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NIEDERLAGEN: Charles Pépin über «Die Schönheit des Scheiterns»

Wie auch immer die heutige Bundesratswahl ausgeht: Zwei Kandidaten werden scheitern. In unserer aufs Gewinnen ausgerichteten Zeit ist das nicht vorgesehen – aber umso wertvoller.
Rolf App
Roger Federer nach einer Niederlage: «Ich habe zwar verloren, aber jetzt weiss ich, was ich wissen wollte.»

Roger Federer nach einer Niederlage: «Ich habe zwar verloren, aber jetzt weiss ich, was ich wissen wollte.»

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Für Steve Jobs war «bei Apple gefeuert zu werden das Beste, was mir passieren konnte». J. K. Rowling erreichte mit dem Tiefpunkt auch «das Fundament, auf dem ich mein Leben aufgebaut habe». Ray Charles sah sich vor die Wahl gestellt, «mich entweder als Bettler mit einem Blindenstock und einer Almosenschale an eine Strassenecke zu stellen oder alles daranzusetzen, um Musiker zu werden». Stan Wawrinka schliesslich hat auf seinem Unterarm Folgendes tätowiert: «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.» Das Zitat stammt von Samuel Beckett: «Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.»

Niederlagen, nicht Siege formen uns

Doch was soll denn positiv sein am Scheitern? Heute, bei der Bundesratswahl, werden zwei von drei Kandidaten scheitern. Werden sie, wie viele vor ihnen, kaum beachtet von dannen schleichen? Und sich gedemütigt fühlen? Denn unsere Zeit und unsere Welt hat es mit den Siegern, nicht mit den Verlierern. Fast um jeden Preis strebt sie nach Erfolg, nicht nach Niederlage. Sie fragt nicht: Wo bist du überall gescheitert? Obwohl uns die vielen Niederlagen formen, nicht die wenigen Siege. Und obwohl spätere Siege aus Niederlagen wachsen.

Genau das ist es, was der französische Philosophielehrer und Sachbuchautor Charles Pépin in seiner «kleinen Philosophie der Niederlage» zeigen will, wie sein Buch über «Die Schönheit des Scheiterns» im Untertitel heisst. Auf die Frage, warum er sich denn diese Worte habe auf den Arm tätowieren lassen, antwortete Wawrinka, sie hätten ihn immer getragen, durch alle Niederlagen hindurch, die er als Tennisprofi habe einstecken müssen.

Vorher war Steve Jobs ein überheblicher Mensch

Doch geht es um mehr, die Geschichten von Steve Jobs, J. K. Rowling und Ray Charles verweisen darauf. Bevor Steve Jobs Apple verlassen musste, war er ein überheblicher Mensch. Der kometenhafte Erfolg seines Computerunternehmens war ihm zu Kopf gestiegen. So sah er nicht ein, dass der Misserfolg des ersten Macintosh etwas mit den Bedürfnissen der Kunden zu tun haben könnte – und wurde 1985 vom neuen CEO aus dem Unternehmen gedrängt. Er gründete Next, kaufte das Trickfilmstudio Pixar und hatte so viel Erfolg, dass seine ehemalige Firma ihn aufkaufte und wieder einstellte. Die Krise aber hatte ihn vor allem eines gelehrt: Demut.

Viel schwerer hatten es J. K. Rowling und Ray Charles. Rowling hatte Mann und Stelle verloren, stand allein da mit einer kleinen Tochter und konnte nur nachmittags und nachts schreiben, wenn diese schlief. Bis das mühselig erarbeitete, zunächst von vielen Verlagen abgelehnte erste Harry-Potter-Buch zum gigantischen Welterfolg wurde.

Noch schlimmer erging es Ray Charles. Mit sieben verlor er das Augenlicht. Neun Monate zuvor hatte er mitansehen müssen, wie sein Bruder ertrank. Als er fünfzehn war, starb seine Mutter. Und doch hielt er sich nicht damit auf, das Schicksal zu beklagen. Vielmehr richtete er sich nach Nelson Mandelas Devise: «Ich verliere nie! Entweder ich gewinne, oder ich lerne!», hat der Mann gesagt, der Jahrzehnte in südafrikanischen Gefängnissen verbracht hat.

Doch was kann man lernen aus Niederlagen? Es ist erstaunlich viel. Niederlagen können bedeuten, dass man den falschen Weg geht. Das kann ein einzelnes Vorhaben betreffen, oder auch das Leben als Ganzes. Charles Darwin hat zuerst ein Medizinstudium, dann ein Theologiestudium an den Nagel gehängt, bevor er auf dem Forschungsschiff «Beagle» seine Berufung fand. Thomas Edison hat Nächte in seiner Werkstatt verbracht, und auf die Vorhaltungen eines Mitarbeiters gesagt: «Ich bin nicht tausendmal gescheitert. Ich habe erfolgreich tausend Möglichkeiten entdeckt, wie die Glühbirne nicht zum Leuchten gebracht wird.» Bis sie tatsächlich leuchtete.

So gibt es «Fehlschläge, die unseren Willen befeuern, und andere, die ein Loslassen ermöglichen», fasst Charles Pépin zusammen. Wir können scheitern, «weil wir Menschen sind und weil wir frei sind: frei, uns zu irren – frei, uns zu korrigieren – frei, uns weiterzuentwickeln».

Zlatan Ibrahimovic schiesst ein Tor

Ein besonders ergiebiges Feld für das Studium des Misserfolgs stellt der Sport dar. «Ich habe 9000 Würfe danebengesetzt», zitiert Pépin den Basketballspieler Michael Jordan. «Ich bin gescheitert, immer und immer wieder. Und darum war ich so erfolgreich.» Und zwar in dem Sinn, wie Roger Federer es im Davis-Cup-Final 2014 auf den Punkt gebracht hat, als er nach der Auftaktniederlage erklärte: «Ich habe zwar verloren, aber jetzt weiss ich, was ich wissen wollte.» Etwas wagen heisst immer auch, das Wagnis des Scheiterns einzugehen. Doch auch wenn nicht alles von unserem Willen abhängt: Sich einfach in die Dinge fügen muss man nicht. Um das zu illustrieren, macht Charles Pépin auf dem Fussballplatz Halt und schaut Zlatan Ibrahimovic zu, wie er im Spiel von Paris Saint-Germain gegen den SC Bastia ein geradezu traumhaftes Tor schiesst. In diesem Moment vor dem Tor verdichten sich bei Zlatan Ibrahimovic die Resultate von jahrelangem Training und intensivem Taekwondo in seiner Jugend. Das sei die erste Voraussetzung des Wagemuts: «Wer Erfahrung hat, kann sich trauen, den einen Schritt mehr zu tun.»

Der Fall Google: Erfolgreich trotz Fehlschlägen

Allzu perfektionistisch darf man dabei nicht zu Werke gehen. Die Digitalwirtschaft sei eine hervorragende Schule, um uns von der Krankheit des Perfektionismus zu heilen. Ständig lanciert sie neue Produkte, manchmal mit, oft ohne Erfolg. Was aber nichts macht. Denn, schreibt Pépin, «es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Fehlschläge, der Innovationskraft und der Macht von Google».

Vielleicht gilt ja, was den Erfolg von Google auszeichnet, auch für uns Normalsterbliche.

Charles Pépin: Die Schönheit des Scheiterns. Kleine Philosophie der Niederlage, Hanser

Hat sich nicht damit aufgehalten, sich über sein Schicksal zu beklagen: Ray Charles. (Bild: Getty/ Hulton Archive)

Hat sich nicht damit aufgehalten, sich über sein Schicksal zu beklagen: Ray Charles. (Bild: Getty/ Hulton Archive)

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