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OLIVER SACKS: Fragen an die Schaltzentrale

Mit grossem Respekt vor allem Lebendigen erkundet der Neurologe in seinem letzten Buch Kreativität und Bewusstsein – und nimmt Abschied vom Leben.
Rolf App
Human brain model, studio shot (Bild: Steve McAlister (The Image Bank))

Human brain model, studio shot (Bild: Steve McAlister (The Image Bank))

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Noch mit Anfang siebzig erfreut sich der Neurologe Oliver Sacks bester Gesundheit. Jeden Tag schwimmt er im Atlantik und geht im Übrigen seiner doppelten Arbeit nach: Er kümmert sich um seine Patienten, und er schreibt anteilnehmend über deren oftmals seltsame Erkrankungen. Er staunt: über die Irrwege, die unser Gehirn gehen kann, und über die Fähigkeit des Menschen, auch mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen fertigzuwerden. Davon erzählt er im Januar 2002 in einem humorvoll-bewegten Gespräch, als er zu einer Lesung aus seinen Jugenderinnerungen («Onkel Wolfram») nach Zürich kommt.

Privates Glück und letzte Krankheit

Drei Jahre später macht sich plötzlich und dramatisch eine Krebserkrankung bemerkbar – ein Melanom am rechten Auge, das sich zunächst als einseitige intensive Helligkeitswahrnehmung und dann als partielle Blindheit manifestiert. «Melanome haben einen sehr schlechten Ruf, und als ich die Diagnose hörte, verstand ich sie als Todesurteil», schreibt er darüber in seiner Autobiografie («On the Move – Mein Leben»), die er in dieser lebensbedrohlichen Situation in Angriff nimmt. Immerhin zehn Jahre noch wird Oliver Sacks leben und wird sogar sein privates Glück finden mit dem Schriftsteller Billy. «Ich hatte gelegentlich das Gefühl gehabt, etwas am Leben vorbeizuleben. Das veränderte sich, als Billy und ich uns verliebten. Ich musste die Gewohnheiten lebenslanger Einsamkeit verändern.»

Am Tag zehn ist die Krise überstanden

Am 30. August 2015 stirbt Oliver Sacks 81-jährig in New York. Er hat noch den weltweiten Erfolg von «On the Move» erlebt, und er hat ein letztes Buch in Angriff genommen, das heute erscheint und den Titel «Der Strom des Bewusstseins» trägt (siehe Kasten). Der grosse Geschichtenerzähler verbeugt sich darin zum einen vor jenen drei grossen Forschern, denen er so viel verdankt: vor Charles Darwin, vor Sigmund Freud und vor dem grossen Psychologen William James. Und zum andern kommt er auf seine eigene Weise zurück auf die grossen Themen seines Lebens. Er fragt: Wo steht der Mensch in der Natur, was verbindet ihn mit ihr? Wie entsteht Bewusstsein, und: Wie entsteht Kreativität? Und da und dort verknüpft er die Wissenschaft auch mit dem eigenen Schicksal.

Schon in «On the Move» beschreibt Sacks, wie ihn dieses Melanom nicht nur schreckt, sondern auch fasziniert. In «Der Strom des Bewusstseins» nun erzählt er, wie er sich im Februar 2015 einer Therapie gegen die vielen Metastasen in seiner Leber unterzieht, die – die Ärzte haben ihn gewarnt – den Körper abrupt aus jenem Gleichgewicht katapultiert, in dem er sich normalerweise befindet. Ohne dass wir uns darum zu kümmern brauchten. Er fühlt sich grauenhaft, schläft mitten im Satz ein, in seinem Körper sammelt sich Wasser an. Und dann, am Tag zehn, ist er am Nachmittag ein völlig anderer Mensch. Plötzlich ist er von physischer und kreativer Energie erfüllt. Sein Körper hat jenes Gleichgewicht wiedergefunden, das bis hinab in die einzelne Zelle ein so wichtiges Kennzeichen funktionierenden Lebens ist und dem er deshalb auch ein eigenes Kapitel widmet.

Als Arzt versteht Oliver Sacks viel von dem, was sich in solchen Situationen im Körper abspielt. Dieses Wissen nun verstärkt noch jene Bewunderung, die er dem Leben gegenüber empfindet – durchaus über die Sphäre des Menschlichen hinaus. Deshalb widerspricht er auch vehement der Auffassung, Darwin habe mit seiner Evolutionstheorie den Sinn aus der Welt verbannt. Darwins Sinn liegt in der Kontinuität des Lebens. Sie zeigt sich darin, dass wir die ungeheure Geschichte des Lebens in unserer Anatomie, unseren Verhaltensweisen, unseren Instinkten und Genen tragen. «Ich geniesse dieses Wissen um meine biologische Einzigartigkeit und um mein unendliches biologisches Alter und meine biologische Verwandtschaft mit allen anderen Lebensformen. Dieses Wissen verleiht mir Wurzeln.»

Kreativität verlangt das Unbewusste

Einzigartig bleibt der Mensch gleichwohl, als Tierart wie als Individuum. Als Wesen mit jenem Bewusstsein, zu dessen Erforschung Sacks eine enge Zusammenarbeit mit dem Nobelpreisträger Francis Crick eingegangen ist. Riesige Nervenzellverbände feuern im selben Takt. So entsteht, was wir Bewusstsein nennen – wobei noch viele Fragen offen bleiben. Nicht nur auf diesem Gebiet der Hirnforschung.

Noch rätselhafter ist die Kreativität, jener Sprung aus der Nachahmung ins Neue, der Oliver Sacks zutiefst fasziniert. «Kreativität verlangt nicht nur Jahre bewusster Vorbereitung und Ausbildung», stellt er fest, «sondern auch eine frühzeitige Beteiligung des Unbewussten.» Und der Hirnforscher ist überzeugt: «Sollten wir eines Tages Hirnbilder von ausreichender Auflösung anfertigen können, würden diese meiner Meinung nach eine ungewöhnliche und weit verteilte Aktivität mit unzähligen Verbindungen und Synchronisationen zeigen.»

Erlebt hat Oliver Sacks das nicht mehr. Dennoch geht er voller Dankbarkeit.

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