durchblutet, schliesslich wurde er bereits über das Nervensystem informiert, dass da was kommt. Auch der Darm weiss schon, was bevorsteht, er bewegt sich besser, seine Peristaltik kommt in Gang.

Doch jetzt – nach der Fasnacht, die ja nicht nur Bier und Schnaps, sondern auch fettreiche Nahrung gebracht hat – hilft uns Lutea zuerst, Magen und Darm zu stärken: Eine starke Verdauung ist eine super Grundlage für ein gesundes Leben.

Hinweis
Ulrike von Blarer Zalokar leitet mit ihrem Mann und ihrem Sohn die Heilpraktikerschule Luzern. Sie ist Autorin unter anderem des 5-Elemente-Kochbuches «EssenZ aus der Kuche»: www.heilpraktikerschule.ch